6. Westminsterhall – Warren Hastings Prozeß


Die ganze Halle ist bekanntlich mit Sitzen eingerichtet: roten für die Peers und ihre Tickets; grünen für das Unterhaus. Die Verschläge für die Managers heißen: Zimmer; sind aber ganz finster, und werden durch Lampen und Lichter erleuchtet. Das Zimmer für den Gefangenen (Prisonner's-room), wo Hastings sitzt, bis er gerufen und vom Blackrod vorgeführt wird, ist wirklich ein finsteres trauriges Loch, und nach vorn zu hat es zwei kleine Fensterchen mit eisernen Stangen davor. Im Managers-room sahen wir mehr als zwanzig große Folianten von Akten. Überall brannten große Feuerbecken. Jedesmal, bei jeder Sitzung, muß Hastings auf die Knie fallen, wenn er hineinkommt. Dann heißt ihn der Kanzler aufstehen, und erlaubt ihm zu sitzen. Die Größe eines Indischen Despoten so erniedrigt, das mag wohl schmerzen; aber jetzt ist er daran gewöhnt. So stumpft sich jedes Gefühl endlich ab! – Wohltätige Natur, die für unsere Erhaltung sorgt auf Kosten unserer Reizbarkeit! Aber noch unendlich wohltätiger in jenen großen Seelen, die eine einzige Verletzung ihres Selbstgefühls nicht wieder ruhig werden läßt.

Den 5ten Junius. Ich möchte wohl zugegen gewesen sein, wenn das heilige Volk von Athen so einen Aktus vorhatte, um einen Vergleich mit dem anstellen zu können, der hier vorgeht. So glänzend wie Westminsterhall, war freilich wohl die Versammlung dort nicht; es fehlten die Damen, die hier ungleich zahlreicher als die Mannspersonen sind. Welch ein Anblick! Die Hyacinthenflor in Harlem war nicht prachtvoller, und duftete nicht stärker! Fast alles ist weiß: wenigstens lauter weiße Enveloppen und Kopfzeuge, und beinahe kein anderes als rosenfarbenes und himmelblaues Band. Nirgends ist ein Hut zu sehen; denn hier ist alles full dreß'd, was den Kopf betrifft. Der Platz, den das Oberhaus selbst einnimmt, ist verhältnismäßig klein. Die Zuschauer, auf vielen Reihen von Bänken umher und über einander, können vielleicht zweitausend ausmachen. Und wie oft haben nicht schon 2000 Menschen die Stelle von andern 2000 hier eingenommen! Es können wenigstens 500000 Britten Zeugen von dem Gerichte gewesen sein, welches hier über ihren Mitbürger gehalten wird. Göttliche Publicität! erhabne Würde der Gerechtigkeit, die nicht das Licht scheuet! Dass kein Volk, kein Land, keine Stadt es wage, sich frei zu nennen, so lange ihre Richter bei verschlossenen Türen über das Schicksal ihrer Mitmenschen entscheiden! Ich hasse das ewige Kreischen von Freiheit, das Gekrächz derer, die nicht wissen, was frei sein heißt, und des goldenen Vorrechtes nicht wert sind; ich hasse die Sklaven, die nur sprechen, und nicht handeln. Aber kein Ausdruck ist zu hart, um Abscheu gegen den Tyrannen zu erwecken, der seines Volkes Vater zu sein vorgibt, und es im Verborgenen richtet. Im Verborgenen richten, ist Meuchelmord; und kein Zusatz von Umständen, keine Modifikation, kann dieses Verfahren je so weit entschuldigen, dass sie ihm diesen Namen wieder nehmen könnte. Jeder, den ein Rechtsurteil traf, das im Verborgenen gefällt und motiviert wurde, ist ein Tyrannenopfer, gegen das man alle Gerechtigkeit aus den Augen setzte; mithin ist er zurückgestoßen aus dem Bunde der bürgerlichen Gesellschaft, in die Sphäre des natürlichen Lebens, wo jeder sein eigner Verteidiger und Rächer ist.

Um 9 Uhr wurden die Türen geöffnet, und um halb 12 Uhr fanden wir das Haus schon über die Hälfte voll. Und was machen denn die Damen in einem Hause, wo sie nicht recht hören können, was gesprochen wird; wo sie nicht verstehen, was sie hören; und bis zwei Uhr, also gegen vier Stunden, warten müssen, ehe es angeht? Kommen sie hin, um sich sehen zu lassen? Schwerlich; denn man erkennt und trifft einander nicht in diesem großen Saale, wo die Sitze nach verschiedenen Richtungen laufen, und nicht alle einander in's Gesicht sehen können. Kommen sie, um zu plaudern? Eine so große Versammlung so still zu finden, war vielleicht das Erstaunlichste am Ganzen. Man scheint einen Sinn für das Schickliche mitzubringen, der an dem Orte, wo wir uns befanden, kein Gespräch duldet. Wie soll man sich also das Räthsel dieser Erscheinung erklären? Durch Langeweile, Neugier und guten Ton. In Hastings Verhör geht man, weil es Sitte ist, und weil man wenigstens auf eine entfernte Art zeigen kann, dass man mit eines Lords Familie bekannt ist, und Billets bekommen kann, – wiewohl wir die unsrigen für eine halbe Guinee erkauften, weil wir keinen Lord darum ansprechen mochten. Neugier – um doch davon sprechen zu können, um zu sehen, wie man sich heute kleidete; um das Schauspiel einmal genossen zu haben; um zu wissen, wie ein Kanzler auf seinem Wollsack, die Lords in ihren Mänteln, die Herolde in ihren buntgestickten Kleidern, die zwölf Richter und der Sprecher des Unterhauses in ihren Perücken sich ausnehmen; um den Mann, von dem alle Welt spricht, W. Hastings, oder die berühmten Volksredner Burke, Fox und Sheridan, einmal von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Langeweile – doch, bedarf es hier noch einer Erklärung?

»Das wäre denn alles«, wird mir mancher Geck zurufen, der hier mit leichter Mühe zu der Ehre zu kommen hofft, auch einmal den Verdacht eines eigenen Gedankens auf sich zu ziehen – »alles, was die gepriesene Publizität wirkt? Ob Weiber hören oder gaffen – die Juristen machen, was sie wollen.« – Nicht also, mein feiner Herr! Es gibt unter diesen Damen auch verschiedene, die lebhaften Anteil an dem Prozesse nehmen. Man sieht sie allemal, so oft er fortgesetzt wird, mit Papier und Bleistift Bemerkungen aufzeichnen, und den Gang der Sache, die Beschuldigungen, Verteidigungen, Gegenaussagen nie aus dem Gesichte verlieren. In England, in einer Republik, zumal in einer so blühenden, so tätigen, die alle individuellen Kräfte hervorruft und entwickelt, ist der Zusammenhang des Interesse tausendfältig, und wo man es nicht erwarten sollte, zeigt sich Teilnahme aus eigenem Bedürfnisse. Doch wozu dieser Beweis? Hat man denn vergessen, dass auch Mannspersonen Zuschauer und Zuhörer sind? dass die Freunde des Angeklagten und der Kläger sich anwesend befinden, und jedes Wort niederschreiben? dass das ganze Unterhaus mit anhört, wie seine Mitglieder den Prozeß führen? dass endlich das ganze Oberhaus, der Adel des ersten Landes in der Welt – ein Adel, zu welchem Verdienst unfehlbar den Weg bahnt – hier sitzt, um zu hören, zu entscheiden, und zu richten?

Um zwei Uhr endlich erschien ein Teil der Mitglieder des Unterhauses auf ihren Sitzen; und bald kam auch das ganze Oberhaus in Prozession: voran die zwölf Richter in ihren Perücken und Mänteln, dann die Lords, endlich die Herolde, der Siegel- und der Insignienträger, und der Kanzler. Jeder ohne Ausnahme, wie er dem Thron gegenüber kam, neigte sich gegen denselben, obgleich niemand da saß. Hierauf rief der Insignienträger (Mace-bearer) dreimal: Oyés, und befahl den Anwesenden bei Gefängnisstrafe, im Namen des Königs, Stillschweigen an. Hierauf zitierte er Hastings, zu erscheinen; und nachdem der Usher of the blackrod gegangen war, ihn abzuholen, erschien Hastings an seiner Stelle, machte drei Verbeugungen, kniete nieder, stand aber sogleich wieder auf, und setzte sich in den für ihn bestimmten Lehnstuhl.

Der Kanzler eröffnete hierauf die Sitzung, indem er den Managers sagte, dass sie fortfahren möchten. Nun folgten Verhöre von Zeugen; ein Clerk mußte viel vorlesen, welches endlich manchen Zuhörern so viel Langeweile verursachte, dass sie sich entfernten. Die Lords sitzen nicht sehr still, verlassen ihre Plätze, sprechen mit einander und mit den Mitgliedern des Unterhauses und scheinen unter der Last ihrer Hermelinmäntel bei diesem Wetter nicht sehr beneidenswürdig zu sein. Einer von den Managers (Mr. Anstruther) sprach sehr widrig; er stieß immer einige Worte aus, und hielt dann wieder inne, alles sehr monotonisch. Des Kanzlers deutliche, volle Baßstimme, ist überall vernehmlich.




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 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 07:26:18 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.11.2007 
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