2. Dialektik


Die philosophische Grundwissenschaft ist für ihn seine Wissenschafts- oder Erkenntnislehre. Er belegt sie mit dem platonischen Namen der Dialektik, weil sie in gemeinsamer Untersuchung mit dem Leser oder Hörer das Denken seinem Ideal annähern soll. Sie will die Prinzipien nicht des Systems, sondern der Kunst des Philosophierens finden. Ausgangspunkt und Ziel ist freilich auch für ihn die von den philosophischen Romantikern verkündete Identität von Denken und Sein. Diese kann aber von uns nie völlig erreicht werden; vielmehr überwiegt in unserem Wissen stets entweder der reale Faktor (die Natur) oder der ideale (der Geist), im Menschen selbst als Gegensatz zwischen organischer und intellektueller Funktion (Wahrnehmung und Denken) wiederkehrend. Das Wissen vom realen Faktor ist die Physik, die je nach ihrer empirisch- wahrnehmenden oder theoretisch-begrifflichen Bearbeitung in Naturgeschichte oder Naturwissenschaft, das vom idealen die Ethik, die nach demselben Gesichtspunkt in Geschichte oder Ethik im engeren Sinne zerfällt. Durch die organische Funktion wird uns der Stoff, durch die intellektuelle die Form des Wissens gegeben; die Formen unseres Erkennens (z.B. Raum, Zeit, Kausalität) sind jedoch zugleich auch die Formen des Seins. Wahrheitsmaßstab unseres Wissens ist seine Übereinstimmung a) mit dem Gedachten (dem Sein, der Wirklichkeit), b) mit dem Denken der übrigen Denkfähigen. Als Methode desselben sind Empirismus und spekulative Konstruktion (Formalismus) an sich gleich einseitig, sie müssen miteinander verbunden werden.

Gott, der Ausgangspunkt alles Wissens, und die Welt, der Endpunkt desselben, sind die einzigen Ideen, die sich nicht in reales Wissen umsetzen lassen; keine von beiden ist ohne die andere. Die »Dialektik« zerfällt in einen »transzendentalen« Teil, der das Wissen an sich, und einen »formalen« oder »technischen«, der es in seinem Werden betrachtet. Die Formen des ersteren sind der Begriff, dem auf dem Gebiet des Seins Kraft und Erscheinung entsprechen, und das Urteil, bezw. die Wechselwirkung der Dinge; die des Werdens die Induktion und Deduktion, die stets zueinander gehören. Die Gewißheit der Übereinstimmung von Denken und Sein wird uns durch die Tatsache unseres eigenen Selbstbewußtseins verbürgt.

Von den oben genannten vier Wissenschaften hat Schleiermacher selbst nur die Ethik bearbeitet.


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