Gegenwart


Wie sie die verschiedensten Zweige der Philosophie und ihrer Nachbargebiete in Deutschland befruchtet hat, so hat die neue Kantbewegung auch, obgleich in sehr verschiedenem Maße, nach beinahe allen Ländern Europas und über dessen Grenzen hinaus von der Union bis zu dem fernen Japan hinübergegriffen. Es fehlt der Raum, dies hier im einzelnen nachzuweisen; wir haben an anderer Stelle eine Überschau gegeben. Wer sich auch nur einen flüchtigen Einblick in den Umfang dieser Beziehungen verschaffen will, der lese etwa die Berichte über die Ausdehnung der Jahrhundertfeier von Kants Todestag (12. Februar 1904) in den 'Kantstudien', oder durchblättere in eben dieser 1896 von Vaihinger zur Pflege des Kantstudiums im weitesten Sinne gegründeten Zeitschrift die Mitgliederliste der 1904 zu gleichem Zwecke begründeten 'Kantgesellschaft'; wer Genaueres erfahren will, vertiefe sich in die ebendort von Angehörigen der betreffenden Länder geschriebenen Berichte über England, Frankreich, Holland, Nordamerika, Schweden, Spanien usw. In der Tat:

 

"Schon längst verbreitet sich's in ganze Scharen

Das Eigenste, was ihm allein gehört."

 

Doch auch ein anderes Wort aus Goethes herrlichem Nachruf auf seinen Freund dürfen wir auf Immanuel Kant anwenden, das: "Er war unser." Denn so wenig es dem Sinne unseres weltbürgerlich gesinnten Philosophen entsprechen würde, wenn wir ihn für unser Volk und Land allein in Anspruch nehmen wollten, so sind doch die tiefsten Züge seiner Persönlichkeit, die wir in diesem Buche darzustellen uns bemühten, so eng und unzertrennbar mit deutschem Wesen verwoben, dass er ganz vielleicht doch nur von einem Deutschen oder mindestens einem, der sich in deutsche Geistesart hineinzuleben verstanden, begriffen werden kann. Aber deutscher Art ist eben — das hörten wir von Kant selber — die Weite des Blickes und die Weite des Gemüts eigen, welche die gesamte Menschheit umfaßt. Und so wollte seine Lebensarbeit der ganzen Menschheit ohne Unterschied der Nationen und der Stände, der Gelehrten und der Ungelehrten dienen. So kommt es, dass heute die von ihm aufgeworfenen Probleme die Köpfe der scharfsinnigsten Gelehrten beschäftigen und zugleich doch seine sittlichen Grundsätze in deutsche und französische Dorfschulen gedrungen sind, dass seine Philosophie die Köpfe unserer sozialistischen Jugend beschäftigt. Kants Leib ist begraben, sein Geist lebt.

Freilich viele von denen, die ihn preisen, rufen nur seinen Namen an. Noch ist vieles, sehr vieles von dem, was er erstrebte, nicht erreicht; ja, im Augenblick sieht es sogar besonders trübe damit aus. Neben den aufstrebenden sind alle Mächte des philosophischen, politischen und religiösen Rückschritts eifrig am Werke. Kant muß in viel stärkerem Maße als bisher zur Macht in unserem Leben, dem des Einzelnen wie des ganzen Volkes wie am letzten Ende der gesamten Menschheit, werden. Das Eine vor allem, was den innersten Zug seines Wesens ausmacht: die geistige und sittliche Selbstbestimmung, ist bei den Einzelnen wie bei den Völkern, erst im Werden begriffen, ist bei den meisten nur triebhaft vorhanden, muß erst zu vernünftigem Wollen gesteigert werden.

Das darf uns jedoch nicht entmutigen, soll und muß uns im Gegenteil zu erhöhter Tätigkeit anspornen. Denn wir wissen von Kant: "Im ganzen Weltall sind tausend Jahre ein Tag." Wir aber "müssen geduldig an diesem Unternehmen arbeiten und warten". Und so wollen wir weiter aus seinem klaren, großen und tiefen Wesen schöpfen; denn das echte Genie ist unerschöpflich und strahlt ein Dicht aus, das seine Wirkungen in die Unendlichkeit erstreckt:

 

"Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend,

Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend."

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 28.02.2007 
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