Ripienstimmen

Ripienstimmen. (Musik) Vom italienischen Worte Ripieno, welches in Tonstücken bisweilen an den Stellen geschrieben wird, wo die begleitenden Stimmen, die eine Zeitlang pausiert hatten, zum ausfüllen wieder eintreten sollen. Man nennt also in einem Tonstück, das nur eine einzige Hauptstimme, einen Hauptgesang hat, alle übrigen Stimmen, Ripienstimmen. Sie sind da, um die Wirkung der Hauptstimme entweder durch harmonischen oder durch melodischen Ausdruck zu unterstützen und den Gesang oder die Hauptstimme zu heben. Daher fließen natürlicher Weise folgende Regeln, die der Tonsetzer in Absicht auf diese Stimmen zu beobachten hat.

 Wo der Hauptgesang vorzüglich deutlich ist und den wahren Ausdruck hinlänglich hat, müssen die Ripienstimmen die bloße Harmonie, so wie der Generalbass, aber jeden Akkord in seiner besten Lage gegen dem Hauptgesang hören lassen.1 Aber die Harmonie muss nicht zu vielstimmig und gleichsam vollgestopft sein, weil der Gesang dadurch verdunkelt wird.

 Die erste Violin muss den Hauptgesang eben nicht im Einklang oder in der Oktave mitspielen; geschieht es aber Terzen und Sextenweis, so bekommt der Gesang oft große Annehmlichkeit, wie aus viel Arien von Graun und Hasse zu sehen.

Vornehmlich muss darauf gesehen werden, dass diese Stimmen durch ihren melodischen Gang die Empfindungen der singenden Person schildern und den Ausdruck der Hauptmelodie bald in geschwinden sechszehntel, bald in punktirten, bald in geschleiften oder gestossenen Noten u. d. gl. nach dem der Ausdruck es erfordert, unterstützen. Aber dieses muss auf eine Art geschehen, dass keine Ripienstimme die Aufmerksamkeit besonders auf sich ziehe, wodurch ein zweifacher Gesang entstünde. Darum muss jede höchst einfach sein und die leichtesten natürlichsten Fortschreitungen haben. Nur in den besonderen Stellen, wo der Affekt eine außerordentliche Bestrebung erfordert, können sie auf eine kurze Zeit neben dem Hauptgesang gleichsam konzertierend mitarbeiten.

 Wo die Empfindung einförmig fortgeht, da können an den Stellen, wo die Hauptstimme eine kurze Zeit pausiert oder wo sie sehr einförmig, aber in kräftig ausgedrückten Tönen fortschreitet; ingleichem bei den Clauseln der Einschnitte, die Ripienstimmen kurze, dem Ausdruck gemäße Sätze aus dem Ritornel oder der Singestimme wiederholen oder nachahmen; wenn es nur so geschieht, dass die Singestimme dadurch nicht verdunkelt wird. Dieses haben Graun und Hasse in ihren Arien gar oft mit großem Vorteil beobachtet und dadurch die wahre Einheit und Übereinstimmung im Ganzen erhalten. Aber sehr ungereimt ist es bei solchen Stellen den Ripienstimmen, bloß rau schende, nichtsbedeutende oder gar dem Hauptausdruck zuwiederlaufende melodische Sätze zu geben. Dadurch wird die Einheit der Empfindung aufgehoben, man hört alle Augenblicke etwas anderes und weiß am Ende des Stücks gar nicht, was man gehört hat. Dies ist der Fall darin man sich nur zu oft befindet, wenn Tonsetzer ohne Geschmack, die Kenntnis der harmonischen Behandlung für hinlänglich halten, eine gute Arie zu machen. Aus zusammengestoppelten Gedanken, deren jeder etwas anderes ausdrückt und die ohne Überlegung bald in der Hauptstimme, bald in den Ripienstimmen erscheinen, kann kein Gesang entstehen, der die verständliche Sprache einer Leidenschaft schildere, sondern bloßes Geräusch.

 Höchst ungereimt ist der jetzt ziemlich überhandnehmende elende Geschmack, den man vornehmlich in den neueren französischen Operetten antrifft, da man eine Schönheit darin sucht, dass die Ripienstimmen recht viel zu arbeiten haben und auch so wiedersinnig arbeiten, dass die Hauptstimme dabei, wie eine kahle Mittelstimme klingt. Durch ein solches verworrenes Geräusche suchen sich die Tonsetzer zu helfen, denen die Natur die Gabe eines schönen Gesangs versagt hat. Man sollte denken, sie haben die Ripienstimmen zuerst gesetzt und danach die Hauptstimme als eine Ausfüllung hineingezwungen.

Auch zum Vortrag der Ripienstimmen, gehört viel Geschmack und Kenntnis der Harmonie und des Satzes überhaupt und es ist gewiss, wie paradox es manchem vorkommen möchte, dass es leichter ist, ein guter Solospieler als ein guter Ripieniste zu sein. Doch ist hiervon schon anderswo gesprochen worden.2

 

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1 S. Mittelstimmen.

2 S. Begleitung.

 


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