III.

Reise in das Innere von England.

1. Weg nach Birmingham


Der Weg von London nach Bath wird am häufigsten besucht; daher ist er allmählich mit vielen Häusern von netter Bauart besetzt worden. Mehrere fanden hier Nahrung, bauten und meublierten sich niedlich; andere ahmten nach, bekamen Geschmack an Gärtnerei, an zierlichem Ameublement u.s.w.

Bath ist eine artige Stadt, und ganz von Kalk (Free-stone) gebaut. Aspler-stone, eine kompakte Art, kann mit einer Axt gebrochen werden, härtet sich aber in der Luft. Er wird von 20 bis 30 Meilen hergeschafft; der gemeine Free-stone findet sich auf der Stelle, wie auch Backsteinthon. Der Sandstein (bläuliche), der zu Platten für die Fußbänke gebraucht wird, bricht unter dem Kalk (Free-stone), einem wahrem Hammit oder Rogenstein. Er ist sehr hart und kompakt; doch läßt sich das Korn erkennen. Im Hammit sind hier und da sehr schmale Spatklüfte, etwa 1/4 Zoll breit. Die Bauleute unterscheiden sehr die verschiedenen Arten nach Dichtigkeit und Zusammenhang, wo der Mineralog nur geringe Varietät sieht.

Der Luxus ist in Bath so groß, als in London. Man rechnet 800 neu erbaute Häuser, und Häuser, an denen noch gebaut wird. Man lebt hier übrigens bloß für Ergötzlichkeiten, nicht für Politik.

Miß Pulteney, eine Dame von zwanzig tausend Pfund Einkünften, hat eine große Besitzung, Laura-place, welche jetzt bebaut wird. Das Erdreich fing an nachzusinken von dem Absturze des Berges; daher baut man jetzt mit Faschinen, rammt Pfähle ein, u.s.w., um zu verhindern, dass die Häuser nicht in Gefahr kommen.

Der Weg von Bath nach Bristol ist hügeliger, als der bisherige. Wir fanden an einem Orte in der Mauer eines Hauses große cornua Ammonis befestigt.

Bristol ist ein häßlicher, schmutziger, schlecht gebauter Ort; hat aber eine sehr schöne Lage an der Avon. Längs diesem Flusse laufen die Quays eine ziemliche Strecke hinabwärts; und hier liegen die kleinen Fahrzeuge, deren jedoch keine große Anzahl vorhanden zu sein scheint. Hier sind auch die Werfte, wo neue Schiffe erbaut, und alte ausgebessert werden. Unter andern sah ich hier einen so genannten dry Dock. Vermittelst einer Schleuse wird bei der Flut das auszubessernde Schiff hineingelassen; dann läßt man das Wasser ablaufen, und schließt die Schleuse, so dass das Schiff auf dem Trockenen bleibt, und die Zimmerleute überall bequem beikommen können. Die Seiten dieses Bassins sind stufenweis ausgearbeitet, so dass man von einer Stufe zur andern bis auf den Boden hinab kommen kann.

Die Ebbe steigt und fällt hier in der Avon sehr ansehnlich, ob sie gleich erst mehrere Englische Meilen unterhalb der Stadt ihre Mündung in den großen Severnfluß hat. Dort gehört die Flut zu den stärksten, die es in der bekannten Welt gibt. – Es ist indes sehr merkwürdig, dass die weiten Mündungen der Englischen Flüsse mit ihrer inländischen Größe nicht in Verhältnis stehen; denn nur wenige Meilen hinaufwärts sind sie gemeiniglich sehr unbedeutend, so z.B. die Themse bei Maidenhead, die Severn bei Glocester, u.s.f. – Eigentlich kann es also wohl von ihnen heißen: sie ergießen sich in große Meerbusen, die wegen ihrer Tiefe und Weite der Schifffahrt viele Bequemlichkeiten verschaffen.

Der Handel von Bristol ist bekanntlich seit einigen Jahren sehr in Abnahme geraten, fast in dem Verhältnisse, wie der von Liverpool gestiegen ist. Die Ursachen dieses Verfalles liegen tiefer, als dass ich sie hier entwickeln könnte. Vielleicht gehört die unbequeme Einfahrt in die Rhede, Kings road, vielleicht auch die Emancipation von Irland unter die wesentlichsten.

Wir übernachteten im white Lion, einem elenden Wirtshause, wo wir indes doch eine Bristolsche Zeitung im Kaffeezimmer fanden, wie denn nicht bloß diese, dem Range nach zweite oder dritte Handelsstadt in England, sondern beinahe jedes kleine Landstädtchen mit dieser Bequemlichkeit versehen ist.

Den andern Morgen (8. Jun.) mußten wir schon um halb vier Uhr heraus und um vier Uhr ging der Postwagen nach Birmingham durch das schöne Glocestershire ab. – Einige Meilen von Bristol, in der Gegend von Stone, auf einer Anhöhe, zeigte sich uns plötzlich der ganze schöne lang ausgestreckte Meerbusen des Severnstroms, der Somerset und Glocestershire von dem Fürstentum Wales trennt. Dieser Prospekt ist einer der reichsten in der Welt; und wäre es nicht trübe auf den Hügeln und am Horizont gewesen, so müßten wir hier einen Anblick ohne seines Gleichen gehabt haben: denn schon bei allem Nachteiligen des bewölkten, halb in Nebel geschleierten Morgens entzückte er uns. Der Busen der Severn lag mehrere Deutsche Meilen lang, so weit das Auge reichte, vor uns da, und dehnte sich immer mehr aus, wie er sich dem Ozean nahte. Die Berge von Wales hüllten ihre Gipfel in die Wolken; aber die niedere Gegend blieb sichtbar, und auf ihr leuchteten in Sonnenblicken, welche verloren durch die Wolken schlüpften, einzelne Türme, Landhäuser oder Städtchen. Das Wasser, wo es uns am nächsten war, verlor sich hinter einem schönbewachsenen Hügel, und kam wieder jenseits desselben als ein schöner See zum Vorschein. Der Rhein im Rheingau hat nirgends diese Breite. Diesseits war der Vordersaum eine zauberische mit hellbelaubten Eschen bepflanzte Anhöhe, und ein unendliches Tal, welches sich gegen den Severn hin in eine Ebene verflächte, ausgelegt in köstliche Wiesen, und umzäunt mit lebendigen Hecken, und hoch emporstrebenden Buchen, Ulmen und Eichen. Hätten wir dazu die Verzierung des Lichts und Schattens gehabt, so wäre dies der reitzendste Prospekt gewesen, den ich je gesehen.

Nun kamen wir durch das fette Glocestershire, das wegen seiner Viehzucht und wegen seiner Käse berühmt ist. Eine Frau aus der hiesigen Gegend, die mit uns reisete, zeigte uns mehrere Bauern von ihrer Bekanntschaft, die an dem Wege wohnten und vier- bis fünfhundert Pfund Sterling an jährlichen Einkünften haben. Sie gehen aber ganz bäurisch gekleidet, folgen ihrem Vieh, und füttern es; ihre Weiber und Töchter melken und machen Käse. Mancher Bauerhof in dieser Gegend hat siebzig und mehr Kühe, und in einer Familie von zehn Kindern hält man nur Eine Magd. Die Wohnungen der Landleute in dieser Provinz haben ein schlechtes, vernachlässigtes Ansehen, und sind mit ihrem Reichtum in keinem Verhältnis. Mir ist es wahrscheinlich, dass Menschen, die sich beständig mit der Viehzucht beschäftigen, für die Annehmlichkeit einer netten, reinlichen, zierlich möblierten Wohnung wenig Sinn haben können, weil sie bei ihrer unreinlichen Beschäftigung teils nicht darauf verfallen, teils auch, wenn sie alle Bequemlichkeit hätten, sie nicht genießen, ihrer nicht froh werden könnten, ohne ihr Gewerbe zu vernachlässigen, und solchergestalt in eine Lebensart überzugehen, die von ihrer jetzigen Sparsamkeit das Widerspiel wäre. Wo es einmal Sitte geworden ist, den Vorzug eines Individuums vor dem andern in der Zahl seiner Heerden zu suchen, da wird nicht mehr der Endzweck, weshalb man überhaupt Viehzucht treibt, nämlich froher bequemer Genuß des Lebens, im Auge behalten, sondern das Mittel wird Zweck, und das Leben ist mehr nicht als ein emsiges Bemühen, durch frühe und späte Anstrengung und karge Frugalität, jeden Sohn und jede Tochter mit einer eben so großen Habe auszustatten, als der Hausvater ursprünglich hatte. Mich dünkt, diese Stimmung muß den Kreis der Ideen verengen, muß für den Kopf und das Gefühl nachteilig wirken, und, wo nicht geradezu eine unmoralische Engherzigkeit, doch eine üble Einseitigkeit im Denken zuwege bringen, die vielleicht auch hier wirklich sichtbar genug ist. Ihr kann man es zuschreiben, dass der Anbau dieser schönen, reichen Provinz so sehr vernachlässigt wird; dass über das Bestreben reicher zu werden, der Landmann die Vorteile einer neuen, weisen, einträglichern Methode nicht einsehen will, lieber bei seinem alten Herkommen hartnäckig bleibt, und es ja nicht wagt, sein Vieh anders als er es bisher gewohnt war, zu füttern, aus Furcht, der Käse möchte schlechter ausfallen, oder was der albernen Einwendungen mehr sind. Wir sahen hier das schönste Rindvieh von der Welt bis an den Bauch in Blumen auf der Weide gehen, so dass einem Deutschen Ökonomen, wie z.B. dem Edlen Herrn vom Kleefelde, das Herz über diese Verschwendung der Grundstücke geblutet hätte. Bald möchte man glauben, dass auf dieser Insel alles, auch selbst das Vieh, im Genusse schwelgen soll; denn sicherlich könnte man, bei einer zweckmäßig eingerichteten Stallfütterung, von dem Ertrage derselben Oberfläche zwanzigmal so viel Kühe und Schafe ernähren, und der Landmann folglich zwanzigmal reicher sein, als er ist.

Mir scheint indes in dieser Unvollkommenheit der Englischen Landwirtschaft eine sehr glückliche Aussicht für die Zukunft zu liegen. Der Umlauf der Begriffe ist zu stark in diesem Lande, und die ökonomischen Schriftsteller schreien schon seit funfzig Jahren zu laut über die Vorurteile, welche noch in diesem Fache der Englischen Staatswirtschaft obwalten, als dass man nicht, sobald die Veranlassung näher gelegt wird, auch hier eine Veränderung treffen sollte. Es kommt sicherlich ein Zeitpunkt, wo man den Ackerbau und die Viehzucht nach den Regeln einer gesunden Theorie einrichten, und in ein gehöriges Gleichgewicht mit den Kräften der Natur in diesem Lande bringen wird. Alsdann – welch eine glückliche Aussicht für England! – alsdann, wenn sein auswärtiger Handel (der, nach dem unabänderlichen Laufe der Dinge, einmal abnehmen und in mehrere Hände verteilt werden muß), den Manufakturen keinen Absatz mehr darbietet, – alsdann wird der Reichtum des Landmannes und die Anzahl seiner Produkte in dem Maße zugenommen haben, dass er die Fabrikwaren in einem ungleich größeren Verhältnisse verbraucht, und England wird in sich selbst, in seiner eignen Unabhängigkeit, schöner aufblühen, als es mit Hilfe seiner allumfassenden Schifffahrt und seines auswärtigen Debits je blühte!

Die Wiesen in Glocestershire sind für das Auge schön, was auch der Landwirt daran tadeln mag. Einen üppigeren Graswuchs wird man nirgends sehen: nirgends so schöne Abwechselung und Mannigfaltigkeit der Lagen, der Gestalt der Felder, und der hohen, prachtvollen Bäume, die sich um jedes Feld, mit lebendigen Hecken verbunden, erheben. Hügel und Tal sind mit dem anmutigsten Grün bekleidet, und man fährt zwischen zwei Gebirgsreihen, der einen links jenseits der Severn, der andern rechts in Worcestershire; beide so schön und reich, als möglich. Glocester selbst ist ein ärmlicher, unansehnlicher Ort. – Tewksbury, das Vaterland des besten Englischen Senfs, ist, dem äußeren Ansehen nach, schon etwas besser, und Worcester ein sehr nettes Landstädtchen. Die Gotischen alten Kirchen in diesen Städten sehen sich sehr ähnlich; es sind lange einfache Gebäude, aus deren Mitte sich ein viereckiger, Gotisch verzierter Turm erhebt. Das Landvolk spricht in diesen Gegenden einen groben, indes noch ziemlich verständlichen Dialekt, und scheint mir etwas bäurischer, als auf der westlichen Route und um London zu sein. Auch herrschte in den Physiognomien weniger Schönheit, weniger Phantasie; besonders dünkte mich der Mangel bei dem andern Geschlecht auffallend sichtbar.

Nachdem wir in Worcester zu Mittag gegessen hatten, kamen wir durch Droitwich (wo beträchtliche Salzpfannen sind) nach Bromsgrow, einem niedlichen Landstädtchen, und von da über einen hohen Bergrücken, mit einer unabsehbaren öden Gemeintrift, – in Warwickshire und nach Birmingham. Diesen letzten Teil der Reise, von Droitwich an, hatten wir ein junges Frauenzimmer zur Gefährtin, deren Anzug keine gemeine Herkunft, wenigstens keinen Mangel verrieth, und die uns den Wagen mit Wohlgerüchen aller Art erfüllte. Sie war nicht uneben gebildet, und nicht kokett, aber mit einer vornehmen Anmaßung reichlich begabt, die nur durch ihre Liebe zur Konversation ein wenig gezügelt werden konnte. Ich war boshaft genug, so bald ich es merkte, mit meinen Worten äußerst sparsam zu sein, ohne ins Unhöfliche zu verfallen; und diese Sprödigkeit gelang so gut, dass die schöne Dame wirklich ihr pretiöses Wesen um vieles herunter stimmte, und ihre Reisegesellschafter wohl beinahe für Geschöpfe von gleicher Natur mit sich selbst gelten ließ. Es zeigte sich, dass sie wirklich sehr wohl erzogen war, sehr viele Kenntnisse besaß, und ihre Wißbegierde auf nützliche Gegenstände gerichtet hatte. Wunderbar, dass bei solchen Vorzügen ein so lächerlicher Stolz sich in ihren Charakter mischen, und ihr einen kalten Egoismus eingießen konnte, der die Menschen von ihr entfernen mußte! Ich kann mir die Entstehung desselben indes leicht erklären. Wenige Menschen wissen sich selbst Würde zu geben, ohne den Anstrich von Kälte und Geringschätzung gegen Andere zu bekommen; und in seiner Würde muß ja das Englische Frauenzimmer sich behaupten, wenn es auch darüber in die unerträglichste Prüderie verfallen sollte. Unser Dämchen nahm ihren Hut ab, warf ihn mit Würde, oder doch mit dem Etwas, das hier Würde vorstellen sollte, vor sich hin auf den Sitz, schüttelte ihre blonden Locken um sich her, dass sie, wie Jupiters Haar, die Atmosphäre mit Ambraduft erfüllten, und spielte mit dem Kutschfenster, welches sie ohne Unterlaß bald aufzog, bald niederließ, um ihre Alleinherrschaft im Wagen, die ihr niemand streitig machte, zu behaupten. Dann sprach sie von Bath, und versicherte: es sei, ohne gute Gesellschaft, der langweiligste Ort von der Welt; und im Sommer könne man es dort gar nicht aushalten. Sie pries hierauf das Wetter, und den Weg als zum Reiten vortrefflich, weil es ein wenig geregnet und der Staub sich gelegt hatte. Reiten mußte bekanntlich ein so vornehmes Frauenzimmer! Einen jungen Menschen, der ihr Begleiter war, entdeckten wir erst bei dem Absteigen in Birmingham. Er hatte draußen auf der Kutsche gesessen, kam aber jetzt zu uns ins Zimmer, und trank mit seiner Schönen und uns einen Thee, worauf wir Abschied nahmen, und sie sich zu ihren Verwandten führen ließ.

Birmingham kündigt sich nicht sehr vorteilhaft an. Es wimmelte zwar von Menschen auf den Straßen; allein sie sahen alle so ungewaschen und zerlumpt aus, dass wir wohl merkten, wir kämen in eine große Fabrikenstadt. Die Straßen in einigen Quartieren der Stadt sind enge, kothig, und mit elenden Häusern bebaut, die den armen Handwerkern und Tagelöhnern zum Aufenthalte dienen. Mitten in der Stadt sieht man indes ansehnlichere Häuser und schönere Straßen; unter andern gibt es hier, wie in andern Städten Englands, vortreffliche Wirtshäuser. Ich bemerkte insbesondere die Shakespeare-Tavern, ein stattliches Gebäude, wo äußere und innere Eleganz vereinigt sind. Indes fiel sie mir nicht so wohl wegen dieser Eleganz, als wegen ihrer Benennung auf. Wie schön, und in welchem vorteilhaften Lichte, erscheint nicht die allgemeine Kultur in diesem Lande selbst darin, dass die großen Männer, die es hervorgebracht hat, auf diese Art mit den Helden in eine Klasse gesetzt werden! Wann wird man es sich wohl in Deutschland einfallen lassen, einen Gasthof anzulegen, mit Lessings, Goethes, Schillers, Wielands Kopfe zum Schilde? – Dies ist gewiß keine so gleichgültige Sache, wie man denkt. Der Genius eines Volkes zeigt sich auch in diesen Dingen. Die Phantasie der Holländer erhebt sich nicht leicht über den Gaaper (Maulaffen): ein Lieblingsschild, das man auf allen Straßen sieht, und das einen Kopf mit schrecklich weit aufgerissenem Maule vorstellt. Das gekrönte Butterfaß ('t gekroonte botervat) und das goldene ABC sind ebenfalls Beweise von Holländischer Erfindungskraft. In England sieht man Pope und Dryden, Ben Johnson, Shakespeare, u.s.f.




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