3. Anwendung
a) Stellung zum biblischen Christentum und
zur Person Jesu


Beibehalten finden wir bei ihm aus der biblischen Lehre den Gedanken vom "radikalen", das heißt tief in der Seele des Menschen wurzelnden Bösen, der unsere in dieser Hinsicht ganz hellenisch denkenden großen Dichter so abstieß, dass Schiller ihn "empörend" nennt, ein anderes Mal meint, es sei zu verwundern, dass Kants "heiterer und jovialischer Geist" gewisse düstere Jugendeindrücke "nicht ganz verwunden" habe, und ihn mit Luther vergleicht, der sich zwar auch sein Kloster geöffnet, aber dessen Spuren nicht ganz habe vertilgen können (an Goethe, 22. Dez. 98); während Goethe sogar den Ausdruck gebraucht: Kant habe seinen Philosophenmantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht, ihn von mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, nunmehr "freventlich mit dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch — Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen" (an Herder, 7. Juni 93, einen Monat später an F. H. Jacobi). Beide vergaßen indes, dass der Philosoph sich ausdrücklich gegen eine Gleichsetzung seiner Lehre mit der theologischen von der Erbsünde verwahrt und neben jenem, tatsächlich doch unleugbaren, Urhang des Menschen zum "Bösen", das heißt eigentlich nur Abweichung von den selbstgesetzten guten Grundsätzen, doch auch eine unablässige Gegenwirkung des Guten, sowie, im Unterschied vom Christentum, einen beständigen Fortschritt zum Besseren, im Einzelnen wie in der gesamten Menschheit, annimmt.*)

An das neutestamentliche Christentum erinnert auch die Lehre von der "Wiedergeburt" eines neuen Menschen in uns und von der fortgesetzten "Heiligung" unseres Wandels, vor allem aber die uns schon an früherer Stelle entgegengetretene Anschauung, dass der Mensch hoffen dürfe, was bei diesem Kampfe gegen das Böse nicht in seinem Vermögen stehe, werde durch "höhere Mitwirkung" ergänzt werden. An die biblische Lehre überhaupt seine Behandlung der alten Hiob-Frage, die in jedem über religiöse Fragen nachdenkenden Menschen von selbst aufsteigen muß: Wie ist das Vorhandensein des Sittlich-Bösen in der Welt mit Gottes Heiligkeit, wie die zahllosen Übel (Krieg, Armut, Elend jeder Art) mit seiner Güte, wie das Mißverhältnis in deren Verteilung, insbesondere die Straflosigkeit der Lasterhaften, mit seiner Gerechtigkeit vereinbar? Die Abhandlung 'Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee' (September 1791) antwortet: dass unsere Vernunft zur theoretischen Einsicht in das Verhältnis von Gott und Welt schlechterdings unvermögend ist, eine "Theodizee", das ist Rechtfertigung Gottes aus Vernunftgründen (wie Leibniz sie bekanntlich in seinem gleichnamigen Buche versucht), darum immer mißlingen wird, dass wir uns aber in den uns unverständlichen Willen des Weltenlenkers trotzdem gleich Hiob demütig ergeben müssen.

Gleichwohl ist es sehr zweifelhaft, ob Kant auf die bekannte Gewissensfrage von D. Fr. Strauß: "Sind wir noch Christen?" mit Ja geantwortet haben würde. Dem Kern des sogenannten "positiven" Christentum wenigstens, das heißt dem dogmatischen Christentum eines Paulus oder Luther, der Erlösung durch Christus als den Sohn Gottes steht er durchaus ablehnend gegenüber. Charakteristisch ist seine Stellung zur Person Jesu überhaupt. Gewiß hat er von seiner Kindheit her die persönliche Ehrfurcht vor dem Namen und der Gestalt Jesu bewahrt, und als Borowski in seinem biographischen Entwurf Kants Moral derjenigen des Heilandes zur Seite gestellt hatte, ersuchte der Philosoph ihn, den Namen, "davon der eine geheiliget, der andere aber eines armen, ihn nach Vermögen auslegenden Stümpers ist", beiseite zu lassen, sondern von "christlicher" und "philosophischer" Moral zu sprechen (an Borowski, 24. Okt. 1792). Indes Jesus ist ihm nichts mehr als der hochgesinnte Mensch, über dessen Absichten, ob sie bloß religiös waren oder auf eine politische Umwälzung gingen, ob er den Tod gesucht**) oder nicht, unter anderen er mit den Autoren der neuesten Hypothesen wie Bahrdt und Reimarus diskutiert, dessen Leiden und Sterben er erörtert, während er seine jungfräuliche Geburt, seine Wundertaten, seine Auferstehung und Himmelfahrt entschieden verwirft. Dass er kein nahes inneres Verhältnis zu der Person des "Erlösers" der Kirche besessen hat, scheint uns auch daraus hervorzugehen, dass er Jesus an keiner Stelle seiner 'Religion innerhalb', und so gut wie nie auch in seinen sonstigen Schriften und dem Briefwechsel beim Namen nennt, sondern lieber die mannigfaltigsten Umschreibungen wie: "Lehrer" oder "Heiliger des Evangelii", "Sohn Gottes", "Menschensohn", "göttlicher Gesandter", "Urbild der Nachfolge" und ähnliche gebraucht. Nur im 'Streit der Fakultäten' spricht er, abgesehen von einer ganz unwichtigen Stelle (S. 113 Anm. meiner Ausgabe in der Philos. Bibl., Bd. 46 d), einmal (ebd. S. 97) von der "Religion Jesu", und zwar, charakteristisch genug, von der zweifachen Art, "wie Jesus als Jude zu Juden" und "wie er als moralischer Lehrer zu Menschen überhaupt redete".

Anders allerdings in den 'Losen Blättern', wo er sich intimer vor sich selbst ausspricht. Hier taucht der Name "Christus", ja zuweilen auch "Jesus" öfters auf. Wir heben einige besonders bedeutsame Stellen hervor. "Dass Christus eine Religion hatte und lehrte, ist klar; aber nicht, dass er Gegenstand der Religion habe sein wollen" (E 77). Die "moralische", "seelenbessernde" Vernunftreligion war "diejenige, welche Jesus selbst hatte"; die Geschichtsreligion dagegen "besteht in der Anbetung dieses Jesus", ist also eine Religion "aus der zweiten Hand" (G 19). "Da alle Religion Pflichtlehre ist, so muß man nachsehen, was Christus zu tun gelehrt hat, nicht was in seinen Reden zur Theologie, das ist der Theorie von Gott und seiner (Christi) Sendung gehört, die auch mit jüdischen Begriffen vermischt sein konnten oder wenigstens damit konziliert" (G 23). "Das Reich Gottes auf Erden: das ist die letzte Bestimmung des Menschen. Wunsch (Dein Reich komme). Christus hat es herbeigerückt, aber man hat ihn nicht verstanden und das Reich der Priester errichtet, nicht des Gottes in uns." "Christus traktierte die Pharisäer als die größten Verbrecher" (Akad.-Ausg. XV, S. 608 f.).

Die letzte, nach Adickes aus der Mitte der 70er Jahre stammende, Stelle steht in sachlichem Zusammenhang mit einer längeren Ausführung, die ein so deutliches Bild von Kants Auffassung der Jesugestalt gibt, dass wir sie, zumal sie weiteren Kreisen nicht bekannt sein dürfte, in ihrer ganzen Ausdehnung hierher setzen möchten: "Es war einmal ein weiser Lehrer, der dieses Reich Gottes im Gegensatz des weltlichen ganz nahe herbeibrachte. Er stürzte die Schriftgelehrsamkeit, die nichts als Satzungen hervorbringt, welche nur die Menschen trennen, und errichtete den Tempel Gottes und den Thron der Tugend im Herzen. Er bediente sich zwar der Schriftgelehrsamkeit, aber nur, um die, worauf andere geschworen hatten, zunichte zu machen. Allein ein Mißverstand, der auf diesen zufälligen Gebrauch sich gründete, erhob eine neue, welche das Gute wiederum verhinderte, das er zur Absicht hatte. Obgleich die Schriftgelehrsamkeit sonst gut sein möchte, wenigstens gar nicht dem Wesentlichen nachteilig, so wirkte sie doch, was alle Schriftgelehrsamkeit in Sachen der Religion wirken muß: nämlich Satzungen und Observanzen als das Wesen, welche doch nur hilfeleistende Lehren sind, und der große Zweck ging verloren" (S. 609). Auf die Verderbnis der Jesureligion durch den Paulinismus geht ein nur wenig später entstandenes anderes Loses Blatt: "Wollte Gott, wir wären mit orientalischer Weisheit verschont geblieben ... Es war zwar einmal ein Weiser, welcher sich ganz von seiner Nation unterschied und gesunde praktische Religion lehrte, die er seinen Zeitläuften gemäß in das Kleid der Bilder, der alten Sagen einkleiden mußte; aber seine Lehren gerieten bald in Hände, welche den ganzen orientalischen Kram darüber verbreiteten und wiederum aller Vernunft ein Hindernis in den Weg legten" (a. a. O., S. 345).

Als eine Befreiung der ursprünglichen Jesureligion von solchem "orientalischen Kram" wird er es daher betrachtet haben, wenn er in der 'Religion innerhalb' eine, allerdings ganz unhistorische, moralisch-symbolische Umdeutung der Jesusgestalt unternahm. Der "Sohn Gottes" bedeutet ihm hier den "allein Gott wohlgefälligen Menschen", das "Urbild sittlicher Gesinnung", das "vom Himmel zu uns herabgekommen ist" und, um das Weltbeste zu befördern, alle Leiden auf sich nahm, ja einmal (Lose Blätter, S. 73) sogar nur den "durchs heilige moralische Gesetz erleuchteten gemeinen Mann". Ihm sollen wir in treuer Nachfolge ähnlich zu werden suchen. Die Erlösung kann für uns nie durch einen anderen, sondern nur durch den neuen Menschen in uns, der dem alten "abstirbt", stattfinden. Es ist verfehlt, mit Kuno Fischer Kants Religionslehre als "Erlösungs"-Theorie aufzufassen; will man es aber tun, dann ist der wahre "Erlöser" — das Wort findet sich bei Kant nur einmal (Religion, S. 83), und zwar gerade im folgenden Sinn — eben der "neue Mensch" in uns selber. In geradem Gegensatz zu Luthers bekanntem Katechismussatz lehrt unser Denker, dass der Mensch nur aus eigener Vernunft und Kraft dem Schlechten entgegenwirken und zum Guten gelangen kann, dass die "völlige Revolution der Denkungsart" durch ihn selbst erfolgen muß, und jene oben erwähnte "Ergänzung" als durch Gottes Gnade geschehend anzunehmen, selbst als bloße Idee "sehr gewagt und mit der menschlichen Vernunft schwerlich vereinbar ist" (ebd. 224). Sokrates gilt ihm als guter Christ der Idee nach, und ein tugendhafter Polytheismus erscheint ihm wertvoller als ein Monotheismus, der Glaubensbekenntnisse und Observanzen zur Hauptsache macht (Reicke, S. 37 f.)! Wahre Religion kennt keine Furcht oder Angst, keine Gunstbewerbung oder Einschmeichelung, keine falsche Demut, winselnde Reue und Selbstverachtung oder Selbstpeinigung, sondern rüstiges Vertrauen auf die eigene Kraft im Widerstand gegen das Böse.

 

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*) Die Losen Blätter (bei Reicke, D 13, S. 219) werfen sogar einmal die Frage auf, ob nicht sowohl aus theoretischen als aus praktischen Gründen ein radikales Böses müsse angenommen, nämlich "nur so müsse gehandelt werden, als ob ein solches da sei." Der "Als ob"-Gesichtspunkt spielt überhaupt bei Kant, namentlich in seiner Ideenlehre, eine bedeutende Rolle, vgl. darüber H. Vaihinger, Die Philosophie des Als ob. Berlin 1911, S. 613—733.

**) Vorsätzlich zum Opfer für die Sünden der Menschen sich hinzugeben, könne er gar nicht beabsichtigt haben, sonst müßte seine Lehre die Juden nur haben reizen wollen, sondern er habe es nur "drauf gewagt" (bei Reicke, G 23, am Schluß).


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