Filmzensur auch in Frankreich


Man besinnt sich vielleicht auf das lustige Theaterstück »Die neuen Herren« von de Flers und Francis de Croisset, das auch in Berlin gespielt worden ist. Daraus hat Jacques Feyder einen Film gemacht, de Croisset hat daran mitgearbeitet – und er ist auch schon vor geladenem pariser Publikum gelaufen. Eine harmlose Sache. Nein – keine harmlose Sache. Die Zensur sagte plötzlich: Stop! Und warum hat sie Stop gesagt –?

In diesem Film machen sich die Autoren ein bißchen über das Parlament, die Minister und die Parlamentarier lustig. Ein Gewerkschaftssekretär, der Minister wird, vergißt alle seine Traditionen – das soll vorkommen – und spielt eine vielleicht leicht übertrieben lächerliche Rolle: im Film zum Beispiel läuft er einer Pferdedroschke nach, verliert auf der Chaussee seinen zu kleinen Zylinder ... auch ist eine Parlamentssitzung zu sehen, in der sich die Leute in die Haare fahren – es wird also, wie so häufig in Frankreich und auch anderswo, auf Kosten der Politiker gelacht, ohne dass übrigens irgendein bestimmter gemeint ist. Zensur, Verbot, große Aufregung; Interviews – wer ist für das Verbot verantwortlich zu machen –?

Auf einmal ist es niemand gewesen. Die Zensur sagt, es sei der Präsident der Kammer: der weiß von nichts; der Minister des Innern, Herr Tardieu: dessen Name ist Haase; der Minister der ach, so schönen Künste: der hat den Film nie gesehen ... wer ist schuld –?

Ich glaube zu wissen, wer schuld ist – und hier fängt die Sache an, auch uns in Deutschland zu interessieren.

Schuld ist ein übersteigertes Standesbewußtsein, das langsam jede öffentliche Kritik unmöglich zu machen beginnt.

Wenn jemand sagte: » Der deutsche Bankbeamte unterschlägt Geld« – so ist das eine klare Verleumdung. Es gibt aber keinen Stand, der von einer Beurteilung und vielleicht Verurteilung durch die Öffentlichkeit von vornherein ausgenommen werden kann; weder die Postbeamten noch die Journalisten, noch die Volksschullehrer, noch die Bankiers, noch die Richter. Die Sache ist doch sehr einfach.

Entweder die Anschuldigungen sind unwahr: dann kann man sie widerlegen. Oder sie sind wahr: dann soll sich gefälligst der Stand bessern und an sich arbeiten, anstatt aufzuschreien, mit Boykott zu drohen, Beleidigungsklagen anzustrengen und überhaupt so zu tun, als sei schon der Zweifel an der Unfehlbarkeit grade dieses Berufs eine Todsünde. Macht sich jemand über die deutschen Schriftsteller und ihre Eigenarten lustig, so zucke ich gar nicht zusammen, sondern ich überlege, ob der Mann nicht recht hat, und, wenn er recht hat, wie man die von ihm gerügten Fehler abstellen kann. Das Getöse der »Reichsverbände für ... « aber ist meistens vom Übel.

Was nun die »Würde des Parlaments« betrifft, so wollen wir doch da recht vorsichtig sein. Der Deutsche Reichstag hat bekanntlich verboten, dass seine Sitzungen durch den Rundfunk übertragen werden – und ich habe so das leise Gefühl, als sei das nicht die rechte Art, Würde zu markieren. Auch Politiker sind Menschen wie wir – bestenfalls Menschen wie wir.

Es ist auch nicht richtig, dass man nicht »generalisieren« solle. Habt ihr schon einmal gehört, dass sich ein Stand ein verallgemeinerndes Lob verbittet?

Die ganze Geschichte ist doppelt verwunderlich, weil sie dieses Mal in Frankreich spielt. In Frankreich, wo die Zeitungen, die Chansonniers, die gesamte öffentliche Meinung mit den Köpfen der im öffentlichen Leben stehenden Männer ein höchst amüsantes Tennis spielt. Wenn in deutschen Zeitungen auch nur ein Zehntel dessen zu lesen stände, was hier täglich über Minister, Abgeordnete und hohe Beamte gedruckt wird, dann kämen die deutschen Redakteure überhaupt nicht mehr aus dem Gefängnis heraus. Auf einmal so empfindlich?

Gewiß hat der Film noch stärkere Wirkungen als das gedruckte Wort. Aber es wäre hübsch, wenn wir nun endlich einmal alle begriffen, dass die mühsam erkämpfte »Pressefreiheit« auch auf den Film und den Rundfunk auszudehnen ist – ohne Rücksicht auf ein künstlich übersteigertes Standesgefühl, hinter dem sich menschliche Eitelkeit und Dummstolz der Kasten verbergen.

 

 

Peter Panter

Tempo, 16.12.1928.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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