Militaria



›Unser Militär‹



Das rekelt sich und gähnt und sauft und hurt

und tut (versteht sich) Dienst voll Zucht und Strenge.

Ein Lustspiel von der Menge für die Menge.

So sieht Welt aus vor der Person Geburt.

Christian Morgenstern

 

Die Offiziere tragen immer Handschuhe, wenn sie auch schmutzig sind.

Regiebemerkung zu einem Theaterstück


Wir haben in den vorigen Heften der ›Weltbühne‹ betrachtet, wie es in der deutschen Armee zugegangen ist: ein trüber Haufe voller Qual und Greuel, Weltenklüfte zwischen Offizier und Mann, Unterschlagung und Diebstähle von Lebensmitteln zugunsten der höhern Ränge, Requisitionen ohne Ziel und Maß, falsche Schwäche und falsche Härte den fremden Landeseinwohnern gegenüber, Vaterländischer Unterricht, Mantel der Lüge über all den Jammer und alle Verbrechen: ›Unser Militär‹. Aber unbeirrbar steht der deutsche Spießer, nein, der deutsche Bürger da, der Patriot quand-même er wirft sich in die Brust, Abner der Deutsche, der nichts gesehen hat, und als seien Krieg und Zusammenbruch nicht gewesen, ruft er stolz tönend in die Lüfte: »Unser Militär!«

Wie ist das zu erklären? Wie kann ein Volk gedeutet werden, das nach allem, was geschehen ist, nach allem, was es erfahren und gelitten hat, den verlorenen Krieg als einen kleinen Betriebsunfall ansieht – »Reden wir nicht weiter darüber!« –, und das heute, heute am liebsten das alte böse Spiel von damals wieder aufnehmen möchte: die Unterdrückung durch aufgeblasene Vorgesetzte, ein Deutscher tritt den andern und ist stolz, ihn zu treten, die schimmernden vergötterten Abzeichen, der Götze Leutnant – »unser Militär!« Wie ist das zu erklären?

Die militaristische Schande Deutschlands ist nur möglich gewesen, weil sie die tiefsten und schlechtesten Instinkte des Volkes befriedigt hat.

Der Deutsche läßt sich für jede Arbeit, die er gewissenhaft und gut verrichten soll, mit Respekt überzahlen. Er arbeitet, aber er will dafür ästimiert werden. Ich sage absichtlich nicht ›geachtet‹ – daran liegt ihm gar nichts. Er will ästimiert werden; das Schartekenwort besagt: man soll den Hut vor ihm ziehen und das Maul ehrfurchtsvoll aufsperren. Er tritt dann aus seinem kleinen Bürgerdasein heraus, wie Heinrich Mann das in der Bibel des Wilhelminischen Zeitalters, im ›Untertan‹, formuliert hat: »Er genoß einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst und im Geiste eines Höheren handelte.«

Der Soldat hat dafür das Wort: »Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps« erfunden – aber es war doch Schnapsdienst, der da herauskam.

Der Wurm, der an aller Herzen fraß, war eine ungeheure, lächerliche Selbstüberschätzung in der Arbeit. Ob Architekt oder Bürovorsteher, Eisenbahnassistent oder Apotheker, Oberlehrer oder Prinzipal – sie alle waren beseligt, einmal, ach, nur ein einziges Mal, auf einen andern heruntersehen zu können, und wär es auch nur ein Laufbursche gewesen.

Dieser unselige Drang feierte Orgien im deutschen Heer. Da wurde einem kein neues Amt übertragen – da wurde einer ›befördert‹: Gottlieb Schulze wachte eines Tages auf und war Oberschulze und Herr und Gebieter über die Seelen seiner Mitschulzen. Da blühten die giftigsten Früchte. Da konnte der Vizefeldwebel dem Unteroffizier, der Major dem Haupt-mann eins auswischen, ohne dass der Gescholtene muckste: der Dienst! der Dienst! Rangerhöhung färbte noch auf die Familie ab; welcher Stolz, wenn ein Medizinmann der Gattin zeigte: »Der Mann da drüben ist mein Unterarzt!« Seiner ... Und diese Wallenstein-Pose behielten alle bei, davon lebten sie; sie taten, als hätten sie ›ihre Leute‹ angeworben, als folgten die freiwillig dem erkorenen Führer. Und hinter den alten Ritterkulissen schacherten und betrogen wildgewordene Kaufleute und Beamte.

Muß das sein? Werden wir ewig Vaterlandsliebe mit Patriotismus, Ordnung mit Kadavergehorsam, Pünktlichkeit mit Sklaverei, jedes Ding mit seiner Karikatur überzahlen müssen? Gibt es zwischen Schludrigkeit und dem berüchtigten preußischen Unteroffizier kein Mittelding?

Es gibt eines, und in ihm liegt das Heil der Welt und die Genesung dieses unglücklichen, verblendeten Landes. Und es heißt: Sachlichkeit.

Der Sturm ist vorübergebraust – der deutsche Spitzweg-Bürger steckt die Nase zum Fenster heraus, dann den ganzen Kopf und spricht frohbewegt: »Aber es regnet ja gar nicht mehr!« Und nimmt den alten Stock und den alten Hut ...

Schlagt sie ihm herunter! Laßt nie, nie wieder diese Burschen aufkommen, die euch gemartert haben und gequält und gedemütigt und kujoniert!

Sie zittern und gieren auf den Augenblick, da eine neue Kompromißregierung das neue Volksheer errichtet – ›natürlich nur ein geordnetes Heerwesen mit festen Befehlsverhältnissen‹. Selbstverständlich. Sie pfeifen auf alle Prinzipien. Sie stehen auf dem Boden des neuen Staates. Und der Unteroffizier wird wieder den Rekruten ins Kreuz treten – natürlich auf demokratischer Grundlage. Aber diesmal treten wir wieder.

Wir erwarten gar nicht, dass eine Generation, die nur leben konnte, wenn sie sich maßlos eitel und aufgebläht in ihrer Arbeit überschätzen und vergöttern ließ, den alten Schleppsäbel abtut und vernünftig und menschlich wird. Sie ist unheilbar. Wir wollen ihr die Untertanen entziehen. Wir wollen, dass es keine Menschen mehr gibt, die sich gefallen lassen, was jene mit der Miene der Gottähnlichkeit verhängten. Wir sind frei.

Wir warens nicht. Wie jämmerlich die Einwände, wie spießig der läppischste von allen: »Man darf nicht verallgemeinern.« Und doch war alles so gemein ...

Freilich: dem ist nicht mit Gerichtsverhandlungen beizukommen. Als damals Rosa Luxemburg von den Soldatenmißhandlungen schrieb, da sperrten sie sie ein, weil sie nicht gerichtsnotorisch machen konnte, was sich in abgesperrten Kasernenhöfen an Bestialitäten abgespielt hatte. Aber nie wird sonnenklar zu beweisen sein, was mit so viel Feigheit, mit so viel raffinierter Brutalität, mit so viel Macht ausgefressen wurde. Ich habe in meinen Skizzen absichtlich keine Namen genannt, was kommt es auf Namen an! Der Feldwebel Nowotnik und der Leutnant Peters und der Hauptmann Dorbritz – wer kümmert sich denn hier um die! Um was hier gekämpft wird, das ist die Freiheit des Deutschen, das ist der unerschütterliche Glaube, dass es – auch beim Militär – keine Vorgesetzten außer Dienst gibt. »Disziplin ohne moralische Einsicht ist eine Absurdität«, hat Jakob Wassermann einmal gesagt. Nun, das deutsche Heer war absurd.

Schon regt sich allerorten die Erkenntnis, schüchtern keimen junge Knospen.

Im ›Tag‹ – man denke: im ›Tag‹! – erzählt am neunundzwanzigsten Januar Hauptmann z. D. Paschke vom Leben der höhern Stäbe im Felde, wie sie doch nicht immer so einfach und bescheiden gelebt hätten, wie sie an sich und nur an sich auf Kosten der kämpfenden Truppe gedacht hätten; im ›Militärwochenblatt‹ berichtet in der Nummer 28 vom dreißigsten Januar ein General – er zeichnet K. –, wieviel unsaubere Elemente im deutschen Offizierkorps gewesen seien; in der ›Hilfe‹ spricht am sechzehnten Januar Miles – ein wegen seines Freimuts im Kriege verfolgter Offizier – von den Flecken, die die militärische Sonne verunzierten; in einer Flugschrift: ›Warum erfolgte der Zusammenbruch an der Westfront?‹ registriert Otto Lehmann-Rußbüldt die Leiden und Qualen der gemeinen Soldaten; im Dezemberheft der ›Süddeutschen Monatshefte‹ gibt ein Oberarzt, der vierzig Monate an der Westfront gestanden hat, seine trüben Erlebnisse über die Verpflegung der Offiziere und die der Mannschaften zum besten. Dämmert es?

Es sind nicht nur ›Fälle‹ vorgekommen. Es sind beileibe nicht nur die Offiziere gewesen. Die Unteroffiziere habens nicht besser getrieben, der abkommandierte Mann nicht, wenn sie nur gekonnt haben.

Es war also nicht diese Schule der sittlichen Erziehung, von der die Fibeln und Schullesebücher und Reichstagsreden uns berichtet haben. Es war also nicht die Blüte der Nation, die da als Erzieher und Erzogene herumliefen: diese alten Unteroffiziere, die vom Leben außerhalb der Kaserne nur etwas Unter-rock kannten, die aktiven Offiziere, die die Welt – auch die außerdeutsche – in ›Re'ment‹ und ›Zivil‹ einteilten, diese Reserve-Offiziere, die auf einmal zu fühlen begannen, wie doch auch sie zur Herrlichkeit geboren seien, und die ihr eigenes deutsches Nest beschmutzten, indem sie auf frühere Kollegen und Kameraden des Geistes traten.

Der lügt, der sagt, das müsse so sein. Man hat viel in der letzten Zeit um den Erlaß über die Kommandogewalt debattiert – man spricht von Neuordnung und vom deutschen Volksheer. Hier hat eure Weisheit ein Ende, denn mit Verordnungen ist hier nichts getan.

»Aber wir brauchen das!« – »Aber es wird stets Offiziere geben!« Gewiß – nur, wenn die Deutschen wollen, nie mehr solche. Wer wehrt sich denn gegen sachliche Befehle und ihre Ausführung? Wer will denn nicht einem Führer folgen, wenn der nur einer ist? Deutschland baue sich eine Armee – aber in aller Zukunft wird keiner von uns bereit sein, sich von einem andern Deutschen – und trage er am Leibe allen Farbenschmuck eines Papageis – mit Füßen treten zu lassen; keiner wird andern als sachlichen Befehlen folgen, und jeder wird von dem Vorgesetzten verlangen, dass er die gleichen Mühen ertrage und den gleichen guten Willen zur Arbeit zeige wie der, von dem er sie fordert.

Mögen sich die Korps an der Ostgrenze zunächst ihre Satzungen nach eigenem Willen aufstellen. Das neue Heer, das mit jenen nichts gemein habe, sei die Schule des freien Mannes, eine lebende Einheit von Offizieren und Mannschaften. Ein Bruch mit der alten Armee – das sei die neue. Der lächerliche Gruß-Erlaß ist kein froher Anfang. Der Offizier sei ein befehlender Kamerad. Das geht nicht? Dann lernts. Rücksichtslose Ausmerzung aller Früchte vom alten Stamm, gänzliche Abschaffung der alten Kommandogewalt, ein Wirbelwind fege die ›Herren‹ hinweg und setze Männer an ihre Stelle.

Und alle die Sprüche vom Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt, vom geschlagenen Riesen, der am Boden liegt, können uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass das, was hier geschehen ist, eine schmerzhafte, aber heilsame Operation am deutschen Volkskörper gewesen ist. Es mußte gesagt werden, und es mußte jetzt gesagt werden. Die Gesinnung des deutschen Offiziers hat nichts getaugt, der Geist des deutschen Militärs hat nichts getaugt. Wir reißen sie aus unserm Herzen – wir spielen das Spiel nicht mehr mit.

Ein Scherbengericht? Anklage und Urteil?

Die Vorrangstellung des Offiziers im deutschen Leben ist dahin. Die viereinhalb Jahre sind dagewesen – darüber kommt kein Mann hinweg.

Es geht ja letzten Endes nicht um Paragraphen und Soldatenräte und um Verfügungen und Erlasse und Kompromisse und Vermittlungen. Es geht um die Wurst.

Wir Deutsche zerfallen in drei Klassen: die Untertanen – die haben bisher geherrscht; die Geistigen – die haben sich bisher beherrschen lassen; die Indifferenten – die haben gar nichts getan und sind an allem Elend schuld.

Und mit derselben Macht und mit derselben Faust wie die bunten Burschen, aber getrieben von strömendem Herzblut, ringen wir um die schlafenden Seelen Deutschlands. Land! es gibt Höheres, als vor der Geliebten mit einem Rang zu prunken! Land! wir Deutsche sind Brüder, und ein Knopf ist ein Knopf und ein Achselstück ein Achselstück. Kein Gott wohnt dahinter, keine himmlische Macht ist Menschen gegeben. Doch: eine. Die Menschen zu lieben, aber nicht, sie mit Füßen zu treten.

Wir speien auf das Militär – aber wir lieben die neue, uralte Menschlichkeit!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 20.02.1919, Nr. 9, S. 201.





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