§ 59. Beneke.


Eduard Beneke, 1798 zu Berlin geboren, anfangs unter dem Einflusse von Schleiermacher, Fries, Jacobi und den gleichzeitigen Engländern, dann unter demjenigen Herbarts stehend, war jedenfalls von Anfang an ein Gegner der absoluten Philosophie. Bald nach seiner Habilitierung in Berlin wurde ihm 1822, wahrscheinlich auf Hegels Antrieb, durch den Minister von Altenstein die Lehrerlaubnis entzogen, auch eine Professur in Leipzig vereitelt, sodass er 1824 - 27 nach Göttingen ging. 1832, nach Hegels Tode, erhielt er zwar eine außerordentliche Professur in Berlin, wurde aber trotz seiner fruchtbaren Lehr- und Schriftstellertätigkeit nicht weiter befördert und fand 1854 durch Ertrinken seinen Tod.

1. Beneke hält mit Herbart die Psychologie für die philosophische Grundwissenschaft, will sie aber nicht gleich diesem auf »Erfahrung, Mathematik und Physik«, sondern auf innere Erfahrung allein gründen, die er mit derselben naturwissenschaftlichen Methode (Induktion, Hypothese usw.) behandelt wissen will, mit der die Physik die äußere Erfahrung bearbeitet. Daher die Titel seiner wichtigsten Schriften: Erfahrungsseelenlehre (1820), Grundlegung zur Physik der Sitten (1822, die ihm jene Entziehung der venia docendi eintrug), Lehrbuch der Psychologie als Naturwissenschaft (1833, 4. Aufl. 1877), Psychologische Skizzen (Göttingen 1825 - 1827). In seinen letzten Jahren gab er ein Archiv für die pragmatische Psychologie heraus. In seiner »Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft« : Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit (1832) führt Beneke aus, dass Kants Verdienst in der Beschränkung der Erkenntnis auf das Erfahrungsgebiet und dem Appell an das sittliche Bewußtsein bestanden habe; durch den damit verbundenen Apriorismus jedoch habe er die nach ihm hereingebrochene scholastische Spekulation über das Absolute mitverschuldet, sodass Franzosen und Engländer uns in der Philosophie überflügelt hätten.

Das einzige, was uns nach Beneke sicher und unmittelbar gegeben ist, ist unser Selbstbewußtsein, unsere innere Erfahrung. Die angeborenen Begriffe wie die alten Seelenvermögen sind in gleicher Weise zu verwerfen. Aufgabe der Psychologie ist es vielmehr (wie bei Herbart), die verwickelteren Bewußtseinserscheinungen auf ihre einfachsten und ursprünglichsten Elemente (Grundprozesse) zurückzuführen. Als solche nimmt er im Unterschied von Herbart eine Anzahl »Urkräfte« oder »Urvermögen« der nicht als Einheit existierenden Seele an, die der von außen an sie herantretenden Reize harren und sie sich aneignen, sodass fortwährend neue Urvermögen heranwachsen (wie bei den Pflanzen). Die beweglichen Elemente der so entstandenen Seelengebilde verbinden sich miteinander, während andere unbewußt in der Seele als »Spur« oder »Angelegtheit« zurückbleiben, um bei gegebener Gelegenheit reproduziert zu werden. Von der Seele des Tieres ist die des Menschen (man denke an die unentwickelte Kindesseele!) bloß gradweise verschieden, nur ihr Bewußtsein klarer und umfassender. Sie ist an keiner Stelle des Körpers fixiert.

Auf dieser Psychologie, als der Lehre von der Entwicklung oder dem Geschehen des Denkens (denn auch für Beneke sind die Vorstellungen das Ursprüngliche, von denen alle anderen psychischen Vorgänge sich ableiten lassen), baut Beneke die Logik als »Kunstlehre des Denkens« (1832) auf, die uns teils größere Klarheit der Vorstellungen durch ihre Analyse, teils neue Denkinhalte durch Synthese gewinnen läßt.

2. Die Moral oder, wie Beneke sagt, das Natürliche System der praktischen Philosophie (3 Bde. 1837 - 40), das er für sein gelungenstes Werk hielt, entspringt aus unserer Wertschätzung der Gefühle oder »Stimmungsgebilde« je nach den Steigerungen und Herabstimmungen, die sie in uns oder anderen bewirken; denn auch die Gefühle der anderen empfinden wir mit, indem wir sie in uns »nachbilden« So entwickelt sich aus der ursprünglich rein subjektiven allmählich eine objektive, allgemeingültige, der »Forderung der Vernunft« entsprechende Wertschätzung, die sich in der gleichen Abstufung der Güter und Übel jedem einigermaßen gebildeten und unverdorbenen Menschen kundgibt. Aus den sittlichen Gefühlen entstehen nacheinander sittliche Begriffe und Urteile, erst ganz zuletzt das Sittengesetz, »eine sehr hohe Abstraktion« Die eudämonistische Lehre des englischen Utilitaristen Bentham (s. § 64), dessen Hauptwerk Beneke 1830 mit Anmerkungen herausgab, hat er bedeutend vertieft, indem er überall vom Äußeren auf das Innere zurückging. Der gemeinsame Grundbegriff des Nützlichen und des Moralischen ist der der Güter oder Werte.

In Sachen der Religion äußerte sich Beneke ähnlich zurückhaltend wie Herbart. Die Unsterblichkeit der Seele ist möglich, da mit dem Verlöschen des Zusammenhangs mit der Außenwelt im Tode das »innere« Seelensein nicht aufzuhören braucht. Zur Annahme eines Urwesens und Weltenlenkers, der sich begrifflich nicht beweisen läßt (vgl. Kant), treibt uns der fragmentarische Charakter der gegebenen Welt, das Bedürfnis nach einheitlichem Welterkennen und die Sehnsucht nach dem Guten. Aber sie ist Sache des Glaubens und des Herzens, nicht des wissenschaftlichen Erkennens.

3. Wie Herbart, hat auch Beneke auf seine Psychologie eine Erziehungs- und Unterrichtslehre (2 Bde. 1835/36) begründet, die viele Anhänger gefunden hat. Von diesen Anhängern auf pädagogischem Gebiete sind die bedeutendsten: Dreßler (Vater und Sohn) und F. Dittes (1829 bis 1896), die übrigens auch seine Psychologie vertreten und weitergebildet haben. Von Philosophen sind namentlich Fortlage in Jena (1806 - 1881) und der bekannte Philosophiehistoriker Friedrich Ueberweg (1826 - 71, geb. bei Solingen, gest. in Königsberg) durch ihn beeinflußt worden. Letzterer geriet jedoch später, wie der ihm befreundete F. A. Lange in seiner Gesch. des Materialismus (4. Aufl., S. 798 - 812) nachgewiesen hat, auf einen immer mehr materialistischen Standpunkt, der allerdings in seinen Schriften über Plato, über Schiller als Philosoph, und in seinen vielgebrauchten Lehrbüchern der Geschichte der Philosophie und der Logik (System der Logik 1857, 5. Aufl. hrsg. von J. B. Meyer 1882) nicht zum Ausdruck kam.

 

Literatur: Über ihn vgl. O. Gramzow, F. E. Benekes Leben und Philosophie, Bern 1899.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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