Nachwirkungen an der Universität Königsberg.
Denkmal


Merkwürdig wenig Aufsehen erregte Kants Tod außerhalb Königsbergs, im übrigen Deutschland. Mögen die großen politischen Zeitereignisse, mag das langsame Dahinsterben des Weisen, mag die Bewunderung neuer philosophischer Größen der Grund gewesen sein: wir finden die Tatsache in den Briefen berühmter Zeitgenossen, z. B. Goethes und Schillers, nirgends erwähnt. Und von auswärtigen Gedenkschriften sind uns nur zwei unbedeutende bekannt: die eine von dem übrigens auch vom Kantianismus abgeschwenkten Göttinger Ästhetiker Bouterwek; die andere eine in Klopstock-Ossianscher Bardenpoesie schwelgende Totenklage des Altenburger Gymnasialprofessors F. A. Ch. Mörlin.

Aber auch die eigene Universität hat der Philosophie ihres größten Lehrers auffallend wenig gedacht. Zwar las Kraus bis zu seinem frühen Tode (1807) noch jeden Sommer Moralphilosophie nach Kants Tugendlehre, und Magister Lehmann, Kants früherer Famulus, behandelte noch einige Jahre in seinen Vorlesungen die kritische Philosophie, die andererseits der jetzt wieder auftauchende Wlochatius (Bd. I, S. 204) in jedem Semester zu "widerlegen" versprach (refutare conabitur). Allein von Herbst 1807 bis Sommer 1865 ist kein Kolleg über Kants Lehre gelesen worden, wenn wir von dem Herbartianer Taute absehen, der sie zwischen 1826—1831 und 1843—1855 zuweilen, aber teilweise auch nur zugleich mit derjenigen von Fichte, Schelling, Hegel behandelte. Kants unmittelbarer Nachfolger war der ehrenwerte, aber oberflächliche Vielschreiber Wilhelm Traugott Krug, der sich zwar im allgemeinen zum Kritizismus bekannte, aber zu dessen Vertiefung nichts beigetragen hat, übrigens schon wenige Jahre später nach Leipzig ging. Ihm folgte Herbart, der bekanntlich andere Bahnen eingeschlagen und trotz seiner 24jährigen Lehrtätigkeit an der Albertina niemals über Kant gelesen hat. Erst der geistig sehr bewegliche Karl Rosenkranz, der als 28jähriger im Jahre 1833 Herbarts Nachfolger wurde, hat, obwohl selbst Hegelianer, gleich in den ersten Jahren seiner mehr als 45jährigen Königsberger Dozententätigkeit Kants Andenken erneuert, vor allem die erste Gesamtausgabe seiner Werke angeregt und dann im Verein mit seinem Kollegen W. Schubert (1838—1842) durchgeführt. Im übrigen aber haben sich von sämtlichen Königsberger Doktor-Dissertationen bis 1915 nur — fünf (in den Jahren 1807, l872, 1898 und 1905!) mit Kantischer Philosophie beschäftigt, hat sich von den philosophischen Prüfungsaufgaben selbst der letzten 25 Jahre nach der Feststellung A. Rosikats noch nicht der zwölfte Teil auf Kant bezogen. Und von den beiden Königsberger Gelehrten, die am meisten zur Aufstellung von Kants Leben und Schriften getan, stand Rudolf Reicke als Bibliothekar außerhalb des akademischen Lehrkörpers, während Emil Arnoldt ihm nur einige Jahre (1874—1878) als Privatdozent angehört hat, wegen seiner freiheitlichen politisch-religiösen Gesinnung aber nicht befördert worden ist.

An einer anderen Stelle ist das Andenken an den Verewigten besser gepflegt und hochgehalten worden: in der am 22. April (Kants Geburtstag) 1805 von Dr. W. Motherby begründeten Königsberger 'Gesellschaft der Freunde Kants', begründet, "auf dass sein Wert als Mensch und Freund nimmerdar vergessen werde, so wie er der Welt als vorzüglicher Denker unvergeßlich und unauslöschbar sei". Von den vier nächsten Jahren allerdings schweigt die Überlieferung, seit dem 22. April 1810 aber versammelt sich alljährlich diese Königsberger Kantgesellschaft zu einem feierlichen Erinnerungsmahle, um den Worten eines Festredners — seit 1864 des durch das Bohnenlos erwählten "Bohnenkönigs"1) — über irgendein Kants Leben oder Lehre betreffendes Thema zu lauschen. Aus diesem Kreise sind auf solche Weise eine ganze Reihe zum Teil wertvoller Beiträge zur Biographie oder Philosophie Kants hervorgegangen; die meisten davon sind in der zu Königsberg erscheinenden 'Alt-preußischen Monatsschrift' veröffentlicht worden (es wäre sehr zu wünschen, dass eine Sammlung der wertvolleren unter ihnen erschiene).

Und wie die erste große Sammelausgabe von Kants Werken zuerst in dieser Tafelrunde (1836) angeregt worden ist, so verdankt einer Anregung desselben Rosenkranz eben daselbst im Jahre 1852 das Königsberger Kantdenkmal seine Entstehung. Im folgenden Jahre bildete sich ein Ausschuß, bestehend aus den beiden Kantherausgebern Rosenkranz und Schubert, dem Obertribunalsrat (späteren ersten Reichstags- und Reichsgerichts-Präsidenten) Simson, Professor A. Hagen und anderen. Die Herstellung wurde dem bereits 76jährigen berühmten Rauch übertragen, der denn auch die künstlerischen Schwierigkeiten — vor allem bestehend in der bei realistischer Auffassung keineswegs imponierenden Gestalt des Weisen, noch dazu im Zeitkostüm mit Perücke, Haarbeutel, Kniehosen und Schuhen — zu überwinden verstand und ein lebensvolles Modell des Philosophen schuf. Das 1855 in Bronze vollendete Werk kam jahrelang nicht zur Aufstellung, weil man sich über den Platz — Philosophendamm, Altstädtischen Kirchplatz oder einen anderen — nicht einigen konnte, bis es dann 1862 an der Nordwestseite des Schlosses nahe seinem Wohnhaus aufgestellt ward. Seit 12. September 1884 steht es, etwas im Grün der Anlagen versteckt, auf dem heutigen "Paradeplatze" (dem alten "Königsgarten") unweit der neuen Universität.

An Kants 100jährigem Todestage, dem 12. Februar 1904, fand dann unter Teilnahme der Universität, der Spitzen der städtischen und staatlichen Behörden und vieler Kantfreunde von fern und nah eine große Gedenkfeier statt, über die alle Zeitungen berichteten. Seitdem mahnt von der sogenannten Zyklopenmauer des Schlosses eine hohe Erztafel, die an dieser Stelle, einer der verkehrsreichsten Königsbergs, Vorübergehenden an die unsterblichen Worte:

 

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt:

 

Der bestirnte Himmel über mir

und

das moralische Gesetz in mir.

 

 

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1)  Der Bohnenkönig existierte schon seit 1814, doch hatten gewöhnlich Fachmänner den Vortrag (falls ein solcher gehalten wurde) übernommen: so Herbart sechsmal, Schubert dreimal, Rosenkranz, "der König der Redner", gar 14mal!


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