5. Erziehung und Theater der Engländer.
Literatur. Beaux Stratagem


Die Engländer haben Gutherzigkeit, Empfindsamkeit, Rohheit und Sinnlichkeit beisammen. Daher ist in ihren Schauspielen auch so viel Vortrefflichkeit, Naivetät, neben so vieler Indecenz. Die Franzosen nehmen Rücksicht auf die bienséances, und sagen öffentlich nichts, was eine honette Frau nicht wiederholen dürfte. Daher sind ihre Weiber wirklich frei im Ausdruck; denn sie sagen alles, was im Publikum gesagt wird.

Die Engländer nehmen auf dem Theater, wie in ihren Gesellschaften, keine Rücksicht auf die Weiblichkeit. Sie sind indecent; und die Weiber, die Dinge hören müssen, welche ihnen zu wiederholen nicht ziemt, werden ängstlich, steif, pretiös und prüde.

Die Erziehung raubt den Engländern die Gelegenheit, ihr Herz und ihren Geist auszubilden und reinen Geschmack zu erlangen. Sie sind daher alle geniemäßiger, und haben keine allgemeine Regel des Betragens: immer plump, unfein, unachtsam auf sich und andre, und oft embarassiert in honnetter Gesellschaft; ja fast durchgehends bei honnetten Frauenzimmern. – Denn ihr vieles Absondern, ihre vielen bloß männlichen Gesellschaften, in denen sie sich gar nicht genieren, gewöhnen sie an keine Egards. Hingegen, sobald das Herz spricht, sobald es auf das Empfinden von sinnlichen Eindrücken oder zarten Verhältnissen ankommt, sind sie oft auch wahr, naiv, empfindsam.

Die Siddons hatte London längst verlassen, ehe wir ankamen, weil ihr Engagement schon aus war; und mit ihr sind die schönsten Trauerspiele für dieses Jahr vorüber. Von neuen Stücken ist dies Jahr nichts von einiger Bedeutung erschienen. The Crusade ist eine Art Oper, die man doch selbst nur dramatische Romanze nennt. The haunted Tower, von Cobb, soll eben dasselbe sein: artige Musik, aber kein Menschenverstand im Stücke. No Song no Supper, eine musikalische Farce, ist von eben der Art, und wird nur durch die Stimme und das Spiel der Storace, einer Italienischen Sängerin, die vortrefflich Englisch gelernt hat, interessant. Die Musik ist von ihrem Mann komponiert: aus Pleyel, Gretry, Giordani zusammen gestohlen, aber sehr hübsch. The Dramatist, von einem jungen Manne, Namens Reynolds, der sich selbst darin geschildert hat, ist voll Witz und Anspielungen auf hiesige Sitten, aber ohne Dialog. Auf guten Dialog wird gar nicht mehr gesehen; Effekt ist alles, was man verlangt. Man geht in die Komödie, um zu sehen, kaum mehr zu hören; und die Kotzebue, wenn sie sich eine Dosis Salz könnten eintrichtern lassen, würden auch hier Glück machen. The rivals, von Sheridan, die ich vor der Farce: No Song no Supper, spielen sah, gehört unter die ältern Stücke, und ist schon ins Deutsche übersetzt. Miß Farren spielte die Julie ganz gut; nur bewundert man sie zu viel: ein Fehler, den jetzt alle Zuschauer von allen Nationen gemein haben. In den mehr hochkomischen Rollen reicht sie nicht an die Abington, die aber jetzt nicht mehr spielt. Die Deklamation im Tragischen ist sehr vervollkommt, sehr präcis, rein und deutlich; aber bei Kemble, dem ersten hiesigen Schauspieler, zu monotonisch, und bei Holman (wie man versichert, denn ich habe ihn noch nicht gesehen) zu wild und ranting. Garrick und seine Schule hatten mehr wahres Feuer der Empfindung, oder wußten es besser zu spielen; hier ist zu viel Kälte, und zu viel gesuchter Nachdruck im Hersagen. Dennoch spielt Kemble verhältnismäßig sehr gut, und was ihm, besonders wo es auf Würde ankommt, sehr nützt: er spricht langsam, wenn der Affekt keine schnelle Sprache fordert. Seine Deklamation ist nicht Gesang, aber mehr als gemeines Reden. Diese Würde, diesen Anstand in Königs- und Heldenrollen, sah ich auf den Deutschen Theatern nie, weil man dort bei diesen Gelegenheiten nicht natürlich genug, oder auch wohl zu natürlich ist; mit Einem Worte: weil man den Sinn eines großen Menschen nicht hat. Ich möchte fast glauben, dass die Familiarität des Umganges zwischen Menschen aus allen Ständen in England, und das Edle, welches bis in die letzte Klasse hinab hier in Bildung und Charakter so unverkennbar ist – mag es mit Einseitigkeit und Unwissenheit über gewisse Gegenstände auch noch so sehr versetzt sein – den Schauspieler hier natürlich veredeln. Allein die allgemeine Klage, die wir über unsre Literatur führen, höre ich auch hier im Munde der besten Köpfe: es fehlt im Publikum an Geschmack, und in den schönen Wissenschaften an einem kompetenten Tribunal. Mit Johnsons Tod, so einseitig und schneidend er auch war, hat man nichts mehr, und es geht drunter und drüber in den Gefilden der Literatur. Wenn schon ein solches Tribunal zuweilen ein ungerechtes Urteil fällt, so ist es doch sehr nützlich, dass etwas in terrorem da stehe, um die elenden Skribenten in Zügel zu halten. Anekdotenjagerei ist jetzt so allgemein, dass man von berühmten Männern jedes Visitenkärtchen drucken läßt, wie bei uns; und wenn man einem Gelehrten etwas Schlimmes nachsagen kann, so glaubt man, wie bei uns, dass er nun kein großer Mann mehr sein könne. So einen elenden Begriff macht man sich von menschlicher Größe, dass man sie verkennt, wo sie wirklich vorhanden ist, und Friedrich für einen gewöhnlichen Menschen hält, sobald man weiß, dass er physische Bedürfnisse hatte, wie jeder Sterbliche. Muß man denn die großen Gegenstände so mit dem Mikroskop betrachten? Oder muß man von einem berühmten Mann sich nicht mit einem Konterfei seines Kopfes begnügen, sondern ein Konterfei von der ganzen nackten Figur verlangen, und alles, was an ihm mißgestaltet und ekelhaft ist, hervorsuchen? – –

An dem herrlichen Lustspiel Beaux Stratagem konnte ich recht augenscheinlich den Unterschied zwischen dem Stil der theatralischen Darstellung vor zwölf Jahren, und dem jetzigen wahrnehmen. Mr. Lewis als Archer, Mr. Quick als Scrub, und Mrs. Pope, die ehemalige Miß Younge, als Mrs. Sallen – gaben mir in der Tat einen sehr schwachen Begriff von Garrick, Weston und Mrs. Barry in eben diesen Rollen. Mr. Lewis war nicht, was er sein sollte: ein als Bedienter verkleideter Gentleman; sondern ein Bedienter, der Gentlemans-Manieren affektierte. Scrub sollte ein dummer, unwissender Bauerlümmel sein, dem zuweilen eine Idee bis in das Gehirn trifft; Quick hingegen spielte ihn so, dass er immer zu viel zu ahnden und zu erraten schien. Weston wußte gar wohl, dass man dieser Rolle nicht alle Anlagen nehmen müßte; allein er ließ sie leer an wirklich erworbenen Begriffen, an Übung der Geisteskräfte: und dies war die echte Art, sie zu spielen. Mrs. Pope endlich, eine für mich sehr angenehme Schauspielerin, hat für die Rolle von Mrs. Sallen weder Lebhaftigkeit, noch Laune genug. Sie spielt sie mit Anstand, aber nicht mit komischem Nachdruck.

Die Farce: Love in a camp, war an Plattheit und Jämmerlichkeit unausstehlich.




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 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 09:27:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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