Franz Molnár, ›Die Jungen der Paulstraße‹


Also Molnár ist auch bei Zsolnay erschienen – aber ein entzückendes kleines Buch Franz Molnárs hat er nicht; das hat E. P. Tal in Leipzig: ›Die Jungen der Paulstraße‹. Das ist ein Bijou. Das Bijou ist infam ausgestattet: es hat einen niederträchtig schlechten Einband und ebensolche Zeichnungen; das wollen wir aber gar nicht. Entweder ihr laßt solche Jungens-Szenen von einem großen Künstler zeichnen – sagen wir einmal: von der Frau Sintenis – oder ihr zeichnet naturalistisch durch, wie es die Engländer oft tun: ich bin so altmodisch, zu verlangen, dass wir, wenn schon keine künstlerischen Visionen da sind, wenigstens deutlich erkennen können, wer wer ist. Diese Figuren da sehen aus wie Zeichnungen, die Jungen an die Mauern kritzeln – aber sie sind nicht halb so lustig. Das Buch hätte eine bessere Ausstattung verdient.

Ein Kapitel kannte ich schon: ich hatte es im ›Welthumor‹ gelesen, eine der wenigen erträglichen Anthologien; Roda Roda und Theodor Etzel haben sie bei Albert Langen in München herausgegeben, sechs sehr zu empfehlende Bände, an denen es viel zu lernen und zu lachen gibt. Darin steht die Sache vom ›Kitt-Verein‹. Die Jungen der Paulstraße hatten nämlich, was streng verboten war, einen Kitt-Verein gegründet, Zweck: unbekannt, Tendenz: unbekannt, Sinn: unbekannt, und doch so bekannt. Zweck, Tendenz, Sinn: einen Verein zu gründen. Er heißt ›Kitt-Verein‹, weil der Präsident die Pflicht hat, den Vereinskitt (›Gitt‹ geheißen, ja nicht: Kitt) zu kauen – und nun läuft das arme Kind den ganzen Tag mit diesem schmutzigen Kloß im Munde herum und kaut. Es ist ganz und gar herrlich. Im übrigen führen die Herren Knaben Krieg; sie führen Krieg mit den ›Rothemden‹, Jungen von einem andern Spielplatz, und die wollen ihnen den ›Grund‹ rauben, einen leer stehenden Bauplatz ... Krieg! Krieg!

Besser ist das Wesen einer Gruppe, also eines Vaterlandes, noch selten gezeigt worden wie hier. Die Untergebenen des Oberführers salutieren in der Klasse. »Die andern Jungen, die nicht zu der Paulstraßengruppe gehörten, beneideten diese ungeheuer, als sie Boka salutierten, zum Zeichen, dass sie die Anordnung des Präsidenten zur Kenntnis genommen hatten – « Sollten wir das nicht schon mal erlebt haben –? Dann pappt der Präsident eine Proklamation an die Mauer, und die Heerestruppen gehen um sie herum und lesen sie.

 

UNSERM REICHE DROHT EINE GROSSE GEFAHR!

»Einige können sie schon auswendig und trugen sie von der Höhe eines Holzstoßes in kriegerischem Ton den Umstehenden vor, die den ganzen Wortlaut gleichfalls auswendig wußten, aber doch mit offenem Munde zuhörten und, wenn sie zu Ende gehört hatten, zur Planke liefen, den Aufruf von neuem lasen, und dann selbst auf einen Holzstoß kletterten, um ihn von der Höhe herab zu deklamieren.« Wer wagt es zu streiken, wenn Hindenburg befiehlt? Und dann ihre Freude am Apparat! Da ist einer, der kann so schön auf zwei Fingern pfeifen. Und einmal unternimmt er eine sehr kriegerische Handlung, nur in der Hoffnung, dabei einmal herzhaft pfeifen zu können ... Und zwei haben sich gezankt, aber weil jetzt Krieg ist, müssen sie sich, laut Geheiß des Präsidenten, versöhnen. Sofort! Ohne Umstände. Das tun sie auch. Aber sie haben eine Bitte. Nun? »Daß ich, wenn uns die Rothemden nicht angreifen sollten, dass ich ... und Kolnay dann wieder Feinde sein könnten ... « Die Krise, steht manchmal in den deutschen Zeitungen, wird bis nach dem Weihnachtsfest vertagt.

Zum Schluß ist das Buch etwas weinerlich, eine grade noch erträgliche Leierkastensentimentalität steigt auf, unterbrochen von einem wirklich schönen Satz des schwerkranken kleinen Jungen, der sich für sein ›Vaterland‹ die Erkältung und damit den Tod geholt hat. Du stirbst nicht, sagt ihm sein Freund. »Du sagst, es ist nicht wahr?« – »Ja.« – »Lüge ich vielleicht?« Man beruhigt ihn. Aber er läßt sich nicht beruhigen. »Also, ich gebe mein Wort darauf, dass ich sterbe!«

Ich glaube, dass Frauen mit dieser Erzählung sehr viel anfangen können – eine Mutter wird das Buch noch besser verstehen als ein Mann. Übrigens ist es ein Vorkriegsbuch – seltsam, dass die meisten Dinge erst dann literarische Gestalt annehmen, wenn sie schon lange vorbei sind; ferne Planeten zeigen sich Lichtjahre nach ihrer Entstehung an. Das Buch gilt ganz und gar für meine Generation – die Jungen spielen heute anders, fühlen anders, sprechen anders; nicht, als ob sich die Menschen änderten, aber die Ausdrucksformen ihrer seelischen Regungen ändern sich. Heute ist vieles wohl mehr ins Sportliche, ins Technische transponiert – wir wissen das noch nicht. Denn, was sich da als ›heutige Generation‹ aufkakelt, ist gar keine. Da ist das Loch, das der Krieg gerissen hat: eine Generation fehlt. Ein Repräsentant wie etwa Erich Ebermayer ist überhaupt nichts – nur unbegabt und unjung, und leicht verschmockt sind sie fast alle. Man braucht nicht gleich auf das Niveau Klaus Manns herunterzusteigen, der von Beruf jung ist und von dem gewiß in einer ernsthaften Buchkritik nicht die Rede sein soll – aber wie alt sind sie! wie fertig! Wenn es noch Chaos wäre! Aber es sind fix und fertige Feuilletonredakteure mittlerer Provinzblätter, und keine guten.





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