Zille, ›Bilder vom alten und neuen Berlin‹


Der Leib ruht in pariser Kissen; die Großhirnrinde turnt um den Potsdamer Platz, mit einem Gefühl, jenem nicht unähnlich, das man bei prasselndem Kaminfeuer verspürt, wenn draußen ein solider Landregen rauscht. Schön ist Berlin von weitem –

Valleicht nicht? wo wir Zillen haben, unsern Zille? Vater Zille, der du vom spitznäsigen Willi eines Abends mit vielen, vielen Grogs im Leibe nach Hause gegangen bist, es war Glatteis, und du hattest in beiden Manteltaschen Sand, und streutest vor dich her, eine nicht immer grade Spur hinter dir lassend ... sei gegrüßt, Vater Zille, sei gegrüßt –!

Obenauf, auf dem Nachttisch, liegt dein neues Buch, ›Bilder vom alten und neuen Berlin‹ heißt es und ist bei Carl Reißner in Dresden erschienen. Da geht mir das Herz auf. Frau Olga Ritz, Hebamme in Berlin NO: »Ob ich mir nu auch noch nen Bubikopf schneiden lasse –? Ach nee, nee – dann denken die Jeburten, da lauert een Mann und trauen sich nicht raus!« Man schmecke das Wort ›Jeburten‹ nach und bleibe ernst, wenn man kann. Da lachen ja die Wanzen hinter der Tapete. Und zeichnen kann der Mann –! So eine Schanksohnette (aus dem Jahre 1905), gesehen bei Mutter Haberlandt, in der Münzstraße, eine, die grade singt: »Der kommt mir nicht in mein Medalljong hinein!« und damit deutet sie auf den geschnürten Bullerbusen, damit es keinen Irrtum gibt –: wie jeder Strich sitzt, wie das hingehauen ist, aber eben von einem Beobachter, der lange stille gesessen hat, um so etwas machen zu können. Und: »Mutta«, fragt der kleine Junge, »wo ham wir uns eijentlich so kenn jelernt ... ?« Ja, wo -- Das zeichnet er auch, wo. In den Kabuffs, die Vater Haberlands Politik und der deutsche Reichswehretat für die minderbemittelte Schützengrabenbevölkerung übrig gelassen haben. Und manchmal wirds schwer metaphysisch. Paul: »De olle Schulzen sagt, mit ner Zuckerschnur uffhängn wär een süßer Tod!« Sonja: »Wenn ooch – aber de Seele muß hinten raus!« Dieser Lehrsatz verdient längeres Nachdenken ... Und nur, wenn Meister Zille feine Leute zeichnet, dann gehts etwas bänglich und merkwürdig zu. Die sehen alle so aus wie aufgebügelte Proletarier aus dem Jahre 1905. Aber sonst – aber sonst ist das Buch so wie der fröhliche Kindervers am Schluß:

Kaisers Kinder habens fein

Eia – weia – kackestein!

 





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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