Kaiserbilder


Die Anhänglichkeit und Treue der Mannen ist rührend. Auch unerklärlich? Gar nicht, wenn man genau hinsieht. Sie meinen nämlich nicht den Kaiser. Nicht den da. Nicht Wilhelm den Zweiten.

Das Kaiserbild sagt: »Ich war eine schöne Zeit. Ich strahlte über euch allen, aber ich lieh jedem ein bißchen Glanz, mit dem ihr prunken konntet, nach unten hin. Ich erhöhte jeden, damit er die andern erniedrigte. Jeder galt etwas, und zwar immer ein bißchen mehr als sein Hintermann. Ich war eine schöne Zeit.«

Die gesträubten Schnurrbartspitzen sagen: »Heil und Sieg! Wessen Heil und wessen Sieg – das gilt uns gleich. Wir brauchen nach des Tages Last und Arbeit ein idealähnliches Geräusch, mit dem wir uns betäuben. Wir brauchen etwas, zu dem wir aufsehen, etwas, dem wir die Stiefel lecken können, etwas, an dem wir unsre Treue auslassen können. Denn wir haben einen ganzen Bauch voll Treue. Wem waren wir nicht schon alles treu! Heil und Sieg!«

Die Brust voll Orden sagt: »Der Mann alleine ist nichts. Nur ein Mensch ... Ich mache euch erst zu etwas. Ich gebe euch Bedeutung, Orden, Rang und Sprossennummer. Durch mich werdet ihr etwas, könnt euch heraustrauen, weil ihr abgestempelt seid, dürft herauskriechen aus der engen Häuslichkeit, ohne euch lächerlich zu machen; weil ihr ein Teil von mir seid, ein Teil vom Ganzen. Erhabenes Gefühl der Angehörigkeit! Wurm von einem Mensch, der du dich vermissest, einsam und allein zu stehen! Ich – ich mache dich zum Supernumerar. Der Mann alleine ist nichts.«

Und die Leute sagen: »Als der noch da war –.« Und sehen leuchtenden Auges zur Wand.

Warum eigentlich? Es ist doch noch alles beim alten.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 06.11.1919, Nr. 46, S. 583.





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