Rührend

Rührend. (Schöne Künste) Eigentlich wird alles, was leidenschaftliche Empfindung erweckt, rührend genannt und in diesem allgemeinen Sinne wird das Wort in dem folgenden Artikel genommen; hier aber halten wir uns bei der besonderen Bedeutung desselben auf, nach welcher es bloß von dem genommen wird, was sanft eindringende und stillere Leidenschaften, Zärtlichkeit, stille Traurigkeit, sanfte Freude u. d. gl. erweckt. Denn in diesem Sinne wird es genommen, wenn man von Gedichten, von Auftritten, von Geschichten sagt, sie seien rührend.

 Diese Art des Leidenschaftlichen ist in den schönen Künsten von dem allgemeinsten und ausgedehntesten Gebrauche. Der Künstler, der bloß zu gefallen sucht, erreicht seinen Endzweck am sichersten, durch einen rührenden Stoff; weil kein anderer so durchgehenden und allgemeinen Beifall gewinnt. Jeder Stand, jedes Alter und bald jeder Charakter der Menschen findet in zärtlichen und sanften Leidenschaften eine Wollust; und für einen Menschen, der vorzüglich das Große, das sehr Pathetische, liebt, findet man zwanzig, denen das Rührende mehr gefällt. Es ist nur wenigen Menschen gegeben an Wahrheit, Vollkommenheit und Größe, Nahrung für den Geist oder für das Herz zu finden; fast alle finden sie in dem Rührenden. Man wird in dem dramatischen Schauspiel allezeit wahrnehmen, dass rührende Szenen alle Logen und alle Bänke in Bewegung setzen, da bei viel anderen Szenen von großer Schönheit, ein Teil der Zuhörer ziemlich kalt und ruhig bleibt. Neben dem Vorteil des allgemeinsten Beifalles, hat es noch den, dass es am leichtesten zu erreichen ist; in dem nicht selten auch mittelmäßige Künstler darin glücklich sind.

  Wie aber die angenehmsten Speisen weder die gesundesten noch die nahrhaftesten sind, so ist auch das Rührende deswegen, weil es am meisten gefällt, nicht eben die schätzbareste Art des Stoffs zu Werken der schönen Kunst. Man kann überhaupt darauf anwenden, was wir im Artikel Mitleiden über den traurigen Stoff gesagt haben. Dem Menschen dessen Herz den sanftern Leidenschaften verschlossen ist, fehlt in der Tat sowohl zum Genuß des Lebens als zur nützlichen Wirksamkeit, etwas Wesentliches; er ist der süßesten Wollust beraubt; zu mancher wichtigen Pflicht, mangelt es ihm an Beweggrund und bei mancher Gelegenheit versäumet er aus Mangel des Antriebes, Gutes zu tun. Aber der, den nichts angreift als was sanft rührt, kann leicht in einen weichlichen Wollüstling, in einen schwachen zu jeder wichtigen Tat unfähigen Menschen ausarten. Diese Betrachtungen sind für den Künstler, der um die beste Anwendung seiner Talente besorgt ist, von Wichtigkeit. Vorzüglich sind sie den dramatischen Dichtern und Ro manenschreibern zu empfehlen, weil ihre Werke sich am weitesten in das Publikum verbreiten. Es ist leichter die Menschen zu verzärteln als ihnen überlegende Vernunft, Stärke des Geistes und Herzens, Standhaftigkeit und Größe einzuflößen. Darum ist es nicht gut, wenn der Geschmack am Rührenden so die Oberhand gewinnt, dass er beinahe ein ausschließendes Recht auf die Schaubühne und auf die Romane bekommt. Man tut wohl, wenn man auch hierin die Alten zum Muster nimmt, bei denen das Rührende nie herrschend worden und sich weder der Schaubühne, noch der lyrischen Poesie, noch, so viel wir davon wissen können, der Musik mit vorzüglichem Anspruch bemächtigt hat.

 Das Rührende ist aber nicht von einerlei Art; es kann sich bis zum hohen Pathetischen erheben oder auch bloß bei dem gemeinen zärtlichen stehen bleiben: in jenes mischet sich immer etwas von Bewunderung; dieses erhebt sich nicht über die Schranken der gemeinen Empfindung. Eine ungewöhnliche Großmut, eine völlige Gelassenheit oder Gedult bei schwerem Leiden, ein unverdientes Unglück, das Personen befällt, für die wir große Hochachtung haben; ein unerwartetes Glück das Träurigkeit in Freude, Elend in Glückselig keit verwandelt, alle dergleichen Fälle steigen ins hohe Rührende und oft ins Erhabene. Hingegen bleiben die gewöhnlichere Fälle sanf ter Freud und Traurigkeit, einer durch Hindernisse gekränkten oder durch neue Hoffnungen gereizten Zärtlichkeit, bei dem gemeinen Rührenden stehen.

 Sophokles und Euripides sind reich an dem Rührenden der höheren Art, das sich zur tragischen Bühne sehr schickt, für die das gemeinere Rührende zu schwach ist. Es steht besser in der Komödie und in Hirtenliedern, wiewohl auch darin unser Geßner es oft bis zum höheren Rührenden hebt. Auch schickt es sich ganz vorzüglich zur Elegie und zum Liede. Sappho ist bis zum Schmelzen rührend. Unter den Neueren sind Petrarcha und Racine vorzüglich als rührende Dichter bekannt; Shakespear aber übertrifft in dem hohen Rührenden und Klopstock in dem höchsten Grad des Zärtlichen, alle Dichter alter und neuer Zeit.

 


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