J. Dorfmann, ›Im Lande der Rekordzahlen‹


Dann haben wir da, immer mal wieder, ein Buch über Amerika bekommen: J. Dorfmann, ›Im Lande der Rekordzahlen‹ (erschienen im Verlag für Literatur und Politik, Wien, Berlin). Das Buch hat einen russischen Ingenieur zum Verfasser; es ist sehr anspruchslos geschrieben, offenbar sind die Aufsätze gesammelte Briefauszüge. Der Mann ist mäßig gebildet, was bei der Betrachtung eines so komplizierten Landes heftig stört – solche Beschreibungen spiegeln ja immer den Beschreibenden. Aber man lernt allerhand, vielleicht grade, weil der Mann nur das ganz Einfache gesehen hat: dass zum Beispiel die Kraftstation am Niagara einen miserabeln Lichtstrom herstellt, so dass alle Lichtbirnen ununterbrochen flimmern – das geschieht aus Ersparnisgründen, und nun müssen sich zwei Millionen Menschen in 142 Städten, Dörfern und Flecken die Augen verderben. Auch geht aus dem Buch mit erfreulicher Deutlichkeit hervor, wie richtig die Sinclairschen Schilderungen in ›Petroleum‹ (Malik-Verlag, Berlin) sind. Die tobsüchtig gewordene amerikanische Bolschewistenhetze hat ihre Früchte getragen: häufig wird dem russischen Besucher als erste Frage von den Amerikanern diese da vorgelegt: »Und, sagen Sie, wie ist das mit der Nationalisierung der Frau?« Da gruselts den Spießern; von der Politik geht hier eine legitim aufregende Wirkung aus, und alle sinds zufrieden. Daß es nicht stimmt, schadet fast gar nichts, und so gemein und dumm wie die Berichte, die die französische Presse grade vor den Wahlen über Rußland brachte, sind die Amerikaner noch lange. John Heartfield hat wieder eines seiner meisterhaften Vorsatzpapiere geliefert.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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