IV. Vernunftgemäßheit


Konsequenz bedeutet Einheit des Prinzips, Einheitlichkeit der Lehre, Einhelligkeit der Grundsätze. Grundsätze aber werden — in Leben wie Lehre — gesetzt durch Vernunft. Ein Charakter ist nach Kant um so ausgeprägter, je mehr in ihm die Vernunft über die Leidenschaften und Neigungen triumphiert. Nicht immer ist das bei ihm schlechthin der Fall gewesen. Wir haben den Einfluß Rousseaus auf ihn kennen gelernt, und wenigstens vom Enthusiasmus rühmte noch der 40jährige, dass ohne ihn nie etwas Großes ausgerichtet worden sei ('Über die Krankheiten des Kopfes', 1764). Allein er hatte, und zwar gerade während der Zeit, in der er in jahrelanger schwerster Gedankenarbeit sein System schuf, eingesehen, dass auf Gefühl und Genie keine Philosophie zu begründen ist. Darum wendet er sich von Rousseau ab. Darum läßt er sich auch als Mensch, je länger je mehr, von seiner selbst gesetzten Lebensaufgabe erfassen, so sehr, dass er sein Leben immer grundsatzmäßiger gestaltet, den Neigungen und Gefühlen immer weniger Einfluß eingeräumt hat.

Daher seine grundsätzliche Ablehnung alles "Gefühlvollen", der "phantasievollen", "schimmernden" Denkungsart (XV, 591). Daher sein von uns gekennzeichnetes Verhältnis zur Dichtung, den bildenden Künsten, der Musik, seine gehaltene Naturfreude, sein kühles Verhältnis zu den Geschwistern und so manche andere ähnliche Züge, die uns im Laufe unserer Darstellung begegnet sind, und die sich naturgemäß mit seinen zunehmenden Jahren verstärken. "Voll an Empfindung", für Goethe das Kennzeichen des echten Dichters, bedeutet unserem Philosophen — "leer an Gedanken" (XV, 105). Der Verstand ist die "oberste Kraft der Seele", und es ist traurig, wenn er, "der große Herr", hinter dem Pöbel der Leidenschaften einhergeht.

Am stärksten tritt dieser Zug naturgemäß in der Ethik hervor. Und zwar schon in den 70er Jahren, wie eine Reihe bisher größtenteils noch unbekannter Veröffentlichungen aus dem Nachlaß beweisen, von denen wir einige besonders prägnante hier folgen lassen: "Weichmütigkeit" ist "das falsche Mitleid" und die "Modepanacee" und "Herzstärkung unserer Moralisten" (XV, 517). Es ist "eine Art Opium, welches ein erträumtes Wohlbefinden wirkt und zuletzt das Herz welk macht". Nichts ist allem Charakter mehr entgegen. "Man muß den steifen Nacken unter die Pflicht beugen. Es gibt keine Tugend als im wackeren Herzen und kein wacker Herz ohne Macht der Grundsätze." "Gefühle machen das Gemüt reizbar, aber bessern nicht das Herz und bilden keinen Charakter". Die "Gutherzigkeit macht es nicht aus", sondern Achtung vor dem menschlichen Recht, nicht aus Religion, sondern aus Menschenpflicht. Selbst die Tugend ist erst dann die rechte, wenn sie nicht dem Knthusiasmus der Großmut, sondern "kalter Überlegung nach Grundsätzen" entspringt.

Diese stete Beziehung auf Grundsätze, so gerechtfertigt sie einer so gefühlsseligen Zeit wie der seinigen gegenüber sein mochte, hat entschieden etwas Nüchternes, ja Hartes: zumal wenn man sich vorstellen soll, dass er "nicht die gewöhnlichste Handlung mechanisch und nach Herkommen und altem Brauche, sondern immer nach eigenem Räsonnement und womöglich nach einer von ihm verbesserten Methode" ausgeführt hätte. — Allein abgesehen davon, dass sich diese Äußerung Dr. Klsners (bei Jachmann, S. 203) in ihrem dortigen Zusammenhang mehr auf seine medizinische Selbstbehandlung zu beziehen scheint, beweist sie doch wieder vor allem seine selbständige und konsequente Art. Und wenn einzelne Bekannte seiner Altersjahre zu Abegg meinten, Kant habe sich "zu hoch hinauf philosophiert", als dass er z. B. warme Freundschaft und Liebe zu fühlen vermöge, so liegt das mit an der spröden, wir möchten sagen keuschen norddeutschen Art, die das innerste Gefühl gern verbirgt, "anderen nicht preis gibt" (XV, 518). Jenen unmittelbaren Ausdruck des Gefühls freilich, den wir an unseren großen Männern lieben, ja auch das tiefere Verständnis für das Unmittelbare und Unbewußte unseres Gemütslebens vermissen wir an seiner kühl-verständigen Art. Dagegen hat es ihm an lebhaftem Gefühl für das als recht Erkannte, für "das, was nach Grundsätzen gebilligt und mißbilligt wird" (XV, 733) keineswegs gemangelt. Er verübelt selbst dem Manne nicht die "Träne im Auge", sobald die Leiden anderer oder das schwächere Geschlecht ihn "zur Teilnehmung rühren" (Anthropol., S. 189, 199). Er empfindet sogar Begeisterung für das, was sein soll, für das reine Gute, insbesondere für seine politischen Ideale. Wie hätte er sonst "jahrelang" und im Widerspruch mit den anderen "der Revolution das Wort reden" sollen! Wie hätte er jene mächtige Wirkung auf seine Zuhörer und Leser entfalten können, die nun schon mehr denn anderthalb Jahrhunderte für die Großartigkeit seines Wesens zeugt!

Damit stehen wir im Grunde schon bei einer anderen Frage, der nach seiner seelischen Naturanlage, seinem Temperament.


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