Reinlichkeit

Reinheit. (Schöne Künste) Kann auch durch Nettigkeit ausgedruckt werden und ist eigentlich die Vollkommenheit in Kleinigkeiten. Es kann eine Sache überhaupt betrachtet, vollkommen sein, in einzeln kleinen Teilen aber, ohne Genauigkeit. Dann fehlt dem Werk die Reinlichkeit. Eine Mauer an einem Gebäude muss glatt sein; dieses gehört zu ihrer Vollkommenheit: und so kann sie auch scheinen, wenn man sie obenhin, im ganzen oder etwas von weitem ansieht, ob sie gleich, in einzeln Stellen betrachtet, kleine Unebenheiten hat. Wenn aber diese nicht da sind; wenn die Mauer vollkommen glatt ist, so nennt man diese Vollkommenheit Reinheit.

 Wenn in der Baukunst, alles, was glatt sein soll, vollkommen glatt, was geformt oder geschnitzt sein soll, vollkommen scharf, kurz wenn gar alles genau nach den schärfesten geraden oder krummen Linien ist, so ist der Bau reinlich. In der Musik ist die Ausführung reinlich, wenn jeder einzelne Ton bis auf die geringste Kleinigkeit seine vollkommene Höhe, seinen vollkommenen Klang, seine vollkommene Dauer u.s.w. hat. In Versen oder überhaupt in der Rede, besteht die Reinheit darin, dass auch nicht die geringste Kleinigkeit zum genauesten Ausdruck und zum besten Wohlklange, versäumt werde.

 Das Gegenteil der Reinlichkeit ist das Vernachlässigte, das Gepfuschte.

 Je mehr ein Werk der genauen Zergliederung und der nahen Betrachtung unterworfen ist, je notwendiger wird ihm die Reinheit . Eine Statue, die weit aus dem Gesichte kommt, braucht keine Reinheit . Ein Werk, das vornehmlich durch große Hauptteile rühren soll, hat sie weniger nötig als ein kleines niedliches Werk.

 Die Reinheit welche eigentlich an den Werken bildender Künste als eine zur Vollkommenheit nötige Eigenschaft verlangt wird, kann auch in anderen Werken statt haben. Sie kommt jedem kleinen Werk des Geschmacks zu und dem gesunden Urteil des Künstlers muss überlassen werden, wie weit sie zu treiben sei. Ein Augenblick von Überlegung wird ihm zeigen, dass je mehr ein Werk sich von der Größe, die nur im Ganzen zu wirken hat, entfernt, je nötiger ihm die Reinheit werde. Je kleiner der Gegenstand ist, den man bearbeitet, je mehr ist die Reinheit notwendig. Der Mangel derselben wäre am Anakreon, ein wesentlicher Fehler, am Pindar weit geringer und am Tyrtäus unmerklich. Und so verhält es sich auch in anderen Künsten. Raphael, die Carrache, Rubens, hatten die Reinheit nicht nötig, wodurch die kleinen Werke eines Mieris, Gerhard Dow und andrer holländischer Meister den Liebhabern so schätzbar sind. In der Musik darf man ein großes Con cert nicht mit aller Reinheit vortragen, die ein Lied oder ein Tanz erfordert.

 


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