7. OIS THEMIS ESTI. Castleton


Stille! heilige Stille umher! Auch ich bin der Geweihten einer, und spreche von der unterirdischen Weihe, und schweige von den unaussprechlichen Dingen. Ich war im Reiche der Schatten, und durchwandelte die Nacht des Erebus. Die stygischen Vögel umflatterten mein Haupt mit furchtbarem Gekrächz. Die Erde öffnete ihren Schooß, und umfing mich. Felsen wölbten sich über mir, und der Abgrund stürzte hinab in schwindelnde jähe Tiefe, neben dem engen schlüpfrigen Pfade. Ich sah die furchtbaren Schwestern, mit allen Schrecken der Hölle, mit Macht und Mißgestalt gerüstet, die Fäden des Lebens spinnen und messen. Das Auge der Unterwelt liehen sie einander, und hoben es hoch empor, um mich zu schauen, – Parzen und Furien zugleich. In Charons Nachen ausgestreckt, schwamm ich unter dem tief hinabgesenkten Felsengewölbe an das jenseitige Ufer des schwarzen Kokytus. Ich ging durch alle Elemente des stets sich wandelnden Chaos. Ein Staubbach netzte mein Haupt. Kalte Lüfte wehten mich an, und immer, immer rauschte es neben mir und über mir und unter mir, wie der Sturz der Waldbäche über den zerklüfteten Felsen. Meine Lampe erlosch; ich versank in die ewige Finsternis des Tartarus. Mir war es, als nähme mich ein Riese auf seine Schultern, und trüge mich durch die gähnenden Schlünde. Plötzlich durchleuchtete ein Blitz die schauerlichen Bogen des Felsens; ein krachender Donner betäubte mein Ohr; die Gewölbe wankten hin und her, und zitterten über mir, und dreimal kehrten die rollenden Donner durch die Schneckengänge des Gewölbes wieder. Da öffneten sich die Grüfte in der Höhe, und helles erquickendes Licht strömte durch die schwarzen Hallen; siebenfach war das Licht, sieben glänzende Funken wie Sterne: und der Chor der Wissenden stimmte nun an den hohen belehrenden Hymnus. Mir ward die Schale voll des schäumenden Göttertranks; ich kostete vom Quelle des Lebens, und mein Dankopfer floß den unterirdischen Mächten. Neue Kraft durchströmte die Adern des Ermatteten, und der Hierophant begann nun die Weihe. –

Fünf Tage, nachdem Lady Craven in die Höhle von Antiparos gestiegen war, kam Dr. Sibthorpe daselbst an. Sein Führer erzählte ihm: die Lady habe beim Hinabsteigen sehr gezittert; sobald sie aber in die herrliche Grotte mit den wunderschönen Stalaktiten gekommen sei, habe sich plötzlich eine so lebhafte Begeisterung ihrer bemächtigt, dass sie auf der Stelle die Feder ergriffen, und ein Gedicht auf dieses entzückende Schauspiel der Unterwelt verfertigt habe. Ich kann mir einen sehr lebendigen Begriff von diesem Übergange aus einem Extrem der Empfindung zum andern machen, und physisch ist die Spannung die natürlichste Reaktion, die auf jene gewaltsame Erschlaffung der Furcht unausbleiblich folgen muß. Daher sind die ärgsten Poltrons immer so viel tapfrer, als andere Leute, sobald die Gefahr überstanden ist.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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