Preußische Studenten


Wir haben in Deutschland keine Revolution gehabt – aber wir haben eine Gegenrevolution.

Die Technische Hochschule in Charlottenburg stellte sich auch ihrerseits auf den Boden der neuen Regierung, und es bildete sich im November 1918 ein Studenten-Rat, bestehend aus sieben Mann, der sich hauptsächlich um wirtschaftliche Fragen zu kümmern hatte; er vermittelte Wohnungen und trieb ähnlichen fanatischen Umsturz. Im Februar 1919 wurde auf Grund eines komplizierten Wahlrechts eine Studenten-Vertretung gewählt, bestehend aus fünfzehn Mann.

Diese Studenten-Vertretung tat nichts und tut nichts. Denn das ist das Wesen jeder Organisationstätigkeit gebildeter Menschen in Deutschland: sie bleiben alle im Apparat stecken. Die Kommissionen sind ihnen wichtiger als die Sache, die Maschinerie näher als der Zweck ihrer Arbeit. Jeder einigermaßen gewerkschaftlich geschulte Leiter könnte den Herren zeigen, wie man etwas erreicht. Sie aber arbeiten Verfassungsentwürfe aus und Vorschläge und Wahlordnungen und Geschäftsordnungen, und jede Gruppe und jedes Grüppchen arbeitet streng getrennt und gesondert von den andern, und alle zusammen erreichen gar nichts.

Nun sitzt in der Technischen Hochschule ein Verbindungsoffizier der Freikorps. Die Hochschule war früher ein wissenschaftliches Institut: sie scheint heute so eine Art Soldatenmarkt zu sein, denn der Verbindungsoffizier, der inzwischen in die Studentenvertretung hineingewählt worden ist, wirbt und agitiert für den Eintritt in die Freikorps.

Offenbar doch nicht mit großem Erfolg. Am zwölften April berief der Rektor der Hochschule eine Studentenversammlung ein. In dieser Versammlung berichtete ein jenaer Student, wie er mit einer kleinen Delegation in Kolberg gewesen sei und dort mit Hindenburg und Groener gesprochen habe. Hindenburg habe sich zurückhaltend und sachlich wie immer benommen – Groener habe die Formationen an der Ostgrenze zwar als genügend stark für den Grenzschutz bezeichnet, benötigte aber für den Fall innerer Unruhen Offiziere und Studenten als Stützen, als ›Korsettstangen‹ für die Freikorps. Man solle unter den Hochschülern werben: für die nächsten drei oder vier Monate würden Zeitfreiwillige gebraucht.

Nun war die Frage: unterstützten die Hochschulen diese Werbungsaktion, so waren die im Nachteil, die dem Ruf zu den Waffen folgten; es mußten also die Drückeberger angetrieben werden. Aber wie? Nun, durch Schließung.

Eine frühere Versammlung im Kaiserhof war für die Schließung gewesen: die Hochschüler von Hannover liegen in Bereitschaft, Erlangen und Leipzig haben geschlossen, Darmstadt hat keine Bedenken, und Berlin will die Studentenschaft befragen. Noske, von der Kaiserhof-Versammlung antelegrafiert, antwortet: er sehe nach dem Vortrag der militärischen Dienststellen nun auch ein, dass die Beteiligung der Studenten am Grenzschutz nötig sei; auf die Frage der Schließung ging er nicht ein. Mit dieser Versammlung hatte es übrigens eine eigne Bewandtnis: sie war zwar von Universitätsbehörden einberufen worden, aber auf den Wunsch des Herrn Lüttwitz von der Knüppel-Garde-Schützen-Kavallerie-Division. Der Soldat winkte, und es erschienen: die Rektoren (oder deren Vertreter) aller Hochschulen sowie Vertreter der Studentenschaft, aber Vertreter, von denen die Studentenschaft nichts wußte.

In der Versammlung der Technischen Hochschule am zwölften April befürwortete ein Sprecher der Korporierten die Schließung nicht.

Dagegen haben die wichtigsten und größten Studenten-Verbände ein Flugblatt herausgegeben, das zum Eintritt in die Korps auffordert; den Freiwilligen werden darin die größten Versprechungen gemacht. »Das Opfer der Studentenschaft muß herrlichen Lohn finden. Wenn sie das feldgraue Kleid wieder anlegt, dann folgen auch andre Stände, die bisher sich zurückgehalten haben, dann haben wir das Heer, nach dem wir rufen.« Es wird gedroht: »Dafür, dass diejenigen Studierenden, welche dem Ruf zu den Freiwilligen-Regimentern nicht folgen oder nicht folgen können, doch in dieser Zeit zum ›Hilfsdienst‹ jeder Art sich stellen, werden wir ... sorgen.« Das heißt: wer nicht Soldat wird, soll durch neue Maßnahmen in seinem Studium geschädigt werden.

Dieses der Tatbestand.

Wir resümieren: Die deutschen Hochschulen stellen sich in ihrer Gesamtheit den Freiwilligen-Formationen zur Verfügung. Die Minderheit, die sich dieser Bewegung nicht anschließt, soll durch Einführung einer neuen, den Reichsgesetzen widersprechenden Dienstpflicht geknebelt werden. Über den Wert der Freiwilligen-Formationen gehen die Ansichten auseinander; wir vertreten hier die Meinung, dass sie nicht nur Unrecht bekämpfen, sondern auch Unrecht verteidigen, und dass man gut täte, sie je eher desto besser aufzulösen. Es zeugt gegen Noske, wer alles ihn lobt. Aber die Studenten?

O alte Burschenherrlichkeit! Der Student von heute ist ein geistiger Kommis, der nicht studiert, sondern zum Examen paukt. Ein paar Idealisten sind darunter, die an der Universität denken lernen wollen, die sich voll Freude mit abstrakten Dingen beschäftigen – der größte Teil schiebt sich gelangweilt und langweilig durch die Semester, paukt und bezahlt seine vorgeschriebenen Kollegs und macht dann das Examen, das die Tür zum Brotstudium öffnet. Stellenanwärter.

Die Politik ist ihnen Hekuba. Das heißt: so ganz doch nicht. Das Wort Sozialismus schreckt auch die Mutigsten, die Vorstellung, die Sitzbank mit einem begabten Volksschüler teilen zu müssen, füllt die Hosen. Sie stehen fest wie ein Mann zum alten System, das ihnen zwar nichts zu essen, aber die Ehre gab, jene Ehre, die uns in der ganzen Welt lächerlich und verhaßt gemacht hat. Dazu kommt der Typ des zurückgekehrten und im Kriege beförderten Reserve-Offiziers: die jungen Herren können sich schwer in das Zivilleben hineinfinden – hier wird nicht gebrüllt, und hier wird nicht mit den ›Kerls‹ herumkommandiert; hier werden nicht unkontrolliert Lebensmittel unterschlagen, und hier wird bezahlt, was man braucht. Und ob die Bedienung so ausgezeichnet ist wie damals im Felde, als noch wehrlose Menschen anschwirrten, wenn man pfiff ... o alte Burschenherrlichkeit!

Wer ist schuld an dieser neuen Militarisierung? Niemand weiß es. Einer verkriecht sich hinter den andern.

Wir haben aber dieses alberne Spiel mit der Kompetenz satt.

Wir verlangen von der Regierung: sie möge sich klar entscheiden, ob sie den Bestrebungen betriebsamer Militärs länger ruhig zusehen will, oder ob sie sie gradezu billigt. Wir wollen wissen, woran wir sind. Haben wir eine Dienstpflicht, oder haben wir keine? Soll diese aufwachsende Generation wissenschaftlich noch weiter verludern, oder soll sie arbeiten, was doch den Handarbeitern immerzu vorgepredigt wird? Leben wir in einer Republik oder in einem Kasernenhof?

Und was die Notwendigkeit dieser militärischen Maßnahmen angeht, so liest mans heute so und morgen anders: Noske selbst ist unsicher, schwankt und erklärt bald den Eintritt der Studenten für dringend erforderlich und bald für nur wünschenswert.

Am neunundzwanzigsten April tagte ein zweiter Kongreß der Vertreter der Senate und Studentenschaften von siebenunddreißig Hochschulen und bittet Noske, die politischen Verhältnisse darzulegen. Noske: der Ernst der Stunde mache es zur Pflicht, die Studentenschaft unverzüglich zum Anschluß an die Reichswehrverbände aufzufordern. Die Versammlung befürwortet nun allerdings die Schließung der Hochschulen nicht, will aber im Herbst ein Zwischensemester für das ausgefallene Sommersemester der Freiwilligen einlegen. Wichtig ist ferner, dass »alle Prüfungserleichterungen und Vergünstigungen über (?) Anrechnung des Kriegsdienstes, die bis zur Beendigung des Kriegszustandes in Geltung waren, auch auf die Freiwilligen ausgedehnt werden sollen«. Die Folge? Die aufwachsende Generation verludert wissenschaftlich immer weiter.

Noske spricht vom Ernst der Stunde. Wir andern werden alle das Gefühl nicht los, dass die mühsam konstruierten Gründe für diese Aktionen Vorwände sind. Der Kern liegt tiefer.

Traurig genug, dass dieses Volk seinen gottverfluchten Militarismus erst los werden wird, wenn ihm die Sieger das Waffentragen verbieten. Die wollen für sich, und sie wirken für uns. Die Deutschen kommen schon ›in der Welt voran‹; aber sie brauchen immer einen fremden Napoleon.

Wir leben in keiner Republik. Wir leben in einem verhinderten Kaiserreich, in einem Kaisertum, dessen Oberhaupt grade einmal hinausgegangen ist. Die volle Sympathie der sogenannten gebildeten Stände ist auf der Seite des verjagten und geflohenen Monarchen: käme er heute wieder, sie steckten all ihre Flaggen zum Fenster hinaus! Was sind das für Köpfe: sie pappen Bolschewistenplakate an die Mauern, aber als unsre Väter, Brüder und Söhne in den Gräben verdreckten und verlausten, als sie zu Tausenden verreckten – da warben sie für die Kriegsanleihen, und kaum eine Hand rührte sich für die unschuldigen Opfer einer verbrecherischen Politik.

Vom Geiste spürest du keinen Hauch. Das jagt und wimmelt umher – immer auf der Suche nach einer Brotstelle, ohne alle Ideale, ohne den leisesten Schwung einer Idee, die über die Karriere hinausgeht. Und es ist ja nicht bedeutungslos, wie dieser wissenschaftliche Nachwuchs ausfällt: denn das sind unsre künftigen Verwaltungsbeamten und Staatsanwälte und unsre technischen Beiräte und Regierungsbaumeister und Oberlehrer und Theologen.

Diese Kaste ist rettungslos monarchistisch verseucht. Vielleicht kommt eines Tages eine andre Schicht an ihre Stelle, eine andre Jugend, wirklich junge Menschen mit bebendem Pulsschlag, mit heißen Köpfen – anstatt dieser traurigen, ledernen Gesellen, denen Repräsentation über alles geht, und die heute noch nicht eingesehen haben, dass wir einen großen Krieg heraufbeschworen, verschuldet und durch eigne Schuld verloren haben. Sie halten sich noch für das auserwählte Volk Europas, der Welt – und der Entente werden sies besorgen. Haben wir nicht den Bolschewismus?

Was uns fehlt, ist eine Revolution. Die Gegenrevolution haben wir. Wird unser Volk so viel Kraft haben, diese träge, an ihren alten Vorteilen und Vorurteilen klebende Minderheit wegzufegen und die stickige Atmosphäre wahrhaft zu reinigen?

Das ists, worauf alles ankommt.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 08.05.1919, Nr. 20, S. 532.





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