Eine Yvette Guilbert gilt nichts im eigenen Lande


Die Yvette Guilbert, die Berlin bejubelt, gibt es in Paris nicht. Paris ist nicht undankbar – es hält, wie Wien, selbst sehr alten Schauspielern, die kaum noch sprechen können, die Treue –, von Frauen nicht zu reden, die hier vom dreißigsten Jahre ab erst das werden können, was sie noch im fünfzigsten sind. Es muß da also mit der Frau Guilbert etwas anderes im Spiele sein ... wir werden gleich sehen.

Gestern ist ihre Premiere im »Eldorado« gewesen, einem achtrangigen Theater; das Stück heißt »Das Gasthaus zur Tugend«, es ist eine Operette.

Der Operettenstumpfsinn scheint international zu sein: es ist, wenn man so recht bedenkt, unvorstellbar, dass sich erwachsene Menschen dergleichen bieten lassen, aber vielleicht sind erwachsene Menschen gar nicht so erwachsen ... Die Leute saßen so weich wie auf einem Eierkuchen, es muß wohl gefallen haben. Die blechernen Frauenstimmen eines im tiefsten unmusikalischen Volkes umsangen uns – Kulissen, Chormädchen und Regie waren aus Haukwitz an der Plauße –, und in diesem Stück trat Frau Yvette Guilbert auf.

Ja ... sie tritt auf, und man fühlt sofort: gutes, altes Handwerk. Sie kann sprechen, noch das Piano der Rede trägt bis in die letzten Reihen. Was sie da zu singen hat, ist dummes Zeug – sie gleicht einem Rennfahrer, der einen Kinderwagen schiebt, doch plötzlich beginnt der Kinderwagen zu schunkeln, zu laufen, die Räder drehen sich, und nun ist es kein Kinderwagen mehr, sondern ein 80 PS – sie singt ihr eigenes, altes Repertoire.

Da steht – fast gespenstisch – die alte Yvette, mit den langen, schwarzen Handschuhen, dem grünen Kleid mit der roten Blume – und macht den schlimmsten Fehler, den einer überhaupt machen kann: sie singt gegen die Zeit. »Ja, damals ... « singt sie: »Au temps d'Yvette –«, ja, damals ... Und wenn ihre Zeit, die von 1890, auf dem Gebiet des Cabarets auch tausendmal besser gewesen ist als die unsere –: man soll nicht gegen die Epoche eifern, weil es immer wirkt, wie wenn jemand von einem Wagen heruntergepurzelt ist und den Fahrenden nun nachschimpft. Sie gibt in ihren kleinen Vortragsnachmittagen, die sie ab und zu noch veranstaltet, offen zu, dass sie 1928 nicht versteht, die kurzen Röcke, die schnelle Liebe, die rauchenden Frauen – man kann eine Epoche aber immer nur mit deren eigenen Mitteln bekämpfen, niemals mit der Vergangenheit. Das sind aufgewärmte Bouletten, und wir wollen frische.

Man spürt noch die alte große Yvette: das ungeheure Können, die Sicherheit, mit der das alles gebracht wird, wie das »sitzt« – aber gerade die leichten Lieder müssen sich hüten, wenn sie ihre Zeit verlassen, sie sind wie die Mode der Frauen: eine aus den vergangenen Jahrhunderten kann auf einem Kostümfest reizvoll sein, die von gestern aber ist leise lächerlich. Enttäuschend die Lieder von Xanrot, der viel bessere Texte gemacht hat als jene, die die Guilbert singt, und seine besten hat sie, wie aus ihren Memoiren ersichtlich, nie gesungen, weil sie, wie wiederum ihre Beurteilung Toulouse-Lautrecs zeigt, eine Spur von Dümmlichkeit aufweist und kleinbürgerlicher Beschränktheit. Als sie Bruant sang, »A Ménilmontant«, strahlte der Saal – das kannten sie noch, die Älteren hatten Bruant noch gehört.

Wenn Frau Guilbert auf Reisen geht, so liegen ihr ganze Länder zu Füßen: insbesondere Deutschland, wo ihr manchmal die Tränen in die Augen gekommen sind, sieht in ihr mit Recht ein Stück des allerbesten Frankreich und fragt den Teufel danach, ob das 1895 oder 1928 ist. Trotzdem mir ihre Marienlieder mitunter als die Gesänge einer braven Schullehrerin erscheinen, ist der große Erfolg verständlich –: da steht jemand oben, da ist Atmosphäre, künstlerische Gestaltungskraft, alles, was wir wollen. Und gegen eben diese Ausländer ist die Guilbert ungerecht. Es kommt in ihrem Erinnerungsliede eine Stelle gegen die Fremden in Paris vor, die nicht sehr heiter ist. Es sind immerhin jene, die ihr die Treue gewahrt haben, und nicht die Pariser – sie hat einmal zu den Leuten in Oslo gesagt: »Sie sind pariserischer als meine Landsleute.« Paris aber fühlt: sie ist nicht mehr von heute, und ihr Repertoire ist es auch nicht.

Und dann trat sie unter rauschendem Beifall ab, und die Operette nahm ihren Fortgang, eine Operette, vor der man nur bedauern konnte, dass der selige Direktor des alten Metropoltheaters Sulz sie nicht inszeniert gesehen hat. Er wäre aufgesprungen und hätte gerufen: »Da links müssen noch 'n paar Menscher hin –!« Und hätte das alles viel besser, viel bunter und viel lustiger gemacht als seine pariser Kollegen, die sich um etwas Unmögliches bemüht haben: eine alte Zeit wiederaufstehen zu lassen.

 

 

Peter Panter

Tempo, 12.11.1928.





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