I.

London

1. Ausstellung der königlichen Akademie


Die Überschrift des Verzeichnisses scheint anzudeuten, dass die Akademisten selbst wohl gefühlt haben, wie gering die Anzahl großer Stücke in der diesjährigen Ausstellung ist. Das: In tenui labor, ist in so fern richtig, wie hier eine große Menge kleiner, unbedeutender Sachen hängen, die freilich auch ihren Anteil von Arbeit kosteten. Aber ist auch mehr als Arbeit darin? Vor dieser Frage fürchteten sich die Brittischen Künstler wohl selbst, als sie ihr zweideutiges Motto aufdruckten. Es ist wahr, die Zimmer sind voll; aber, so schönes Licht sie auch, insbesondere das Hauptzimmer, von oben erhalten, sehr klein, und der Indolenz der Herren Akademiker angemessen. Eine sehr kleine Anzahl von großen Gemälden würde sie ausfüllen; daher exhibieren die großen Meister nichts, und lassen dem kleinen Troß mit seinen Staffelei- und Kabinetstückchen den Platz.

Reynolds Fleiß ist vor den übrigen doch bemerkenswert. Wenigstens hängen verschiedene Porträts von seiner Meisterhand da, die seine reiche, mannigfaltige Phantasie, seinen gebildeten Geist, seinen Sinn für das Idealischschöne, und seine Grazie verraten. Mistriß Billington's Apotheose hat großes Verdienst. Die ganze schöne Figur steht da in zauberischer Einfalt; und was hat er nicht alles aus dem Leben gehascht, was nicht alles in dieses Gesicht gelegt, das sie selbst ist, und doch auch sie, in jenen Augenblicken, wo sie mehr als sie selbst ist! Ihr Gewand ist so ganz ohne alle Koketterie des Pinsels einfach schön, dass es nicht das Auge wegzieht von dem schönen seelenvollen Kopfe; und selbst die Hände können, meint man, das Notenbuch nicht anders halten. Es ist so recht; und man denkt nicht weiter dran, sondern hängt mit Ruhe und Genuß an diesem Auge, diesen Lippen, diesen Harmonien himmlischer Gestalten, welche sich auf ihrem Antlitze zu einem hohen Einklange verschmelzen. Die kleinen Genien, die ihr Haupt umschweben, mögen nur plärren und gestikuliren; ich sehe sie nicht und höre sie nicht: und wer könnte das vor einem solchen Wesen!

Die sechs andern Porträts haben eigne Kraft im Ausdruck, Mannigfaltigkeit in der Darstellung, und Kennzeichen der festen, geübten Hand des erfahrnen Meisters. –

Rigauds Werke verdienen hier die nächste Stelle. Simson, der seine Bande zerreißt, ist eine vortreffliche Akademie; es ist mehr: ein sehr edles Gemälde. Simsons Kopf ist schön gedacht, der Kopf eines schönen Mannes, der hohe Indignation haucht, indem er sich von den Folgen einer niedrigen Überlistung befreit. Die Nebenfigur ist nicht so interessant, und wohl nicht erschrocken genug, wenn es die Verrätherin sein soll. Doch in diesen Fällen verzeihet man dem Künstler immer lieber zu wenig als zu viel Ausdruck, wenn er nur Schönheitssinn blicken läßt.

Ein schöner Kopf nach der Natur, von ebendemselben, ist mit Guido's Engeln verwandt; aber er hat mehr rosige Wärme als sie. Des Künstlers eigene Familie ist sehr brav gemalt.

Hodges. Auch der Landschaftsmaler kann phantasieren, dichten, und aus den schönen Zügen der Natur das Vollkommenste erlesen und vereinigen, das Erhabene fassen, und den Zuschauer mit sich fortreißen in idealische Welten. Wer wird diesem Künstler Genie absprechen können? Seine Figuren sind indes nicht mit seinen Landschaftsmalereien zu vergleichen.

Marlow. Außerordentlich schön und treu nach der Natur kopiert. Aussichten! Man möchte bei diesen Bildern oft fragen: ist dies von diesem Meister, jenes von jenem? so unähnlich sehen sie sich, und so wahr ist jedes in seiner Art. –

Hamilton. Salomons Bewirtung der Königin von Saba! Dieses Stück gehört zu denen, von welchen der Künstler zu urteilen pflegt: sie haben Verdienst. Allein dieses Verdienst ist Machwerk, und sonst nichts. Was läßt sich auch von einem Gastmahl Interessantes erwarten? Man sitzt bei Tisch und ißt, oder sieht einander an. Warum wählen aber die Maler solche Sujets? Je nun! Sie müssen wohl, wenn sie historische Stücke malen wollen. Der Lord, der dieses bestellte, tat es aus Eitelkeit. Es ist gleichsam nur Karton zu einem Gemälde auf Glas, welches Se. Lordship in dem Fenster der Kirche auf seinem Landsitze anbringen läßt. – Mylord hat das Vergnügen, seiner Eitelkeit zu fröhnen, indem er die Kirche beschenkt; und er selbst sitzt da porträtiert als der weiseste König. Die Königin von Saba ist seine Nichte, Mistriß Howard; und eine dritte Figur ist ebenfalls aus seiner weiblichen Verwandtschaft. Das gibt denn freilich einen Salomon und eine Königin, die der Kunstliebhaber nicht bewundern kann! –




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 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 00:38:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.11.2007 
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