Viertes Kapitel
Kant als Politiker 1)

Früheste Zeugnisse und Freiheitssinn


Das politische Denken der Menschen des 18. Jahrhunderts darf man nicht nach unseren heutigen Begriffen beurteilen. Zumal die in der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts Geborenen erscheinen fast sämtlich ohne tieferes staatliches Interesse. Wodurch sollte es auch geweckt werden? Etwa durch das verrottete Heilige Römische Reich deutscher Nation? "Wie lang hälts noch zusammen ?" Und wo hätte einer der gebildeten Geister außerhalb des engen Kreises der Regierenden überhaupt die Möglichkeit politischen Wirkens gehabt? So hat denn einer der Besten und Deutschesten dieser Epoche, Gotthold Ephraim Lessing, bekanntlich den Patriotismus als eine "heroische Schwachheit" betrachtet. Und der junge Goethe war während des siebenjährigen Krieges nicht preußisch, sondern "Fritzisch" gesinnt; "denn was ging uns Preußen an?"

Ein Bewunderer Friedrichs ist übrigens auch Kant gewesen. Er widmet ihm zwei seiner Schriften: die Kosmogonie von 1755 und die Inaugural-Dissertation von 1770, wenn auch wohl mehr aus äußeren Gründen, und ohne dass der Wortlaut der Dedikation irgendwelche persönliche Note trüge. Er erwähnt ihn allein von den Fürsten seiner Zeit öfters in seinen Werken, lobt und übersetzt sogar in der Kritik der Urteilskraft eins seiner französischen Gedichte, begreift seinen Entschluß, des Vaterlandes Untergang nicht überleben zu wollen, und erzählte noch im Alter im Kreise seiner Tischgäste gern Anekdoten von ihm, "über dessen Geist er staunte" (Hasse). Was ihn am meisten anzog, war natürlich der vorurteilsfreie Geist Friedrichs II., dessen Vereinigung mit absolutistischer Regierungsweise ("Räsonniert, soviel Ihr wollt, aber gehorcht!") er wenigstens nicht ausdrücklich mißbilligte.

Dagegen geht aus keiner einzigen Stelle seiner vorkritischen Schriften oder Briefe eine tiefere Anteilnahme an den gleichzeitigen Weltereignissen, etwa des siebenjährigen Krieges, hervor. Trotzdem ist es keine Frage, dass ihn schon früh politische Theorien beschäftigt haben. So berichtet Schubert, freilich ohne bestimmte Belege beizubringen, Kant habe gleich in seinen ersten Vorlesungen das Studium des damals in Preußen nur sehr wenigen bekannten Montesquieu seinen Zuhörern "angelegentlichst" empfohlen und öfters Stellen aus dessen Werken erläutert.2) In der Tat wird der Verfasser des Esprit des lois in einem der frühesten, vielleicht schon 1759 oder 1760 beschriebenen, Losen Blatte mit hoher Achtung erwähnt, desgleichen wiederholt in dem Geographiekolleg (XV, 586). Von tieferem politischen Verständnis zeugt auch die Bemerkung in dem Vorlesungsprogramm von 1765/66, er werde den Zustand der Staaten und Völker nicht von zufälligen Ursachen wie "Regierungsfolge, Eroberungen, Staatsränken", sondern von demjenigen ableiten, "was beständiger ist und den entfernten Grund von jenem enthält, nämlich die Lage ihrer Länder, die Produkte, Sitten, Gewerbe, Handlung und Bevölkerung". Für selbstverständlich halten wir es ferner, dass Rousseaus Einfluß sich bei ihm auch auf das politische Gebiet erstreckt hat; wie früh und in welchem Maße, muß freilich bei dem Mangel genauerer Nachrichten dahingestellt bleiben; auffallend ist, dass Herders bekannte Schilderung der Kantvorlesungen von 1762/63 wohl den Emil und die Heloise, nicht aber den Contrat social erwähnt. Bestimmt nachweisbar ist Rousseaus politische Wirkung auf ihn erst zu Anfang der 80er Jahre.

Aber es kommt auch, zumal bei Kants starker Eigenart, weit weniger auf den Nachweis einzelner fremder Einflüsse, als auf den durchgehenden Grundzug seiner politischen Anschauungen an. Dieser ist aber ohne Frage ein lebhaftes Unabhängigkeits- und Freiheitsgefühl. Schon 1754 hatte er den "Enthusiasmus der Ehrbegierde ... und der Freiheitsliebe" der Alten der "kaltsinnigen Beschaffenheit unserer Zeiten" gegenübergestellt.3) Besonders lebendig kommt es dann weiter in den wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte der 60er Jahre stammenden Randbemerkungen seines Handexemplars der 'Beobachtungen' (1764) zum Ausdruck, in Sätzen wie den folgenden: "Es ist kein Unglück, das demjenigen, der der Freiheit gewohnt wäre, erschrecklicher sein könnte, als sich einem Geschöpfe von seiner Art überliefert zu sehen, das ihn zwingen könnte, sich seiner eigenen Willkür zu begeben und das zu tun, was jenes will." "Daher kann kein Abscheu natürlicher sein, als den ein Mensch gegen die Knechtschaft hat. Um desgleichen weint und erbittert sich ein Kind, wenn es das tun soll, was andere wollen, ohne dass man sich bemüht hat, es ihm beliebt zu machen." "Dass der Mensch aber gleichsam keiner Seele bedürfen und keinen eigenen Willen haben soll, und dass eine andere Seele meine Gliedmaßen beugen soll, das ist ungereimt und verkehrt. Auch in unserer Verfassung ist uns ein jeder Mensch verächtlich, der in einem großen Grade unterworfen ist." "Der Mensch, der abhängt, ist nicht mehr ein Mensch; er hat diesen Rang verloren, er ist nichts als ein Zubehör eines anderen Menschen."

Daher denn auch seine begeisterte Anteilnahme an dem Freiheitskampfe der Nordamerikaner gegen die englische Bedrückung (1776—83), die, auch wenn sie nicht durch die bekannte Erzählung von seinem Wortwechsel mit Green (Bd. I, S. 122) bezeugt wäre, aus einer Reflexion vom Ende der 70er Jahre hervorgehen würde. An sich mußte seiner freien politischen Auffassung gerade das englische Staatswesen sympathisch sein, wie er denn auch schreibt: "Wir haben nur seit 100 Jahren das System der bürgerlichen Verfassung eines großen Staates an England" (XV, Nr. 1453). Aber "in der Geschichte Englands jetziger Zeit bringt ihre Unterwerfung von Amerika das kosmopolitische Andenken derselben weit zurück. Sie wollen: jene sollen Untertanen von Untertanen werden und auf sich die Last der anderen abwälzen lassen" (1444).

Seiner, offenbar an Hume und Adam Smith genährten, individualistischen Staatsauffassung entspricht das in den Reflexionen der 70er Jahre erscheinende Staatsideal: "Das Wesen aller Regierung besteht darin, dass ein jeder seine Glückseligkeit selbst besorge und ein jeder die Freiheit habe, in dieser Absicht mit jedem anderen in Verkehr zu treten. Das Amt der Regierung ist ... nur, die Harmonie derselben zu bewirken, und zwar ohne Prädilektion, nach dem Gesetze der Gleichheit." Zwar ist um der "äußeren Erhaltung des Staates willen eine Person nötig, die das Ganze vorstellt"; aber diese "Häupter" müssen durch "die Glieder bestimmt werden, welche sie nachher regieren sollen" (1447). Despotismus ist es, "die Untertanen aller eigenen Wahl und Urteils zu überheben" (1449). Darum ist auch "alle bürgerliche Verfassung eigentlich Demokratie" (1446). So stammen denn schon aus dieser Periode recht scharfe Urteile gegen die Fürsten, die "keinen Begriff von Rechten haben, die ihnen im Wege stehen,' sondern höchstens von Gütigkeit reden". "Man glaubt, der selbst Gesetze gibt, sei an kein Gesetz gebunden" (1400). Cäsar sogar wird ein "schlecht denkender" Fürst genannt, weil er die Macht, die er sich erworben, "nicht selbst in die Hände eines vernünftig eingerichteten gemeinen Wesens gab" (1436).

Dieser liberal-demokratischen Staatsansicht entsprang denn "auch die Lieblingsidee des Herrn Professor Kant", die wir in den geschichtsphilosophischen Aufsätzen um die Mitte der 80er Jahre zum Ausdruck kommen sahen. Freilich auch sein Pessimismus gegenüber der Wirklichkeit ist womöglich noch gestiegen und offenbart sich am deutlichsten in den zu seiner Selbstverständigung niedergeschriebenen Reflexionen. "Die Welt ist noch zu unreif zu großen Verbesserungen ... Freiheit in Religion und bürgerlichen [d. h. wohl wirtschaftlichen K. V.] Verhältnissen sind noch das einzige, was interessiert; denn sonst tut kein Staat etwas vor das Weltbeste, sondern bloß vor sich selbst" (1465).

"Wir sind", was die Menschheit auch heute noch beschämt eingestehen muß — "in Ansehung des Völkerrechts noch Barbaren. Wir haben noch kein System der Vereinigung der Religionen, Vornehmlich noch kein Erziehungssystem" (1453). Wie ähnlich schon ein früheres Loses Blatt (1416) sagt: "Es ist noch immer etwas Barbarisches an den Staaten, dass sie sich in Ansehung ihrer Nachbarn keinem Zwange eines Gesetzes unterwerfen wollen ... Die Erziehungskunst, Begriffe der Sitten und Religion liegen noch in ihrer Kindheit. Man hat keinen Monarchen, der etwas zum Besten des menschlichen Geschlechts tun will, auch nicht einmal zum Besten des Volks, sondern nur vor das Ansehen des Staats, also auch nur vor das äußere." Von der Philosophie allein, wie einst Plato, erhofft er die Rettung: "Die Weisheit muß den Höfen aus den Studierzimmern kommen" (1436). "Erleuchtetere Begriffe, wozu Philosophen und Geistliche beitragen müssen, können dieses allein bewirken" (1416).

 

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1) Gerade mit dieser Seite Kants habe ich mich aus eigener Vorliebe öfters beschäftigt. Da ich im Text nur das Wichtigste hervorheben kann, seien interessierte Leser auf meine folgenden Arbeiten hingewiesen: 1. Kant und Marx. Tübingen 1911, bes. Kap. I, Abschn. 2: Kants politisch-soziale Ansichten. — 2. Kants Stellung zur französischen Revolution in: Philos. Abhandlungen (zu H. Cohens 70. Geburtstag). Berlin 1912, S. 247—269. — 3. Kants kleinere Schriften zur Geschichtsphilosophie, Ethik und Politik (Bd. 47 I der Philos. Bibl.). Leipzig 1913, bes. Einleitung (S. VII—LVII) und Sachregister. — 4. J. Kant, 'Zum ewigen Frieden'. Mit Ergänzungen aus Kants übrigen Schriften und ausführlicher Einleitung (S. VII—LVI). 2. Aufl. 1922. — 5. Kant und der Gedanke des Völkerbunds. Mit Anhang: Kant und Wilson. Lpz. 1919. — 6. Kant, Fichte, Hegel und der Sozialismus. Berlin 1920.

Von kleineren Aufsätzen: 'Kant als Politiker' ('März', 17. Mai 1913). 'Kantische Randglossen zur Gegenwartspolitik' (ebd. 28. Juni 1913). — 'Kant und der Krieg' (Forum, Dezember 1914). — 'Kant über England' (Hilfe, 11. Februar 1915).

2) W. Schubert, J. Kant und seine Stellung zur Politik. (Raumers Historisches Taschenbuch 1838), S. 582 ff. Der Aufsatz, der sich krampfhaft bemüht, Kant gegen den Vorwurf der Revolutionsfreundlichkeit in Schutz zu nehmen, ist im ganzen ziemlich wertlos.

3) 'Ob die Erde veralte?' Philos. Bibl. 49, S. 249.


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