Sehen


[A 13] Wenn wir auf einen Gegenstand hinsehen, so sehen wir noch viele andere zugleich mit, aber weniger deutlich. Es ist die Frage, ob dieses Gewohnheit ist, oder ob es eine andere Ursache habe? Im ersten Fall müßten wir uns auch angewöhnen können Dinge deutlich zu sehen, ohnerachtet wir unsere Augen nicht unmittelbar darauf wenden.

 

[A 67] Wir empfinden nicht die unmittelbare Berührung äußerer Körper beim Sehen und Hören, sagt Home, wie bei den übrigen Sinnen. (Wenn wir keine Augen hätten, so würde vielleicht die Empfindung des Gefühls ebenso innerhalb uns vorzugehen scheinen; allein unsere Augen machen, dass wir die Empfindung dahin versetzen, wo wir sehen, dass der Grund liegt p. m.)

 

[D 209] Wir sehen mit 2 Augen nur ein Bild, so lange uns die Bilder gleich nah sind und also auch ein beiläufig gleich großes Bild auf der Tunica retina formieren. Halte ich hingegen eine Sache nahe dem einen Auge und sehe mit beiden darnach, so sehe ich es doppelt, wiederum, wenn das Bild der Sache nicht auf ähnliche Teile in beiden Augen fällt, so sehen wir es doppelt, oder drittens in beiden Augen auf Stellen, die zwar einander ähnlich liegen, aber nicht diejenigen zuammengehörigen Stellen sind, auf welchen gewöhnlich ein einziges Ding sein Bild formiert. Alles dieses beweist, dünkt mich, hinlänglich, dass wir alle Sachen zweimal sehen, aber ohne allen Unterschied wegen der ähnlichen Lage der Bilder gegen unsern symmetrischen Körper, und daher sie für eins halten. Sobald nun das eine Bild im mindesten vergrößert wird, zum Exempel wenn man mit dem einen Auge nach einem Objekt, und mit dem andern nach eben demselben aber durch ein nur wenig vergrößerndes Fernglas sieht, so erscheint alles doppelt. So könnte unsere Seele zusammengesetzt sein, ohne dass die Empfindungen vervielfacht würden. Wir empfinden eine Sache nur einmal, nicht weil wir eins sind, sondern weil die Sache nach der Mehrheit der Stimmen unserer sinnlichen Werkzeuge nur eins sein soll, weil wir sie einerlei ansehen und für uns als eins angesehen werden kann. Ich fürchte nur gar zu sehr, dass der Gedanke von der Simplizität unserer Seele ein geborgter Begriff ist, wir können nicht für das Individuum A empfinden, also können auch mehr Substanzen nicht einen Gedanken gemeinschaftlich haben. Die Verhältnis der Gleichheit (könnte man oben beim Auge sagen) ist vielleicht in der Seele = o so wie es in der Arithmetik bei der Zusammensetzung der Verhältnisse ist. (Kunkeliana, Possen)

 

[F 508] Der Mensch hat einen unwiderstehlichen Trieb zu glauben, man sähe ihn nicht, wenn er nichts sieht. Wie die Kinder, die die Augen zuhalten, um nicht gesehen zu werden.

 

[F 754] Wir sehen, ein jeder, nicht bloß einen andern Regenbogen, sondern ein jeder einen anderen Gegenstand und jeder einen anderen Satz als der andere.

 


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