Film mit Scheibe


Es ist merkwürdig, wie manche Franzosen aus den Pantinen kippen, wenn sie etwas unternehmen, was hier in Paris als »modern« gilt.

Da läßt zum Beispiel die Pariser »Kamera« das »Studio des Ursulines« einen Film laufen: »Seestern« – das hat die Welt, zum Glück, noch nicht gesehn. Der sonst so verdienstvolle Fotograf Man Ray ist der Papa dieses Kindes.

Der Film hat eine reizvolle Idee – Ray hat den Einfall gehabt, durch eine Scheibe welligen Glases zu fotografieren – was Bilder ergibt, die alle wie von Munch gemalt aussehen. Gesichter sind nicht zu erkennen – die Konturen verschwimmen nervös – und so kann der Regisseur wagen, eine Liebesszene zu zeigen, bis zuallerletzt: die Dame entkleidet sich völlig, der Akt wirkt wie gemalt, aber das ganze Kino hat nicht schlecht gelacht, als sich der angekleidete Herr vom Bett erhob und mit dem Zwischentitel »Adieu, Madame!« die Leinwand verließ. Es war sehr heiter.

Der Rest ist falsch verstandener Expressionismus; dumme Allegorie; unverständlicher Wechsel von scharfen Sachaufnahmen und verschwommenen Gemäldekopien, die dem Wesen des Films völlig entgegengesetzt sind – es ist eine wertlose literarische Spielerei, die sich allemal aufs Bild ausredet, wenn die Idee versagt – und auf den Einfall, wenn das Bild nichts taugt. Meist war beides der Fall.

Man muß nicht glauben, dass eine Kümmerlichkeit dadurch zur »Kunst« wird, dass man sie durch eine verzerrende Glasscheibe fotografiert.

In der Kunst und im Sport sollte es keinen Nationalismus geben. Was gut ist, ist gut, und was schlecht ist, ist schlecht.

Der französische Film ist einmal der erste der Welt gewesen. Es gibt heute keinen französischen Film von wirklichem Wert mehr.

 

 

Peter Panter

Tempo, 26.10.1928, Nr. 40, S. 9.





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