6. Reise von Birmingham nach Derby


Um 12 Uhr Mitternacht, den 12. Junius, reisten wir in der Manchesterkutsche mit vier andern Passagieren ab. Es ward schon um 2 Uhr hell. Um 6 Uhr, Morgens, kamen wir in dem kleinen Städtchen Uttoxeter an, welches aber Utcheter, oder auch wohl Hutcheter ausgesprochen wird. Zwischen diesem Ort und Cheadle vermehrte sich die Kutschgesellschaft bis zu dreizehn Personen, indem fünf auf der Kutschimperiale, und einer neben dem Kutscher auf dem Bocke saß. In Cheadle, einem kleinen Orte, frühstückten wir. Es brechen daselbst Steinkohlen, deren es überhaupt in Staffordshire einen großen Überfluß gibt. Auch ist daselbst eine Schmelzhütte, wo Garkupfer gesotten wird, und eine Messingdrat-Fabrik. Zwischen diesem Orte und Litchfield, im Dorfe Tane, ist eine große Manufaktur von Linnenband (tape). Mitleid und ein wenig ausländische Artigkeit gegen ein Frauenzimmer, das weder schön, noch einnehmend war, bewogen mich hier, ihr meinen Platz im Wagen einzuräumen, und bis Leake, zehn Englische Meilen weit, oben auf der Imperiale zu sitzen. Dieser Sitz ist im Sommer bei gutem Wetter, wegen der freien Luft und der freien Aussicht, so angenehm, dass kein Mensch im Wagen würde sitzen wollen, wenn man Sorge trüge, die Sitze draußen so bequem einzurichten, als es mit leichter Mühe geschehen könnte. Geflissentlich läßt man also diese Sitze sehr ungemächlich; und ich fand sie so in dem Grade, dass ich es mir nicht leicht anders als aus Not werde gefallen lassen, je wieder draußen Platz zu nehmen. Man sitzt zwar auf dem Kutschkasten erträglich, aber sehr hart, und hält sich an einem krummen Eisen, das wie ein Geländer am Rande befestigt ist; die Füße aber muß man gegen einen festen Punkt am Kutschbock stemmen, welches dem ganzen Körper eine sehr heftige Erschütterung mitteilt. Man sitzt keinen Augenblick fest, und, so bald man den eisernen Griff losläßt, keinen Augenblick sicher. Nie sitzt man bequem, und daher kann man kaum fünf Minuten in einerlei Stellung aushalten. Kurz, ich weiß nur die Pein eines Deutschen Postwagens, die damit zu vergleichen wäre. Die zehn Meilen wurden jedoch überstanden, und die Aussicht auf die Vorberge von Derbyshire entschädigte und zerstreuete mich. Die schöne reiche Gegend von Staffordshire fing an, hinter Cheadle allmählich zu verschwinden. Wir fuhren bergan, und sichtbarlich ward alles Laubholz und alles Gesträuch krüppelhafter um uns her; es zeigten sich große Heiden, Sandsteinfelsen, und einzelne darauf umher irrende Schafe, mit ihrem Pelz in Lappen herabhängend. – In Leak, einem kleinen wohlgebauten Landstädtchen, dem seine Manufakturen von gesponnenen Knöpfen und Bändern viel Aktivität geben, setzten wir uns in eine Postchaise, und fuhren nach Buxton. Gleich Anfangs ging es in einem fort bergan. Hecken von lebendigem Gesträuch hatten wir schon eine geraume Strecke Weges nicht gesehen; alle Befriedigungen und Abmarkungen des Eigentums bestanden aus Mauern von lockern, bloß auf einander gepackten Steinen. Die ganze Gegend ward öde und traurig um uns her; die Bäume verschwanden ganz und gar, und die Oberfläche der Felsen war mit der verdorrten Heide des vorigen Jahres, in großen schwarzen Flecken, und dazwischen mit groben Gräsern bewachsen. Der röthlich graue Sandsteinfels, aus welchem das hiesige Gebirge besteht, ist ziemlich grobkörnig, und nicht allzufest von Gefüge, wenigstens an den Orten, wo er zu Tage aussteht und der Verwitterung ausgesetzt ist. In ein Paar Stückchen dieses Sandsteins wurden wir kleine Bläschen Bleiglanz gewahr. Er bildet hier sehr hohe und breite Bergrücken, zwischen denen an einigen Orten ein nicht minder hohes Kalkgebirge ruht. Die Kühlung der Luft, und der Zustand des Pflanzenwachstums, ließen uns auf eine sehr ansehnliche Höhe dieser Sandsteinberge schließen, und unser ununterbrochenes Berganfahren scheint die Sache außer Zweifel zu setzen. Etwa vier Englische Meilen von Leak, an einem Ort, der, glaub' ich, Upper Hulme heißt, stellte sich uns einer der bewundernswürdigen Anblicke dar, die man nur in hohen Gebirgsgegenden sehen kann. Das Sandsteingebirge zog sich hier als ein hoher Kamm von Mitternacht nach Mittag herab; drei bis vier hoch aufgetürmte bogenförmige, aber wie Messerrücken zusammengedrückte Gipfel standen furchtbar in einer Reihe da, und hoben ihre nackten, schwarzen, zerklüfteten Häupter in malerischen Formen der Zerstörung empor. Es waren so wohl wagrechte, etwas in die Teufe streichende Ablosungen, als senkrechte Spalten der Verwitterung an ihnen sichtbar, so dass der Fels, bald schiefrig, bald säulenähnlich zertrümmert, sich aus einander gab. Auf einander ruhende Gelenke von Felsen, von ungeheurer Größe; Zacken oder Zinken, die in schräger Richtung spitzig und kühn hinaufliefen, und leicht funfzig Fuß lang sein mochten; überhängende Gewölbe von moderndem Stein, die den Einsturz drohten, und unter deren Obdach alle andere Gegenstände vor Kleinheit verschwanden; abgerissene, hinunter gestürzte Felsmassen, die in ihrem Fall einen Pallast zerschmettert hätten, und rings umher eine Saat von kleineren und größeren Steinen, die nicht von der belebenden Hand Deukalions und Pyrrhens geworfen, sondern von dem Genius der Unfruchtbarkeit und der Zwietracht, oder im Titanenkriege, herabgeschleudert schienen. Die herausstehenden schroffen Spitzen und Trümmer dieser Felsenkämme sind insgesammt nach Morgen gerichtet; gegen Abend hin verliert sich der Fels unter einer sumpfigen Decke von Torf, die an einigen anderen Stellen des Sandsteingebirges nur wenige Fuß dick ist, aber dennoch gestochen und zum Nutzen verwendet wird. Es ließe sich also mutmaßen, dass entweder plötzliche Revolutionen, oder allmähliches Anspühlen der Regengüsse, die von Morgen her kommen, hier das Phänomen, wovon wir eben sprachen, hervorgebracht haben müsse. Schrecklicher Zeitpunkt, den man ohne Schauder nicht denken kann! Wie sah es damals in der Welt um die Sicherheit des Menschengeschlechtes aus, als die Berge sich wälzten aus ihrer Stätte! – Ich stieg auf einen der höchsten hinaus ragenden Punkte dieses Gebirges. Die höchste Gegend umher war weit und breit in die Farben der erstorbenen Natur gekleidet; die Täler und niedrigeren Bergrücken prangten noch mit grünenden Wiesen, aber ohne die schöne Zierde der Bäume, und überall mit toten Steinmauern, wie mit Lavagüssen, umzäunt. Von den Kalkbergen, die sich durch ein lebhafteres Grün und hervorstehende weiße Felspunkte verriethen, dampften hier und dort die Kalköfen. Näher um uns her weideten einzeln etliche Schafe, die jetzt ihr Winterkleid ablegten, und halb nackt, halb bepelzt, die Lappen hinter sich her schleppten; zwischen dem Heidekraute, das noch nicht wieder grünte, und dem häufigen harten Moose, fanden sie einige Grashalme und einige Futterkräuter. Fern wie das Auge hier reichte, unaufgehalten durch die zunächst umliegenden Berge, die insgesammt niedriger sind, sahen wir nach allen Seiten die langen Bergrücken reihenweis sich einander umgürten. Ihre Gehänge sind mehrenteils ziemlich gewölbt, und verflächen sich gelinde in die geräumigen flachen Täler. Weit in Nordosten ragte die hohe Kuppe des Mam Tor bei Castleton über den umliegenden Horizont. Unten rollte unser Wagen einsam auf einem gebahnten Wege, durch die unermeßliche Leere. Wir stiegen wieder hinab, und blickten mit Staunen vom Fuß dieser hoch über unsern Häuptern furchtbar hinaus schwebenden Felsmassen nach ihren drohenden kühnen Gipfeln und Zacken. Wie still, wie ruhig ist alles in der Natur mitten unter diesen Schrecknissen! Tausendjähriges Moos wächst auf den Spitzen des Gebirges, wohin sich der verwegenste Fuß von Menschen und Tieren nicht wagt. Die kleine Tormentille, die Hyacinthe, das gelbe Veilchen, blühen zwischen den Klippen, die, von dem Gipfel abgerissen, einst donnernd hinunterstürzten. Das Vieh wandert friedlich und sicher über die Abgründe, und schwebt gleichsam in der Luft auf einem morschen Gewölbe. Wir selbst, hier unter der Wölbung, die jeden Augenblick zusammenstürzen und uns zerschmettern könnte, standen sorglos, und verließen uns auf die Baukunst der Natur; wir würden hier Schutz gegen den Gewittersturm gesucht haben, wenn er uns überrascht hätte.

Um 3 Uhr kamen wir endlich zu Buxton an, und stiegen im White Hart ab, wo eben die Gesellschaft zu Tische gehen wollte. Es ist hier gewöhnlich – zum erstenmal sah ich es in England – à table d'hôte zu speisen. Die Gesellschaft bestand aus etwa zwanzig Personen, Herren und Damen von Stande, die hierher kommen, teils um wirklich das Bad ihrer Gesundheit wegen zu brauchen, teils um dem Todfeinde der Reichen, der Langenweile, zu entfliehen, die sie von Bath nach London, von London nach Buxton, und von hier auf ihr Landgut verfolgt, und wie eine Harpye unablässig an ihnen zehrt. – Hier sind allerlei Mittel dieses immer wieder wachsende Ungeheuer zu tödten: öffentliche Zimmer, öffentliche und Privatbäder, gemeinschaftlicher Tisch, ein Schauspielhaus, Karten, Bälle, Promenaden, die Poolshöhle unter der Erde, und eine öde, nackte Gegend, welche die Anwesenden zu einiger Anstrengung nöthigt, um sich Unterhaltung zu ersinnen, und sie einander näher bringt, um das gemeinschaftliche Bedürfnis zu befriedigen und dem gemeinschaftlichen Peiniger mit vereinten Kräften Widerstand zu leisten. Im Julius und August ist es hier am vollsten; dann gibt es hier mehrere Hundert Badegäste. Auch jetzt wäre die Gesellschaft schon zahlreicher, wenn das Parlament nicht so lange Sitzungen hielte, wodurch eine müßige Menge in London zurückgehalten wird, die sonst früher dieses Bergthal, Bristol und Tunbridgewells, Brighton, Margate, Harrowgate, Cheltenham und noch einige andere Orte der Art, überschwemmen. – Der Herzog von Devonshire, Eigentümer der meisten Grundstücke in dieser Gegend, hat vieles zur Verschönerung des Ortes und für die Bequemlichkeit der Badegäste getan. Der Crescent, ein halb mondförmiges Gebäude von großer Eleganz, welches lauter Arkaden, und oben eine Reihe gereifelter Dorischer Pilaster hat, enthält öffentliche und einzelne Bäder, Assemblee-, Tanz- und Spielzimmer, und Bequemlichkeiten aller Art. Dieses Gebäude ist zwar nicht so groß wie der Crescent in Bath, aber dem Endzwecke vollkommen angemessen, ob es gleich, wie die meisten modernen Gebäude in England, in den Verhältnissen gegen alle Regeln der Baukunst sündigt. Unweit dieses Gebäudes ist ein kleiner Spaziergang, von einigen hundert Bäumen und Sträuchen angenehm beschattet, und in der Tat desto angenehmer, je öder die umliegende Gegend ist. Etwas höher liegt ein kreisförmiges Gebäude von großer Pracht, ebenfalls vom Herzoge von Devonshire errichtet. Wer hätte, nach den schönen Dorischen Säulen, die rings um das erste Geschoß gehen, wohl erwartet, dass dieses Gebäude die Bestimmung hat, den Pferden der Badegäste (die etwa mit eignen Pferden herkommen) einen Aufenthalt zu verschaffen! Es ist hier Platz für 112 Pferde, und an zwei Seiten geht in einem halben Viereck eine Wagenremise um den Stall, in gehöriger Entfernung von dem Gebäude. Der Herzog verpachtet diesen Stall und die Remisen an einen Menschen, der wieder einzelne Stallungen vermiethet und zugleich eigne Lehnpferde hält. Auf diese Art wird allmählich der Zeitpunkt herannahen, wo das Kapital, welches der Bau kostete, sich ersetzt, und alsdann reine Interessen abwirft.

Buxton liegt in einem von den flachen Tälern des hiesigen Gebirges, und in einer traurigen Gegend, wo man weit und breit, außer dem angepflanzten Spaziergange, keine Bäume sieht. Man geht über ein paar Felder, die durch Mauern von auf einander gelegten Steinen abgesondert sind, nach dem Eingange einer Kalkhöhle, welche Pool's hole heißt. Drei alte Weiber standen hier schon bereit, uns in den unterirdischen Schlund zu führen, gaben jedem von uns ein Licht in die Hand, und gingen selbst mit brennenden Lichtern vor uns her. Ich dachte lebhaft an die Zauberschwestern im Makbeth; und die unterirdischen Stygischen Gewölbe, wohin sie uns führten, waren wahrlich gemacht, um dieser Idee ihren gehörigen Grad der Lebhaftigkeit zu geben. Man kommt durch einen engen, niedrigen Eingang in verschiedene Höhlen, die sich bis 669 Yards in den Felsen hinein winden, und an einigen Stellen eine beträchtliche Höhe haben. Die berühmte Baumannshöhle am Harz ist an Größe mit dieser nicht zu vergleichen; hingegen hat sie einen wesentlichen Vorzug in Absicht des Sinters, den die Wasser darin absetzen. Die dortigen Stalaktiten, auf hartem rotem Marmor abgesetzt, sind schneeweiß; die hiesigen überziehen einen groben, grauen, dichten Kalkstein, und sind von einer schmutzigen Farbe, ohne irgend etwas Auszeichnendes an Gestalt: denn die vorgeblichen Ähnlichkeiten mit einer Schildkröte, einer Speckseite, einem Löwen, einer Orgel, einem Sattel, u.s.f., gehören zu den Absurditäten, die man von unwissenden Menschen zu hören gewohnt ist. – Wir gingen, immer über Schutt und lockere Steine, die von den durchhin strömenden Fluten irgendwo losgerissen, und in dem Boden der Höhle zurückgelassen, oder auch von oben hinabgestürzt waren, ungefähr 569 Yards tief hinein. Jenseits dieser Stelle kann man noch bis an den Bauch im Wasser 100 Yards weiter gehen, wo die Höhle sich schließt, oder wenigstens nicht weiter gangbar ist. – Von oben träufelt es beständig in allen Teilen der Höhle, folglich ist es auf dem Boden überall unbequem und feucht zu gehen. Nicht fern vom Eingange hat die Höhle einen Querschlag oder ein doppeltes Gewölbe. Man geht durch das höhere hinein, und kommt durch das unterste wieder heraus. Ein kleiner Bach rieselt aus der Höhle hervor, und führt das Wasser aus ihrem Hintergrunde ab. Es gibt in derselben weder Petrefakte noch Knochen; nur muß man sich nicht durch die Sprache der hiesigen Führer irren lassen, die den Sinter ein Petrefakt nennen, so wie unsere Megären, oder eigentlich die Hekate dieses Avernus selbst, nach der Analogie des Wortes icicle (Eiszapfen), ein neues Wort bildete, und die Stalaktiten watericles nannte. Beim Austritt aus dem unterirdischen Gange umringte uns eine Schaar von Weibern und Kindern, die so ungestüm bettelten, dass wir froh waren, mit dem Verlust einiger Shillings von ihnen loszukommen.

Die angenehme Tischgesellschaft im weißen Hirsch, konnte uns nicht verleiten, die Nacht hier zuzubringen, zumal da wir schlechthin gar keinen Bekannten unter diesen Herrschaften hatten, die doch den Nationalcharakter durch einen Trunk Wasser in Buxton nicht, so wie die Griechischen Helden und Halbgötter ihr Gedächtnis in einer Schale voll Lethe, ertränkt zu haben schienen. Sobald wir uns also mit einem Thee erfrischt hatten, den man in der Regel fast in allen Englischen Wirtshäusern vortrefflich und mit dem vortrefflichsten Rahm oder Sahne bekommt, fuhren wir zwölf Englische Meilen weiter nach Castleton, dem Hauptsitz der sogenannten Wunder des Piks in Derbyshire. Über die Anzahl dieser Wunder ist man nicht einig; man zählt ihrer in Büchern sieben, weil dies eine geheimnisvolle und wunderschwere Zahl ist, mithin der Wunder auch im Pik nicht weniger sein dürfen. Allein die hiesigen Einwohner wissen nichts von dieser mystischen Sieben, und bringen bald sechs bald nur fünf Wunder heraus: nämlich die drei unterirdischen Höhlen, Peak's hole, Eldenhole und Poole's hole; den Brunnen, der in Zeit von ein paar Stunden steigt und fällt; und den höchsten Berg in dem ganzen Gebirge, dem seine Wallisische oder Kambrische Benennung Mam Tor, der Mutterberg, geblieben ist. Bei dieser Gelegenheit erinnert es sich am besten, dass das hiesige Gebirge sehr uneigentlich den Namen eines Piks (Peak) trägt, indem hier nirgends ein Spitzberg zu sehen ist, welcher, wie die von Teneriffa, Piko, u.s.f., den mit diesem Worte insgemein verknüpften Begriff erweckte. Allein ich vermute wohl, dass hier eine weit ältere und allgemeinere Bedeutung des Wortes peaked zum Grunde liegt, vermöge deren es alles was hoch und steil ist, bezeichnen kann. Das hiesige Gebirge ist gewissermaßen ein, dreitausend Fuß über die Meeresfläche erhöhtes Plateau, worin zwar Berge und Täler, aber gleichwohl keine sehr beträchtliche Unebenheiten bemerklich sind: eine einzige hohe Gebirgsmasse, in mehrere kleinere auf ihrer Oberfläche ausgespühlt.

Wir kamen bei dem Lustwäldchen von Buxton und hernach bei einigen in den Dörfern angepflanzten Bäumen vorbei. Es fiel äußerst auf, wie wenig die ganze Vegetation hier noch vorgerückt war. Die Büchen, und etliche andere Bäume, insbesondere aber die Eschen, kamen eben erst aus ihren Knospen hervor. Dieser Baum erinnerte uns hier herum durchgehends, dass der Frühling hier eben begönne. Der kalte Wind und der kalte Gewitterregen gaben ein bestätigendes Zeugnis. Unser Weg war indes noch immer ziemlich gebahnt, und dicht vor Castleton zog er sich romantisch durch einen tiefen, tiefen Abgrund, wo ungeheure Felsmauern zu beiden Seiten furchtbar in der Höhe schwebten, und auf der einen Seite des Weges einen hervorspringenden Winkel bildeten, wo gegenüber ein hineingehender war. Die ungeheure Höhe dieser Riesenmauern, ihre malerische Gestalt, die Schafe die sich oben am Rande sehen ließen, der abschüssige Weg, den wir nur mit gehemmtem Rade zurücklegen durften, und das eintretende Dunkel des Abends machten diese Naturscene feierlich und eingreifend. Bald hernach langten wir zu Castleton an, und nahmen unser Quartier im Castle-inn, wo wir die beste Bedienung fanden, und nach einem so ermüdenden Tagewerke die Nachtruhe unser Hauptaugenmerk sein ließen.

Den 13. Jun. Einen Tag wie den heutigen in dem unbeständigen Klima dieses Gebirges schenkt der Himmel den auserwähltesten Naturforschern nicht; allein wir sind gute Kinder, und hatten schon längst einen schönen Spieltag abverdient. Wenn Neuseeland, und das Feuerland, wenn die Eisfelder des Südpols, und vor allem die Ebenen von Taheiti mit den Lustgärten der Freundschaftsinseln ihre Eindrücke in der Einbildungskraft zurückgelassen haben: dann muß der Tag schon reich an Wundern sein, der unvergeßlich genannt zu werden verdient. Was ich heute sah, hab' ich noch nie gesehen. Dies ist zu wenig gesagt. Ich will hinzusetzen, dass es alle meine Erwartungen und Vorstellungen weit überstieg; und auch dann spreche ich mehr zu meiner eigenen Erinnerung, als zur Belehrung Anderer, die nicht wissen können, was ich zu erwarten oder mir vorzustellen vermochte. Schon unser Erwachen war Genuß der romantischen Gegend. Aus dem kleinen Gärtchen unsers Gasthofes erblickten wir längs dem Gipfel des steilen daran stoßenden Berges, die ehrwürdigen Trümmer einer uralten Burg. Eine Mauer mit Überbleibseln von Türmen an jeder Ecke, erstreckte sich längs dem jähen Gehänge; in der Mitte war sie eingestürzt, und über der Öffnung hatte sich ein Hügel von Schutt und Gräsern gebildet. Aus der Mitte des innern Bezirkes hob sich ein schöner viereckter Turm, der einst mit Quadersteinen ganz bekleidet gewesen war, jetzt aber von unten hinaufwärts diese Bekleidung schon verloren hatte. An jeder Ecke ging ein zarter schlanker Pfeiler in die Höhe; über ihm sprang die Mauer einen Stein dick weiter hervor, und bildete ein etwas vorstehendes Viereck. Die Zinnen des Turmes waren eingestürzt; aus seinen zerrissenen Wänden sproßten Bäume und Pflanzen. Epheu schlang sich üppig über seine Vormauern und längs den Ritzen und Spalten. Rechts öffnete sich hart an der Burgmauer selbst ein tiefer weiter Schlund, dessen senkrechter Absturz aus einer weißen Felsenwand bestand, auf welcher bogenförmig ein Hügel sich wölbte; und längs dem Rande desselben strebte malerisch ein schöner Hain von Buchen, Eschen und Fichten empor, und krönte mit seinen Schatten die ganze Bogenlinie des hinabgleitenden Hügels. In diesem Schlunde, dessen untere Gegend der Schloßberg uns hier verdeckte, sollten wir den Eingang zu der unermeßlichen Höhle des Piks antreffen.




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 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 20:43:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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