Ferdinando Maccono, ›Zwei Märtyrerinnen der Keuschheit‹


Ich wollte nun ›Manhattan Transfer‹ meines großen Lieblings Dos Passos lesen, aber da hat sich ein Heftchen dazwischengeschoben, blutrot leuchtet es, voilà: ›Zwei Märtyrerinnen der Keuschheit‹ von einem italienischen Salesianer-Priester Ferdinando Maccono. (Verlag der Salesianer, München.) Also, das ist beispiellos.

Die Sache ist die, dass vor langen Jahren in Italien zwei kleine Mädchen: Clementina Sechhi, 14 Jahre, und Maria Goretti, 12 Jahre, an zwei verschiedenen Orten von zwei verschiedenen Männern ermordet wurden. Lustmord. Die Mörder sind hart bestraft worden; auch braucht nicht gesagt zu werden, dass sich die bejammernswerten kleinen Opfer nach Kräften gewehrt haben, als die psychologisch zu analysierenden Männer über sie herfielen. Bis dahin wäre an diesen Fällen eigentlich nichts Besonderes zu vermelden. Aber in diese winzige Blutpause, jene, in der sich das Menschentier, das Weibchen, die natürliche Scham kleiner Wesen gegen einen rohen Übergriff zur Wehr setzten, schiebt sich nun die Kirche ein, benutzt diese scheußlichen Vorfälle als herrlichen Propagandastoff und deklariert die zerfetzten armen Dinger als ›Märtyrerinnen der Keuschheit‹. Man höre diese Traktätchen-Überschriften: ›Die engelgleiche Tugend‹ – ›Demut und Bescheidenheit‹ – ›Ihre Abscheu vor dem Bösen und ihre Einfalt‹ – ›Emsige Biene‹ – ›Ein Scheusal im Hause‹ – ›Die Versuchung überwunden und mit Abscheu zurückgewiesen‹ – ›Das Martyrium‹ (das ist der Mord!) – ›Die Verherrlichung auf Erden‹. Soweit die eine. Und die andere: ›Liebe zur Mutter‹ – ›Welch brave Tochter!‹ – ›Die Taube und der Habicht‹ – ›Vorsichtsmaßregeln und Gebet‹ – ›Der Kampf und das Martyrium‹ – ›Von Stichen durchbohrt‹ – ›In der Heilanstalt von Nettuno‹ – ›Die Mittel zur Bewachung der Unschuld‹. In diesem Stil.

Ist das nicht verabscheuenswert? Ist eine größere Niedrigkeit denkbar, als kriminalistische Vorgänge, die man von allen Seiten betrachten kann, nur von einer nicht, als blutige Plakate an die Mauern zu kleben? So sieht die praktische Erziehungsarbeit der katholischen Kirche aus? Das Heft trägt die oberhirtliche Druckerlaubnis, ist also als offiziell anzusehen, und nicht als Entgleisung eines Übereifrigen. Einmal sieht aus den blutigen Tüchern ein gehörnter Fuß heraus. »Somit waren es die schlechte Erziehung, der Müßiggang und das Lesen schlechter Blätter, welche im jungen Serenelli die niedersten Leidenschaften aufweckten und ihn zu einem schrecklichen Menschenmorde verleiteten. Was muß man denken von all den Unbesonnenen, die ihn nachahmen in der Scheu vor der Arbeit, im Lesen schlechter Romane und verderblicher Blätter, in der Teilnahme an gewissen Zusammenkünften, worin man zum Hasse aufstachelt, im Besuch gewisser Kinos?« Man muß denken, dass gewisse Zusammenkünfte die Stimmenzahl des Zentrums gefährden könnten, und dass »Übeltäter der Feder und der Kunst« jene hundsgemeine Denkungsart nicht teilen, die auf die Geschlechtsteile stiert wie der Fakir auf eine goldene Nadel. Hier hat manches gute Wort für die katholische Kirche gestanden, für ihre Weisheit, ihre mitunter für Deutschland nützliche Außenpolitik (mit der es jetzt vorbei ist) – aber wenn die Erziehungsarbeit der Geistlichen so aussieht, dann lasse ich hundertmal die protestantischen Feiglinge in der Sozialdemokratie zusammenzucken und bin für Kulturkampf. Für einen Kampf gegen die Unkultur und für die Freiheit.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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