3. Weitere Veröffentlichungen


Was danach noch von ihm gedruckt wird, das sind in der Hauptsache Vorlesungs-Kompendien. Er selbst gab noch, fast gleichzeitig mit dem 'Streit', sein Handbuch der Anthropologie heraus, dessen Inhalt er jetzt, wo er selbst das Kolleg nicht mehr las, dem Drängen seiner Verehrer vorzuenthalten keinen Anlaß mehr hatte. Infolge ihres populären Tones, der zahlreichen geistreichen Einfälle und witzigen Anekdoten, aber auch des Verfassers ebenso scharfsinniger wie tiefer Menschenkenntnis und Menschenbeobachtung gewann sie sich rasch die Gunst des Publikums; schon nach anderthalb Jahren waren die 2000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen und mußte, trotz eines inzwischen wie üblich erfolgten Nachdrucks, eine neue ebenso starke Auflage erscheinen.1)

Mit Recht wollte er die letzte Kraft seines Alters nicht auf die im Publikum begehrte Fertigstellung seiner übrigen Vorlesungshandschriften für den Druck verwenden. Er übergab sie daher dienstwilligen früheren Schülern und jetzigen Kollegen zur Veröffentlichung. So wurden die Logik 1800 von G. B. Jäsche, die Physische Geographie 1802 und die Bemerkungen 'Über Pädagogik' 1803 von F. Th. Rink herausgegeben. Die letztere kleine Schrift vermag auch den heutigen Leser noch durch die übersichtliche Zusammenstellung seiner von uns bereits an früherer Stelle (Buch II, Kap. 6) gewürdigten gesunden Erziehungsgrundsätze zu fesseln. Die beiden übrigen Ausgaben dagegen sind so unkritisch bzw. nachlässig hergestellt, dass sie in dieser Form kaum als Werke Kants gelten können. Hoffentlich wird die Veröffentlichung eines authentischeren Textes in der Akademie-Ausgabe erfolgen.

Rink hat ein Vierteljahr nach Kants Tode auch dessen in der ersten Hälfte der 90er Jahre verfaßte, aber nicht vollendete Bearbeitung des Themas der Preisschrift der Berliner Akademie (1788) 'Über die Fortschritte der Metaphysik seit Leibniz und Wolf veröffentlicht. Weshalb der Philosoph diese Bearbeitung nach verschiedenen Ansätzen dazu (Rink reiht nicht weniger als drei Handschriften einfach aneinander) schließlich aufgegeben hat, ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Mehr als die zunehmenden Altersbeschwerden hat ihn doch wohl die Überzeugung dazu bestimmt, dass die Metaphysik bis einschließlich Wolff überhaupt keine Fortschritte gemacht, und deshalb ohne eine vollständige Kritik der Vernunft die Aufgabe eigentlich gar nicht zu behandeln sei (S. 147 und 151 meiner Ausgabe, Phil. Bibl. 46 c). Auch wollte er sich wohl nicht der Gefahr aussetzen, mit minderwertigen Bewerbern zu konkurrieren und zu guter Letzt womöglich noch von den Preisrichtern hintangesetzt zu werden, die in der Tat Anfang Oktober 1795 den ersten Preis einem entschiedenen Wolfianer, und nur den zweiten und dritten den dem Kritizismus näher stehenden Abicht (Erlangen) und Reinhold (Kiel) zusprachen. Wie das Ganze jetzt dasteht, ermangelt es ebensosehr eines übersichtlichen Gedankenganges wie der stilistischen Feile, so dass es trotz mancher feiner Einzelgedanken nur für den Fachmann von Wert ist. Freuen wir uns, dass wir statt dessen aus der Zeit von 1793—1795 seine Religionsschrift und seine wichtigen politischen Abhandlungen (s. Kap. 2 und 4) empfangen haben.

Die Antwort auf weitere philosophische Angriffe überließ er in seinen letzten Jahren seinen Anhängern. Schon im Mai 1797 hatte er in einer öffentlichen Erklärung einen gewissen Schlettwein zu Greifswald, der ihn in dreister Weise zu einer literarischen Fehde herausgefordert hatte, falls er sein "Sturmlaufen" nicht lassen könne, an Hofprediger Schultz verwiesen. Auf die hämischen und verbitterten Angriffe, die der alte Gegner Herder in seiner 'Metakritik' (1799) gegen die Kritik d. r. V., in der 'Kalligone' (1800) gegen Kants Ästhetik richtete, hat er überhaupt nicht mehr geantwortet, Rink und anderen Freunden es überlassend, in 'Mancherlei zur Geschichte der metakritischen Invasion' (1800) dagegen vorzugehen. Was er selbst Herder prinzipiell zu sagen hatte, hatte er längst in seiner Rezension von dessen 'Ideen' (Buch III, Kapitel 6) erledigt. Übrigens stellte sich nicht bloß Schiller, sondern auch Goethe in diesem Streite durchaus auf die Seite unseres Philosophen. Die neue Zeit ging über den altgewordenen Weimarer Generalsuperintendenten hinweg.

Aus dem Jahre 1800, also Kants 76. Lebensjahre, stammen die beiden letzten schriftstellerischen Äußerungen, die noch bei seinen Lebzeiten in Druck gekommen sind. Es sind: 1. ein vom 14. Januar 1800 datiertes Vorwort zu seines "ehemaligen fleißigen und aufgeweckten Zuhörers, jetzt sehr geschätzten Freundes" Reinhold Bernhard Jachmanns 'Prüfung der Kantischen Religionsphilosophie'; 2. eine (undatierte) Nachschrift zu dem 1800 bei Härtung erschienenen 'Littauisch-Deutschen und Deutsch-Littauischen Wörterbuch' von Christian Gottlieb Mielcke, Kantor in Pillkallen. Beide nur je eine Druckseite stark, und beide doch die Persönlichkeit Kants zum Schlüsse noch einmal recht widerspiegelnd.

Die "Nachschrift eines Freundes" — so bezeichnet sich der weltberühmte Denker in dem Wörterbuch des bescheidenen Kantors von Pillkallen — beweist, dass Kants angeblich abstrakter Kosmopolitismus verbunden war mit vollem Verständnis für die politische, geschichtliche und sprachliche Bedeutung "eines uralten, jetzt in einem engen Bezirk eingeschränkten und gleichsam isolierten Völkerstammes", dessen "unvermengte Sprache" es daher im Schul- und Kanzelunterricht zu erhalten gelte. Und seine aufrechte, im besten Sinne demokratische Gesinnung zeigt sich in seiner Würdigung des freimütig-selbstbewußten Volkscharakters des "preußischen Littauers" (Masuren), der "von Kriecherei weiter als die ihm benachbarten Völker entfernt, gewohnt ist, mit seinen Oberen im Tone der Gleichheit und vertraulichen Offenheit zu sprechen".

Theoretisch bedeutsamer ist die Vorrede zu Jachmann, die sich noch einmal zu wahrhaft philosophischer Höhe erhebt. Nicht bloß, weil sie in Übereinstimmung mit der Tendenz des Buches jede Verwandtschaft seiner Religionsphilosophie mit mystischen Anschauungen zurückweist, sondern vor allem wegen des Grundes, aus dem sie das tut. Das "selige Träumen", das "süße Genießen" des Mystikers steht in geradem Gegensatz zu der Aufgabe des Philosophen, die in mühsamer Vernunftarbeit und angestrengter Forschung besteht. Nicht von oben herab, durch "Inspiration" wird dem Menschen die Weisheit "eingegossen", sondern von unten hinauf muß er zu ihr durch die "innere Kraft seiner praktischen Vernunft" emporklimmen. So errungen, in ihrer buchstäblichen Bedeutung als Weisheitslehre, hat die Philosophie einen unbedingten Wert, "denn sie ist die Lehre vom Endzweck der menschlichen Vernunft, welcher nur ein einziger sein kann".

So bilden diese beiden letzten, erst 1860 durch Rudolf Reicke bekanntgemachten literarischen Äußerungen Kants — die eine in der unbewußten Hervorkehrung seines persönlichen und politischen Unabhängigkeitssinnes, die andere in der Bestimmung der letzten Aufgabe der Philosophie überhaupt —, trotz der Geringfügigkeit ihres äußeren Anlasses, einen nicht unwürdigen Abschluß der schriftstellerischen Tätigkeit dieses großen Denkerlebens.

 

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1) Diejenigen, welche sich für Entstehung, Charakter und Aufnahme des Buches (z. B. bei Goethe) näher interessieren, seien auf die Einleitung zu meiner Ausgabe desselben (Bd. 44 der Philos. Bibl., 1912) verwiesen.


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