Diät, Speisen und Getränke.
Eß- und Trinkgewohnheiten


Wie die meisten für sich allein lebenden Junggesellen (beiderlei Geschlechts!) sprach er, wenigstens in seinen späteren Jahren, gern von seinem Körper. Er "rezensierte sehr oft seine körperliche Beschaffenheit, er teilte seinen Freunden jedes körperliche Gefühl und jede Veränderung mit, die sich mit seinem Körper zutrug" (Jachmann, S. 157). Nach dem alten Grundsatze 'Naturalia non sunt turpia' redete er über natürliche Dinge so offenherzig, dass es sogar dem gewiß nicht prüden Hamann auffiel: "sogar von seiner Verdauung unterhält unser lieber Kritiker des Morgens seine Besucher, auch selbst der Gräfin Keyserling vor der Tafel nicht ermangelt (sc. er darüber) zu referieren" (H. an Jacobi, Mai 86).

Im übrigen waren seine gesundheitlichen Grundsätze durchaus verständig. Die "Diätetik", d. h. die Kunst, durch zweckmäßige Lebensweise Krankheiten vorzubeugen, hielt er mit Recht höher als die "Therapeutik", d. i. die Kunst, sie erst nachträglich zu heilen. Was er in seiner bekannten Abhandlung 'Von der Macht des Gemüts usw.' (1798) von allgemeinen Ratschlägen gibt, wird noch heute jeder Verständige, ob Arzt oder Laie, mehr oder weniger unterschreiben. Über Einzelheiten, wie das Kalthalten von Kopf und Füßen, über die Frage, ob Ehestand oder Junggesellentum bekömmlicher, u. a. m., kann man gewiß mit ihm rechten. Aber sein energisches Auftreten gegen Hypochondrie und eingebildete Krankheiten, gegen Langschläferei ("das Bett ist ein Nest von Krankheiten"), gegen weichliche Verzärtelung und Verwöhnung des Körpers, selbst im Alter, seine Denkdiät, die wir in Buch III, Kap. 9 schon kennen lernten, seine Empfehlung einer regelmäßigen Lebensweise und so mancher andere gute Rat verdient durchaus Anerkennung und hat gewiß mehr als einem Leser geholfen. Auch, was er von allerlei Einzelmitteln, als an sich selbst erprobt, angibt, wie Regeln über das Atemholen,*) Essen und Trinken, Vertreiben der Schlaflosigkeit usw., ist der Beachtung wert.

Bei dieser Gelegenheit seien auch einige Mitteilungen über die Speisen und Getränke, die er bevorzugte, gestattet. Wie wir bereits wissen, beschränkte er in späteren Jahren sein Essen so gut wie ganz auf die Mittagsmahlzeit. Über diese berichtet am ausführlichsten und zusammenhängendsten sein früherer Schüler Jachmann (S. 166—170). "Kant aß nur einmal im Tage, und zwar zu Mittage, aber mit einem sehr starken Appetit. Den ganzen übrigen Tag genoß er nicht das Mindeste außer Wasser. Sein Tisch bestand aus drei Schüsseln, nebst einem Beisatz von Butter und Käse, und im Sommer noch von Gartenfrüchten. Die erste Schüssel enthielt jederzeit eine Fleisch-, größtenteils Kalbssuppe mit Reis, Graupen oder Haarnudeln. Er hatte die Gewohnheit, auf seinem Teller noch Semmel zur Suppe zu schneiden, um sie dadurch desto bündiger zu machen. In der zweiten Schüssel wechselten trockenes Obst mit verschiedenen Beisätzen, durchgeschlagene Hülsenfrüchte und Fische miteinander ab. In der dritten folgte ein Braten; ich erinnere mich aber nicht, jemals Wildpret bei ihm gegessen zu haben. Des Senfs bediente er sich fast zu jeder Speise... Butter und Käse machten für ihn noch einen wesentlichen Nachtisch aus. ... Er aß ein feines, zweimal gebackenes Roggenbrot, das sehr wohlschmeckend war. Der Käse wurde öfters fein gerieben auf den Tisch gesetzt. ... Bei großen Gesellschaften kam noch eine Schüssel und ein Beisatz von Kuchen hinzu. Die Lieblingsspeise Kants war Kabljau. Er versicherte mich eines Tags, als er schon völlig gesättigt war, dass er noch mit vielem Appetit einen tiefen Teller mit Kabljau zu sich nehmen könnte." Man sieht, unser Philosoph, an das gute Essen in feinen Gasthäusern gewöhnt, verschmähte auch in seinem Hause eine gute und reichliche Tafel nicht, deren einzelne Gänge er selbst anordnete; indes wenn er auch auf gute Zubereitung und deshalb eine geübte Köchin sah, mochte er doch am liebsten "eine gute Hausmannskost ohne alle Delikatessen". Zu seinen Leibgerichten gehörten vielmehr Pastinakmöhren mit geräuchertem Speck, dicke Erbsen ("der muß ja ein Ochs sein, dem das Gericht nicht schmeckt", erklärte er noch bei seiner letzten Geburtstagsfeier 1803) mit Schweinsklauen, Teltower Rüben, die ihm sein Schüler Kiesewetter aus Berlin, und Göttinger Würste, mit denen ihn von der Leinestadt her sein früherer Famulus Lehmann sowie der Buchhändler Nicolovius versorgten.

Weniger derb war sein Geschmack in Getränken. Er war z. B. ein abgesagter Feind des Biers, schon wegen seiner allzu nährenden Bestandteile, durch die man sich den Appetit zum Essen verderbe (das Biertrinken sei deshalb ein Essen!); ja er erklärte es später sogar, ähnlich wie den Kaffee ohne Milch, für ein langsam tötendes Gift und den Quell aller möglichen Krankheiten. Dagegen war er ein Liebhaber und Kenner feiner Weine. Bei Tische trank er in der Regel eine Viertelflasche französischen Rotwein (Medoc), indem er jedesmal nur soviel in sein Glas goß, als er austrank.**) Doch wechselte er auch zuweilen mit Weißwein (Rhein- oder Steinwein) ab, den er sich z. B. durch den aus Süddeutschland hergezogenen Großhändler Abegg (Bruder des von uns mehrfach erwähnten Theologen, der ihn 1798 besuchte) kommen ließ. Für seine Gäste stand gewöhnlich Weiß- wie Rotwein auf dem Tische; für besondere Fälle hatte er sogar Champagner in seinem Keller.

Auch aus seinen Eß- und Trinkgewohnheiten ergibt sich also: Kant war in diesen Dingen nicht der steife und ängstliche Pedant, für den man ihn gehalten hat, Jachmann bezeugt, dass er in jüngeren Jahren keineswegs besonders regelmäßig lebte, sondern "vieles auch bloß des Vergnügens wegen" tat; ferner, dass er als ein guter Selbstbeobachter seine Lebensweise im Lauf der Jahre je nach den Umständen änderte. Auch mutete er den eigenen Geschmack und die eigenen Gewohnheiten keineswegs anderen zu. Er betrachtete es vielmehr als den obersten Grundsatz seiner "Diätetik": dass "ein jeder Mensch seine besondere Art, gesund zu sein" habe, "an der er ohne Gefahr nichts ändern" dürfe (an Mendelssohn, 16. August 83). Allerdings richtete er, je älter er ward, eine um so genauere Aufmerksamkeit auf seinen Körper, aber doch "aus vernünftigen Gründen" (Jachmann). Er wollte sich eben, obschon er den Wert des Lebens gewiß nicht über Gebühr schätzte, vermeidbare Leiden möglichst ersparen und, ohne besondere Sorge für dessen Verlängerung zu tragen, es doch auch nicht "durch Störung der wohltätigen Natur in uns" mutwillig verkürzen. Wenn er dadurch wirklich zu einem hohen Alter gelangte, so hat er das nicht etwa von Anfang an als sein vornehmstes Lebensziel oder auch nur als möglich angesehen; aber er empfand doch einen gewissen Stolz darüber, seinem schwächlichen Körper durch die Macht der Vernunft soviel Lebenskraft abgerungen zu haben. "Es gibt viele, von denen ... man sagt, dass sie für immer kränkeln, nie krank werden können; deren Diät ein immer wechselndes Abschweifen und Wiedereinbeugen ihrer Lebensweise ist, und die es im Leben, wenngleich nicht den Kraftäußerungen, doch der Länge nach, weit bringen. Wie viele meiner Freunde und Bekannten habe ich nicht überlebt ...", schreibt er von sich selbst 1798 (Streit der Fakultäten, S. 146). Er bezeichnete es seinen näheren Bekannten gegenüber oft als ein "Kunststück", d. h. ein Ergebnis der von ihm auf gewandten "Kunst" und verglich gern die von ihm erreichte Lebensdauer mit den wöchentlichen oder monatlichen Sterbetabellen seiner Vaterstadt, in der ja (nach Baczko) besonders viele alte Leute wohnten.

 

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*) Die er auch in seinen Vorlesungen empfahl (vgl. Nachlaß XV, Nr. 1533).

**) Der alte Freund Berens (Riga) schreibt ihm am 25. Oktober 1788 aus Berlin: Er und seine Frau hätten sich dort bei jeder Gelegenheit gerühmt, "bei dem größten Philosophen den schönsten roten Wein getrunken zu haben, den wir auf der ganzen Reise nicht wieder gefunden haben".


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