Medizinische Ansichten


Von Arzneien hielt er im ganzen wenig. Sein Grundsatz war, in erster Linie der Natur zu vertrauen "und nur, wenn sie ihren Beistand versagt, zu Mitteln der Kunst Zuflucht zu nehmen" (an Herz, April 78). Ja, er erklärt gelegentlich "Medizin ohne Unterschied" wegen seiner empfindlichen Nerven als "ein Gift vor mich". Dass das jedoch cum grano salis zu nehmen ist, beweist die unmittelbare Fortsetzung der letzten Stelle, worin er dem medizinischen Freunde gegen Ende 1773 mitteilt: er nehme zuweilen, wenn ihn vormittags die Magensäure plage, einen halben Teelöffel Fieberrinde mit Wasser. Den täglichen Gebrauch des Chinins dagegen, den er sich — Rink zufolge auf Anraten seines Freundes Green — einige Jahre zuvor eine Zeitlang angewöhnt, hatte er wieder aufgegeben, nachdem er ein zeitweises Aussetzen des Pulses als Folge desselben verspürt hatte. Im. Sommer 1777 und auch noch einmal in seinem Greisenalter ließ er sich ferner von seinem alten Schulfreunde Dr. Trummer in Königsberg Abführpillen verschreiben, deren Rezept Rink noch unter seinen Papieren vorfand, und die er noch in seinem 78. Lebensjahre nahm, obwohl er früher (an Herz, April 1778) "Laxative" als "meine Konstitution sehr angreifend" bezeichnet hatte. Nach Jachmann brauchte er sie gegen jene "Blähungen im Magenmund" seit vielen Jahren "dann und wann", zuletzt täglich eine bis zwei. Dass er in diesen Kleinigkeiten des Lebens sich auch einmal selbst zu widersprechen den Mut hatte, dass er "alles, was in der Apotheke verkauft, gekauft und gegeben wird", für "Gift" erklärte und dabei doch seine Tischfreunde "mit ängstlicher Sorgfalt" bat, ihn an das Einnehmen der Trummerschen Pillen nach genossener Mahlzeit ja zu erinnern, zeigt eben, dass er nicht der ausgeklügelte Pedant war, als den manche ihn zu betrachten pflegen.

Mit Ausnahme von Herz und Trummer, bei denen die Gelegenheit es gab, hat er wohl nur selten Ärzte konsultiert. Einmal fragt er Herz über ein Flechtenleiden seines Jugendfreundes Heilsberg, das er übrigens nach dem Urteil eines anderen Fachmanns "meisterhaft" beschreibt, um Rat. Noch weniger hat er berühmte auswärtige Größen, wie Herz ihm einmal riet, befragt, oder gar, wie Goethe und selbst Schiller, mehr oder minder kostspielige Badereisen gemacht. Wenn er mit bekannten medizinischen Gelehrten wie Hufeland in Weimar oder Sömmerring in Frankfurt in Briefwechsel stand, so handelte es sich um allgemeine Interessen oder wissenschaftliche Probleme. Mit Ärzten verkehrte er allerdings im allgemeinen lieber als mit seinen Kollegen von der theologischen und juristischen Fakultät, zumal wenn sie sich in der Welt umgesehen, mannigfache Kenntnisse mitgebracht und als jüngere Leute einen freieren Blick und Empfänglichkeit für neue Ideen bewahrt hatten: so mit Dr. William Motherby, J. B. Jachmann, Laubmeyer, Reusch jr., Elsner u. a. Mit verschiedenen Gelehrten korrespondierte er 1782 über den Entstehungsort der "Influenza-Epidemie". Neue Methoden, wie die Brownsche, verfolgte er noch in seinem Alter mit regster Teilnahme und erhoffte von den ungeahnten Fortschritten der Chemie zu dieser Zeit (vgl. Buch III, Kap. 4) auch für die Arzneikunde großen Nutzen. Noch im Jahre 1800 hat sich der 76 jährige Auszüge aus einer Schrift Reichs über das Fieber gemacht (Ak.-Ausg. XV, 917), wie schon früher aus Hufelands Makrobiotik für seine Schrift 'Von der Macht des Gemüts' oder aus Gaubius 'De regimine mentis, quod medicorum est' für seine Rektoratsrede von 1786 bzw. 1788.

Mit einzelnen Neuerungen freilich, wie der Kuhpockenimpfung, vermochte er sich nicht zu befreunden. Er fürchtete von ihr nicht bloß, wie ja heute noch manche ihrer Gegner, Ansteckung mit tierischem Miasma, sondern meinte sogar, dass die Menschheit durch sie "sich zu sehr mit der Tierheit familiarisiere und der ersteren eine Art von Brutalität im physischen Sinne eingeimpft werden könne" (Wasianski, S. 43, vgl. auch Tugendlehre, § 6). Einige merkwürdige Idiosynkrasien seiner Altersjahre werden gelegentlich noch zu erwähnen sein.


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