Zum Hauptinhalt springen

Nastenkas Geschichte

»Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits: nämlich, daß ich eine alte Großmutter habe ...«

»Wenn auch die andere Hälfte ebenso kurz ist wie diese,« unterbrach ich sie lachend.

»Schweigen Sie und hören Sie zu. Doch zuvor eine Bedingung: Sie dürfen mich nicht unterbrechen, sonst komme ich aus dem Konzept. Hören Sie also ruhig zu.

Ich habe eine alte Großmutter. Ich kam zu ihr schon als kleines Kind, denn ich habe beide Eltern früh verloren. Ich glaube, daß Großmutter früher einmal reicher war, denn sie gedenkt noch jetzt öfters besserer Tage. Die gleiche Großmutter hat mich Französisch gelehrt und mir später einen Lehrer genommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war (und jetzt bin ich siebzehn), nahm der Unterricht ein Ende. Um jene Zeit stellte ich auch einen Streich an; was es für ein Streich war, will ich Ihnen nicht sagen; es soll Ihnen genügen, wenn ich sage, daß es nichts Schlimmes war. Nun rief mich Großmutter eines Morgens zu sich und sagte, daß sie, da sie blind sei, auf mich nicht aufpassen könne; und sie nahm eine Nadel, heftete mein Kleid an das ihrige an und sagte, daß wir nun unser Leben lang so nebeneinander sitzen würden, vorausgesetzt, daß ich mich nicht besserte. Mit einem Worte, ich konnte in der ersten Zeit wirklich nicht von Großmutters Seite weichen: arbeiten, lesen, lernen, alles mußte ich in diesem Zustande. Einmal versuchte ich, Großmutter anzuführen, und überredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen. Fjokla ist unsere Dienstmagd; sie ist fast taub. Fjokla setzte sich also an meine Stelle; Großmutter war gerade in ihrem Lehnsessel eingeschlummert, und ich ging eine Freundin besuchen. Die Sache endete aber schlecht. In meiner Abwesenheit wachte Großmutter auf und fragte mich irgend etwas, denn sie glaubte natürlich, daß ich noch neben ihr sitze. Fjokla sah, daß Großmutter etwas fragte, konnte aber nichts hören; sie überlegte sich eine Weile, was sie tun sollte, nahm schließlich die Stecknadel heraus und lief davon ...«

Nastenka machte hier eine Pause und begann zu lachen. Auch ich mußte lachen. Dann hörte sie aber gleich auf.

»Hören Sie, Sie sollen über meine Großmutter nicht lachen. Ich lache nur, weil es so komisch war ... Was soll ich machen, wenn Großmutter einmal so ist; ein wenig liebe ich sie aber trotzdem. Nun, ich wurde von ihr tüchtig ausgeschimpft, mußte mich wieder auf meinen Platz setzen und konnte mich seitdem wirklich nicht mehr rühren.

Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß wir, das heißt Großmutter ein eigenes Haus hat, vielmehr ein Häuschen, mit nur drei Fenstern; es ist ganz aus Holz und ebenso alt wie die Großmutter. Und oben ist noch eine Mansarde. In diese Mansarde zog also ein neuer Zimmerherr ein ...«

»Folglich hat es auch einen alten Zimmerherrn gegeben?« bemerkte ich so nebenbei.

»Gewiß hat es einen gegeben,« antwortete Nastenka, »und der verstand besser zu schweigen als Sie. Er konnte allerdings kaum die Zunge bewegen. Es war ein ausgetrocknetes, stummes, blindes und lahmes altes Männchen, so alt, daß es schließlich nicht mehr leben konnte und sterben mußte. Also mußten wir einen neuen Zimmerherrn haben: ohne einen Mieter können wir nämlich nicht auskommen, denn die Miete ist neben Großmutters Pension unser ganzes Einkommen. Der neue Zimmerherr war ausgerechnet ein junger Mann, ein Fremder, aus der Provinz zugereist. Da er keinen Versuch machte, von der Miete etwas abzuhandeln, nahm ihn Großmutter auf. Doch später fragte sie mich: ›Sag einmal, Nastenka, ist der neue Zimmerherr jung oder alt?‹ Ich wollte nicht lügen und sagte: ›Man kann nicht sagen, daß er sehr jung sei, er ist aber auch nicht sehr alt.‹

›Nun, ist er von angenehmem Äußern?‹ fragte Großmutter weiter.

Ich wollte wieder nicht lügen und antwortete: ›Ja, von recht angenehmem Äußern, Großmutter!‹ Großmutter sagte darauf: ›Das ist eine Strafe Gottes! Ich sage das, mein Enkelkind, nicht damit du dich in ihn verguckst! Ja, diese neuen Zeiten! Ein so kleiner, bescheidener Mieter und hat dabei ein angenehmes Äußeres! Das war in der alten Zeit anders!‹

Großmutter spricht nämlich bei jeder Gelegenheit von der guten alten Zeit! Sie behauptet, sie sei in der alten Zeit jünger gewesen, und die Sonne hätte wärmer geschienen, und der Rahm wäre nicht so schnell sauer geworden – alles in der guten alten Zeit! Ich höre zu, schweige und denke mir: Warum bringt mich Großmutter selbst auf solche Gedanken, wenn sie mich fragt, ob der neue Zimmerherr hübsch sei? Das ging mir nur so flüchtig durch den Kopf, und gleich darauf begann ich wieder die Maschen zu zählen und zu stricken, und vergaß diesen Vorfall ganz.

Eines Morgens kommt der Zimmerherr zu uns herunter, um nach der Tapete zu fragen, die man ihm für sein Zimmer versprochen hatte: Ein Wort gibt das andere: Großmutter spricht gern etwas viel. Auf einmal sagte sie mir: ›Geh mal, Nastenka, hinüber in mein Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‹ Ich sprang gleich auf, errötete, ich weiß nicht weshalb, und vergaß dabei ganz, daß ich angeheftet war. Statt die Stecknadel vorsichtig abzustecken, daß es der Zimmerherr nicht sähe, riß ich so, daß der Sessel mit der Großmutter ins Rollen kam. Als ich sah, daß der Mieter alles bemerkt hatte, wurde ich noch röter, blieb wie angewurzelt stehen und brach plötzlich in Tränen aus; so sehr schämte ich mich, und so bitter war es mir, daß ich am liebsten in die Erde versunken wäre. Großmutter sagte aber: ›Was stehst du so da?‹ Und ich weinte noch mehr. Wie der Zimmerherr sah, daß ich mich vor ihm schämte, verabschiedete er sich und ging gleich fort!

Seit jener Zeit stand mir bei jedem Geräusch im Flur das Herz still; ich dachte mir gleich: Da kommt er! und steckte für jeden Fall heimlich die Nadel ab. Doch es war jedesmal wer anderer: der Zimmerherr ließ sich gar nicht blicken. So vergingen zwei Wochen. Eines Tages läßt er uns durch Fjokla sagen, daß er viele französische Romane habe, lauter gute, lesenswerte Bücher; ob Großmutter sie sich nicht von mir vorlesen lassen möchte, um sich die Zeit zu vertreiben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, erkundigte sich aber einigemal, ob es moralische Bücher seien. ›Denn es gibt,‹ sagte sie, ›auch unmoralische Bücher, die du, Nastenka, nicht lesen darfst, denn du könntest aus ihnen nur Schlechtes lernen!‹

›Was könnte ich denn daraus lernen? Was steht in solchen Büchern?‹

›In solchen Büchern wird beschrieben, wie junge Männer gesittete Mädchen verführen, wie sie sie unter dem Vorwande, sie heiraten zu wollen, aus dem Elternhause entführen und sie dann in ihrem Unglück sitzen lassen, und wie dann diese Mädchen elend zugrundegehen. Ich habe viele solche Bücher gelesen,‹ sagte die Großmutter, ›und es ist darin alles so schön geschildert, daß man sich gar nicht losreißen kann und zuweilen heimlich eine ganze Nacht durchliest. Also ich bitte dich, Nastenka, lies solche Bücher nicht! Was für Bücher hat er übrigens geschickt?‹

›Es sind lauter Romane von Walter Scott, Großmutter!‹

›So, von Walter Scott! Ob aber nicht irgend etwas dahinter steckt?! Schau mal nach, Nastenka, ob er nicht irgendeinen Liebesbrief hineingelegt hat!‹

›Nein, Großmutter!‹ sage ich, ›da liegt kein Brief drin.‹

›Schau auch unter dem Einbande nach! Sie pflegen manchmal ihre Liebesbriefe unter dem Einbanddeckel zu verstecken, die Spitzbuben!‹

›Nein, Großmutter, auch unter dem Einband steckt nichts!‹

›Also paß auf!‹

So begannen wir den Walter Scott zu lesen und waren in einem Monat mit der Hälfte der Bände fertig. Dann schickte er noch andere Bücher, auch Puschkin war dabei. So daß ich schließlich ohne Bücher gar nicht mehr leben konnte und sogar meinen Traum, wie ich den chinesischen Prinzen heirate, gänzlich vergaß.

So stand die Sache, als ich einmal unsern Mieter ganz zufällig auf der Treppe traf. Großmutter hatte mich etwas kaufen geschickt. Er blieb stehen, ich errötete, und auch er errötete; schließlich lachte er, sagte mir guten Tag, erkundigte sich nach Großmutters Befinden und fragte: ›Nun, haben Sie die Bücher gelesen?‹ Ich antwortete: ›Ja, wir haben sie gelesen.‹ – ›Was hat Ihnen am besten gefallen?‹ – ›Ivanhoe und Puschkin haben mir am besten gefallen.‹ Damit endete diesmal unser Gespräch.

Nach acht Tagen traf ich ihn wieder auf der Treppe. Diesmal hatte mich nicht Großmutter geschickt, sondern ich mußte selbst etwas besorgen. Es war gerade um drei Uhr nachmittags, also um die Stunde, wo er gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte. ›Guten Tag!‹ sagte er mir. ›Guten Tag!‹ antwortete ich.

›Ist es Ihnen gar nicht langweilig, so den ganzen Tag mit der Großmutter zu sitzen?‹ fragte er mich.

Als er das fragte, wurde ich, ich weiß nicht warum, über und über rot; ich schämte mich, und es tat mir weh, daß sich schon Fremde über meine Lage erkundigten. Ich wollte sogar gehen, ohne ihm Antwort zu geben, brachte es aber nicht übers Herz.

›Hören Sie doch!‹ sagte er weiter, ›Sie sind wirklich ein gutes Mädchen! Entschuldigen Sie, daß ich mit Ihnen so spreche, doch ich versichere Sie, daß ich Ihnen nur alles Gute wünsche. Haben Sie denn gar keine Freundinnen, die Sie einmal besuchen könnten?‹

Ich sagte ihm, daß ich gar keine Freundinnen habe; ich hätte wohl eine Freundin, namens Maschenka gehabt, diese sei aber nach Pskow verzogen.

›Hören Sie,‹ sagte er drauf, ›möchten Sie nicht einmal mit mir ins Theater gehen?‹

›Ins Theater? Und was wird Großmutter sagen?‹

›Das müssen Sie eben hinter ihrem Rücken machen ...‹

›Nein,‹ sagte ich, ›ich will meine Großmutter nicht betrügen. Leben Sie wohl!‹

›Gut, leben Sie wohl!‹ sagte er. Sonst sagte er nichts.

Doch am Nachmittag kam er zu uns herunter; er nahm Platz, unterhielt sich lange mit Großmutter, fragte sie, ob sie irgendwohin ausfahre, ob sie Bekannte habe und sagte plötzlich so nebenbei: ›Ich habe für heute abend eine Loge in die Oper genommen. Der Barbier von Sevilla wird gegeben. Bekannte wollten mitgehen. Nun sagten sie ab, und so sitze ich mit dem Billett.‹

›Der Barbier von Sevilla!‹ rief Großmutter aus. ›Ist es derselbe Barbier, den man in der alten Zeit zu geben pflegte?‹

›Ja,‹ sagte er, ›es ist derselbe!‹ Und dabei warf er mir einen Blick zu. Ich hatte schon alles begriffen, und das Herz hüpfte mir in freudiger Erwartung!

›Wie sollte ich ihn nicht kennen?‹ sagte Großmutter: ›Habe ich doch selbst einmal vor vielen Jahren bei einer Liebhaberaufführung die Rosine gespielt!‹

›Würden Sie vielleicht heute mitkommen?‹ fragte der Mieter. ›Sonst verfällt ja mein Billett unbenutzt.‹

›Warum denn nicht?‹ sagte Großmutter. ›Gerne! Meine Nastenka ist ja noch nie im Theater gewesen.‹

Mein Gott, diese Freude! Wir machten uns gleich bereit, kleideten uns um und fuhren hin. Großmutter ist zwar blind, wollte aber doch gern die Musik hören; und dann ist sie ja auch eine gute Seele: sie tat es mehr, um mir ein Vergnügen zu bereiten. Denn sonst wären wir wohl nie in die Oper gekommen. Welchen Eindruck auf mich der Barbier machte, das will ich Ihnen gar nicht sagen. Aber unser Mieter sah mich den ganzen Abend so freundlich an und sprach zu mir so herzlich, daß ich mir gleich sagte, er wollte mich heute früh nur prüfen, als er mir vorschlug, ich möchte mit ihm allein ins Theater gehen! Nein, diese Freude! Als ich an diesem Abend zu Bett ging, war ich so stolz, so froh, und hatte solches Herzklopfen, daß ich beinahe fieberte. Die ganze Nacht phantasierte ich vom ›Barbier von Sevilla‹.

Ich glaubte, daß er uns von nun an öfter besuchen würde. Aber das fiel ihm gar nicht ein. Er hörte fast auf, zu uns zu kommen. Höchstens einmal im Monat kam er herunter, und jedesmal nur um uns aufzufordern, mit ihm ins Theater zu gehen. So an die zweimal gingen wir mit ihm auch wirklich hin. Dieses Benehmen gefiel mir gar nicht. Ich sah, daß er mit mir einfach Mitleid hatte, weil ich von der Großmutter so behandelt wurde, und sonst nichts. Je mehr ich darüber nachdachte, um so mehr kränkte es mich; schließlich konnte ich weder lesen, noch arbeiten, noch überhaupt ruhig auf einem Platze sitzen; manchmal lachte ich und stellte irgendwelche Streiche an, über die sich Großmutter ärgern mußte, und manchmal weinte ich. Schließlich kam ich so herunter, daß ich beinahe krank wurde. Die Opernsaison war indessen zu Ende, und der Zimmerherr stellte seine Besuche ganz ein. Und jedesmal, wenn wir uns begegneten – natürlich immer auf der Treppe – grüßte er mich stumm und mit so ernstem Gesicht, als ob er mit mir überhaupt nicht mehr sprechen wollte; und wenn er schon längst aus dem Flur gegangen war, stand ich noch immer da, über und über rot: denn sooft ich ihm begegnete, stieg mir das Blut in den Kopf.

Nun kommt bald das Ende. Genau vor einem Jahr, im Mai, kam er einmal zu uns herunter und erklärte Großmutter, daß er seine Angelegenheiten in Petersburg erledigt hätte und nun für ein Jahr nach Moskau gehen müsse. Als ich das hörte, erblaßte ich und ließ mich beinahe ohnmächtig in einen Stuhl fallen. Großmutter merkte nichts davon, er aber kündigte die Wohnung, verabschiedete sich und ging.

Was sollte ich da tun? Ich dachte lange nach, grämte mich, und faßte mir schließlich ein Herz. Am Abend vor seiner Abreise machte ich, sobald Großmutter eingeschlafen war, den entscheidenden Schritt. Ich band einige Kleider und etwas Wäsche zusammen und ging mit diesem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig zu unserm Zimmerherrn hinauf. Ich glaubte, es dauerte eine ganze Stunde, bis ich die Treppe hinaufgestiegen war. Als ich die Türe zu seinem Zimmer öffnete und er mich sah, schrie er förmlich auf. Er glaubte wohl, ich sei ein Gespenst; dann brachte er mir schnell ein Glas Wasser, denn ich hielt mich kaum auf den Beinen. Mein Herz klopfte so stark, daß mir davon der Kopf weh tat, und meine Gedanken waren ganz wirr. Und als ich zu mir kam, legte ich mein Bündel aufs Bett, setzte mich daneben, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann bitterlich zu weinen. Er hatte wohl alles augenblicklich begriffen! er stand neben mir so bleich und sah mich so traurig an, daß mir das Herz weh tat.

›Hören Sie, Nastenka!‹ begann er: ›ich kann nichts unternehmen, ich bin arm und habe nichts, nicht einmal eine anständige Anstellung. Wie würden wir leben, wenn ich Sie heiratete?‹

Wir sprachen noch lange hin und her, schließlich wurde ich ganz rasend und sagte ihm, daß ich bei Großmutter nicht länger bleiben könne, daß ich von ihr weglaufen würde, daß ich nicht wolle, noch länger an sie mit einer Nadel angesteckt zu sein, und daß ich, ob er will oder nicht, mit ihm nach Moskau gehen würde. Scham und Liebe und Stolz – alles sprach aus mir zugleich. Schließlich fiel ich, wie in Krämpfen, auf das Bett nieder. So sehr fürchtete ich, abgewiesen zu werden!

Er saß einige Minuten schweigend da, erhob sich dann von seinem Platz, ging auf mich zu und nahm mich bei der Hand.

›Hören Sie, meine gute, liebe Nastenka!‹ begann er, gleich mir gegen Tränen kämpfend. ›Hören Sie mich an! Ich schwöre Ihnen: wenn ich einmal in der Lage sein werde, zu heiraten, so werden nur Sie und keine andere mein Glück ausmachen! Hören Sie: ich fahre jetzt nach Moskau und bleibe dort genau ein Jahr. Ich hoffe mir dort eine Lebensstellung zu schaffen. Wenn ich zurückkehre und Sie mich dann noch liebhaben, so werden wir zusammen glücklich werden; das schwöre ich Ihnen! Doch jetzt ist das ganz unmöglich, ich kann und darf Ihnen nichts versprechen. Doch ich sage es noch einmal: wenn nicht in einem Jahr, irgendeinmal wird uns das Glück doch noch blühen; selbstverständlich nur dann, wenn Sie mir nicht inzwischen einen andern vorgezogen haben würden; denn ich darf nicht und wage nicht, Sie mit einem Wort zu binden.‹

Das alles sagte er mir und reiste am nächsten Morgen ab. Wir hatten noch gemeinsam beschlossen, Großmutter kein Wort davon zu sagen. Er wollte es so. Nun ist meine Geschichte beinahe zu Ende. Das Jahr ist fast abgelaufen. Er ist zurückgekehrt und seit drei Tagen hier ... Und ...«

»Und was?« schrie ich beinahe laut auf, neugierig, das Ende zu erfahren.

»Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!« brachte Nastenka mit großer Mühe hervor: »Hat nichts von sich hören lassen ...«

Sie hielt eine Weile inne, senkte den Kopf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann so bitter zu schluchzen, daß sich mein Herz zusammenkrampfte.

Ein solches Ende hatte ich wirklich nicht erwartet.

»Nastenka!« begann ich mit leiser, einschmeichelnder Stimme: »Nastenka, um Gottes willen, weinen Sie doch nicht! Woher wissen Sie es? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...«

»Er ist hier! Er ist hier!« fiel mir Nastenka erregt ins Wort: »Er ist hier, ich weiß es! Wir hatten es noch damals, am Abend vor seiner Abreise abgemacht. Als wir uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen eben wiedererzählte, kamen wir her, an diese Stelle. Es war zehn Uhr abends; wir saßen hier auf dieser Bank; ich weinte nicht mehr, es war mir so süß, seinen Worten zuzuhören ... Er sagte, daß er gleich nach seiner Rückkehr zu uns kommen wollte, und wir dann alles der Großmutter erzählen würden, wenn ich mich nur bis dahin von ihm nicht lossagte. Nun ist er zurückgekehrt, ich weiß es ganz bestimmt, und ließ sich bei uns noch immer nicht sehen!«

Und sie brach von neuem in Tränen aus.

»Mein Gott! Kann ich Ihnen denn gar nicht helfen?« rief ich ganz verzweifelt und sprang von der Bank auf. »Sagen Sie, Nastenka: geht es nicht, daß ich ihn aufsuche und mit ihm spreche?«

»Geht denn das?« fragte sie, plötzlich aufhorchend.

»Nein, natürlich geht das nicht!« antwortete ich nach rascher Überlegung. »Aber etwas anderes: schreiben Sie ihm doch einen Brief!«

»Nein, das ist unmöglich, ganz unmöglich!« erwiderte sie sehr entschieden. Sie ließ schon wieder den Kopf sinken und sah mich nicht an.

»Warum unmöglich? Warum ginge das nicht?« fuhr ich fort, krampfhaft an meiner Idee festhaltend. »Wissen Sie, Nastenka, was für einen Brief ich meine? Es gibt Briefe und Briefe ... Ach, Nastenka, das wäre wirklich das Beste! Vertrauen Sie sich mir nur an! Ich will Ihnen doch keinen schlechten Rat geben! Das läßt sich wirklich machen! Sie haben ja den ersten Schritt getan, und jetzt auf einmal ...«

»Es geht nicht! Es geht nicht! Es würde so aussehen, als ob ich mich ihm aufdrängte ...«

»Meine gute Nastenka!« unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen. »Es würde gar nicht so aussehen! Denn schließlich sind Sie im Recht, wenn er Ihnen das Versprechen gegeben hat. Ich sehe ja auch aus allem, was Sie mir erzählten, daß er ein durchaus anständiger Mensch ist und sich Ihnen gegenüber durchaus ehrenhaft benommen hat.« Ich war von der Logik meiner eigenen Gründe und Beweise schon ganz hingerissen. »Was hat er getan? Er hat sich durch ein Versprechen gebunden. Er hat doch gesagt, daß er keine andere als Sie nehmen werde, wenn er überhaupt einmal heiratete. Ihnen hat er aber volle Freiheit gelassen, so daß Sie sich von ihm jeden Augenblick lossagen konnten ... In diesem Falle dürfen Sie wohl den ersten Schritt tun; Sie sind im Recht und haben den Vorteil, daß Sie ihm, zum Beispiel, sein Wort, mit dem er sich selbst gebunden, zurückgeben können ...«

»Sagen Sie, wie würden Sie schreiben?«

»Was schreiben?«

»Nun, den Brief.«

»Ich würde so schreiben: ›Sehr geehrter Herr‹ ...«

»Muß man mit dieser Anrede anfangen?«

»Unbedingt! Übrigens ... Ich glaube ...«

»Nun gut! Weiter!«

»›Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, wenn ich ...‹ Nein, Sie haben sich gar nicht zu entschuldigen! Die Tatsache selbst entschuldigt Sie. Schreiben Sie einfach so: ›Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine Ungeduld; doch ich lebte ein ganzes Jahr in Hoffnung und war glücklich. Bin ich schuld, daß ich jetzt keinen Tag des Zweifels ertragen kann? Nun sind Sie zurückgekehrt, haben aber vielleicht Ihre Absichten geändert. In diesem Falle soll mein Brief Ihnen sagen, daß ich nicht klage und Ihnen nichts vorwerfe. Ich kann Sie doch nicht dafür verantwortlich machen, daß ich keine Gewalt mehr über Ihr Herz habe; so ist schon einmal mein Schicksal!

Sie sind ein edler Mensch. Sie werden über meine ungeduldigen Zeilen weder lächeln noch sich ärgern. Vergessen Sie nicht, daß es nur ein armes Mädchen ist, das Ihnen schreibt, daß es ganz einsam ist und niemanden hat, den es um Rat und Beistand bitten könnte, und daß es niemals fähig war, ihr eigenes Herz zu beherrschen. Doch verzeihen Sie, wenn ich in mir auch nur für einen Augenblick Zweifel aufkommen ließ. Sie sind nicht einmal in Gedanken fähig, die zu beleidigen, die Sie so liebte und noch jetzt liebt.‹«

»Ja, ja! So habe ich es mir auch gedacht!« rief Nastenka, und Freude leuchtete aus ihren Augen. »Ja, Sie haben alle meine Zweifel gelöst, Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen, ich danke!«

»Wofür? Dafür, daß mich Gott gesandt hat?« fragte ich, ihr freudestrahlendes Gesichtchen mit Entzücken betrachtend.

»Ja, meinetwegen dafür!«

»Ach Nastenka! Wir sind ja wirklich einem Menschen manchmal nur dafür dankbar, daß er in unserer Nähe lebt. Auch ich bin Ihnen dankbar dafür, daß wir uns begegnet sind, dafür, daß ich nun mein Leben lang an Sie denken werde!«

»Nun genug! Ich muß Ihnen noch etwas sagen: Wir haben damals ausgemacht, daß er gleich nach seiner Rückkehr mir Nachricht gibt, und zwar durch einen Brief, den er bei meinen Bekannten, guten und einfachen Leuten, die von der ganzen Sache nichts wissen, für mich abgibt; und wenn es ihm unmöglich sein sollte, mir einen Brief zu schreiben, weil man in einem Briefe doch nicht alles aussprechen kann, so wollte er gleich am Tage seiner Ankunft um punkt zehn Uhr abends hierher kommen, wo wir uns also treffen würden. Daß er zurückgekehrt ist, weiß ich bestimmt; und nun sind schon drei Tage vergangen, und er hat mir weder einen Brief geschickt, noch ist er selbst hergekommen. Am Vormittag kann ich unmöglich von Großmutter abkommen. Darum bitte ich Sie, Sie möchten selbst den Brief morgen zu den guten Leuten bringen, von denen ich eben sprach und die ihn dann weitergeben werden. Und wenn eine Antwort darauf kommt, so möchten Sie sie morgen abends um zehn Uhr hierher bringen.«

»Aber der Brief selbst! Der muß ja erst noch geschrieben werden! Die Antwort kann also doch frühestens übermorgen kommen!«

»Ja, der Brief ...« versetzte Nastenka etwas verlegen. »Der Brief ... aber ...«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Sie wandte ihr Gesichtchen etwas weg, wurde rot wie eine Rose, und plötzlich fühlte ich in meiner Hand einen Brief, den sie wohl schon längst geschrieben und versiegelt hatte. Eine alte, liebe, anmutige Erinnerung ging mir durch den Kopf!

»R, o – Ro, s, i – si, n, a – na!« begann ich.

»Rosina!« sangen wir beide: ich, sie vor Entzücken beinahe umarmend, sie – noch mehr errötend und durch Tränen, die wie Perlen an ihren dunklen Wimpern glänzten, lachend.

»Nun ist's genug, genug! Leben Sie wohl!« sagte sie hastig. »Sie haben also den Brief und die Adresse, wo Sie ihn abgeben sollen. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen morgen!«

Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir zu und lief wie ein Pfeil in ihre Seitengasse. Ich blieb noch lange stehen und begleitete sie mit den Blicken.

»Also morgen! Morgen!« sagte ich mir, als sie meinen Blicken entschwunden war.