II. Selbständigkeit


Gewißheit, soweit sie dem Menschen möglich ist, kann er nur aus der innersten Tiefe des eigenen Ich schöpfen. Wahrheitssinn und Klarheitsdrang, die den Dingen auf den Grund gehen, sind darum unauflöslich verbunden mit festem Aufsichselbststehen. Selbständigkeit charakterisiert demgemäß ebenso Kants Lebensgang — "er ward alles durch sich selbst" (Jachmann) — und seine Lebensführung wie seine Philosophie: von seiner ersten kraftbewußten Jugendschrift bis zu dem letzten Alterswerk. Hume, Rousseau und andere können ihm wohl wichtige Anstöße geben, vermögen aber nicht sein innerstes Wesen umzugestalten. Selbständige Prüfung gehört zum Wesen des Kritizismus, der ja schon seinen Namen vom Prüfen und Scheiden trägt; sie treibt ihn vom Dogmatismus — ein Spinoza ist ihm deshalb unverständlich — hinweg zur Wertschätzung der Methode anstatt des fertigen "Systems"; des Philosophierens, das er seinen Schülern und Lesern immer wieder ans Herz legt, anstatt "der" Philosophie; wie er denn auch seine eigenen "bloß nachbetenden" Anhänger geringschätzt (an Reinhold, 21. Sept. 91). Methode heißt, nach dem griechischen Ursprung des Wortes: das den Dingen (bis auf den Grund) Nachgehen, bleibt also in beständiger Bewegung, Entwicklung. Sie ist in Kants Philosophieren, im Einzelnen wie im Ganzen, die stets vorwärts treibende und zugleich schaffende Kraft. Nichts bleibt ihr bloß "gegeben"; alles ist "spontan", das heißt aus dem Denken heraus, von neuem zu erzeugen in Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst. Daher verrät es ein feines Verständnis seines innersten Wesens, wenn einer seiner Freunde von Kant sagte: "er lernte immer fort, erneuerte sich täglich" (bei Schubert XI 2, 180).

Diese nicht draußen suchende, sondern aus dem eigenen Innern beständig neu hervorbringende geistige Schöpfertätigkeit ist es, die seine Weltanschauung zum Idealismus, freilich dem kritischen, macht; denn die "größte Handlung" unseres "dirigierenden Verstandes" besteht in der "ganzen Bestimmung unserer theoretischen und praktischen Natur".

"Die Welt ist das, wozu wir sie machen." Von der theoretischen Bedeutung dieses gewaltigen Satzes, von der dadurch bewirkten kopemikanischen "Revolution der Denkungsart" ist das Nötige schon im ersten Kapitel des dritten Buches gesagt worden. Und noch sind Kants heutige Nachfolger, vor allem die Neukantianer der sogenannten "Marburger" Schule, daran, diesen das philosophische System selbst erst erzeugenden logischen oder methodischen Idealismus noch strenger zu begründen und allseitiger auszubauen. Noch gewaltiger jedoch ist seine praktische Bedeutung auf dem Gebiete der Ethik und der durch sie bestimmten Welt des Wollens und des Handelns. Wenn Freiheit im Nachlaß einmal als "das Vermögen" erklärt wird, "sich durch die intellektuelle Willkür allein zu bestimmen", oder an einer anderen Stelle derjenige "frei" genannt wird, "so von sich selbst abhängt", wenn der Wahlspruch der Aufklärung lautet: Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes ohne Hilfe eines anderen zu bedienen, so schlägt eben hier die theoretische Selbständigkeit unmittelbar in die praktische um. Nicht bloß in der Philosophie, auch im Leben sollen wir endlich einmal aus der von uns selbst verschuldeten Unmündigkeit heraustreten: der häuslichen in der Familie, der bürgerlichen im Staate, der "frommen" in der Kirche (XV, 898); denn einmal müssen doch alle diese Übel ein Ende haben. Diese Mündigkeitserklärung des Menschen auf allen Gebieten war es, die unter anderen unseren Schiller so ergriff, dass er gegen Goethe äußert: Nie sei ein größeres Wort gesprochen worden als das Kantische: Bestimme Dich aus Dir selbst!

Freilich bedeutet dies "Du selbst" bei unserem kritischen Philosophen nicht das unbeschränkte Ich der Romantiker von Friedrich Schlegel und Schelling bis zu Stirner und Nietzsche oder gar den in der großen Weltenwende seit 1914 kläglich zusammengebrochenen modernsten Vertretern des schrankenlosen "Sichauslebens" ihrer eigenen kleinen Persönlichkeit. Sondern es ist das Ich, im Theoretischen gezügelt durch die strenge Wissenschaft, im Praktischen durch das selbstgegebene Pflichtgesetz des kategorischen Imperativs. Denn "der Wert des Lebens besteht in dem, was man tut, nicht in dem, was man genießt". Darum heißt "der praktische Philosoph, der Lehrer durch Weisheit in Lehre und Beispiel", der "eigentliche" Philosoph, der "Lehrer im Ideal", und hat, wenn es um die "letzten Zwecke der menschlichen Vernunft" geht, die praktische Vernunft den Vorrang ("Primat") vor der theoretischen.

Es ist nach allem früher Gesagten unnötig, die Durchführung dieses Kantischen Freiheits-, das heißt Selbstgesetzgebungs-Prinzips auf theoretischem, ethischem, politischem, religiösem und pädagogischem Gebiet hier nochmals zu beleuchten. Werfen wir lieber, an der Hand eigener Aussprüche oder zuverlässiger Zeugnisse, noch einen Blick auf dessen persönliche Grundlage: Kants Selbständigkeits- und Unabhängigkeitssinn. Lieblingswahlsprüche von ihm sind das: 'Quod petis, in te est, ne tu quaesiveris extra' des Persius, das 'Mihi res, non me rebus subiungere conor' des Horaz. "Nur was wir selbst machen", schreibt er 26. Januar 1796 an Plücker, "verstehen wir aus dem Grunde". "Sich nicht an die Nachrede, das seichte oder boshafte Urteil anderer kehren", heißt es ein andermal. Aberglaube ist Feigheit, weil Faulheit der Vernunft, selbst zu denken. Ein mutiger Mensch "hofft und fürchtet nichts, ein feiger alles". Dieser Mannhaftigkeit seiner Gesinnung entspringt. seine Vorliebe für das 'Sustine et abstine' der stoischen Ethik. Tugend ist "moralische Gesinnung im Kampfe", ist "die moralische Stärke in Befolgung seiner Pflicht", und zwar muß sie, gerade wie auf theoretischem Gebiet die Wissenschaft, stets aufs neue von uns erzeugt werden, "immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkart hervorgehen" (Anthropologie). Als wahrhaft selbständige Natur haßt er alle Schmeichelei und Kriecherei, allen Hochmut und Dünkel, sei es bei den Großen der Erde oder den Gelehrten — er verurteilt die Verbindung der letzteren mit den ersteren oder mit den "Politikern vom Handwerk" (an Kiesewetter, 15. Okt. 95) —, und bekämpft alle sogenannten Standesunterschiede, "die doch größtenteils von der Meinung abhängen" (desgl. 28. Juni 96). Nie anmaßend, sondern kritisch gegen sich selbst, zeigt er sich gegen andere, schon aus Achtung vor ihrer Persönlichkeit, bescheiden, dienstfertig, gefällig, uneigennützig. Dagegen besitzt er nicht die christliche, vielleicht mehr paulinische Tugend der Demut, sondern hat sie öfters als bedauernswerte Selbstentwürdigung getadelt.

Gewiß hat Kant an sich selbst gedacht, wenn er einmal (XV, S. 528) den "hohen" Geist als den beschreibt, "der an keinem Dinge hängt und durch nichts in Ansehung seiner großen Absicht ... zurückgehalten wird, nicht durch Furcht, Eigennutz und Eitelkeit". Ähnlich sahen wir ihn ja in den 'Träumen eines Geistersehers' und dem beinah gleichzeitigen Briefe an Herder sich äußern. Deshalb ist er, trotz aller sozialen und Staatsgesinnung (s. Kap. 4), im letzten Grunde, als Persönlichkeit, doch Individualist. Ja, wir dürfen wohl noch mehr sagen. Aus seinen Briefen wie aus seinen Werken spricht an einzelnen Stellen deutlich wahrnehmbar ein Zug der Einsamkeit des über seine Umgebung geistig weit hinausgewachsenen Genies, die zu seiner Kühle gegen die Blutsverwandten und vielleicht auch zu seinem Junggesellentum — ähnlich wie bei Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche — mit beigetragen hat.1) Um so mehr ziehen sich dann solche überragenden Geister auf den innersten Kern ihrer Persönlichkeit, auf ihr eigentlichstes Lebenswerk zurück.

 

 

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1) So auch F. A. Schmid in seiner feinsinnigen Studie 'Kant im Spiegel seiner Briefe' (Kantstudien IX, 307—320), die, obwohl wir dem Verfasser nicht in allen Punkten beipflichten, als Charakteristik Kants sehr schätzenswert ist.


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