Numerus

Numerus. (Beredsamkeit) Weil dieses Wort schon vielfältig von deutschen Kunstrichtern gebraucht worden und wir kein anderes gleichbedeutendes haben, so wollen wir es beibehalten, um einen gewissen Wohlklang der ungebundenen Rede damit auszudrücken, den Cicero und Quintilian mit diesem Worte benennt haben. Es ist schwer einen ganz bestimmten Begriff davon zu geben. Überhaupt versteht man dadurch den Wohlklang einzelner Sätze und ganzer Perioden der ungebundenen Rede. Zwar schreibt man auch der gebundenen Rede einen Numerus zu und unterscheidet beide durch die Beiwörter oratorius und poeticus; aber es scheint, dass unsere Kunstrichter den poetischen Numerus zu dem rechnen, was sie unter dem Worte Wohlklang verstehen und hingegen den Wohlklang der ungebundenen Rede durch das Wort Numerus ausdrücken. Wie dem sei, so ist das Wort hier bloß in dieser Bedeutung zu verstehen.

 Wenn man bei der Rede keinen anderen Zweck hat als verständlich zu sein, so kommt der Wohlklang der Sätze gar nicht in Betrachtung; es ist schon genug, wenn sie fließend, wenn nichts holpriges und die Aussprach hinderndes, darin ist und wenn die Perioden nicht verworren und nicht gar zu lang sind. Cicero verbietet so gar in der ganz einfachen Schreibart, die er genus subtile nennt, den gesuchten Wohlklang.1 In der Tat ist er in dem einfachsten lehrenden und erzählenden Vortrag, in der Unterredung, in den Szenen des Drama, die den Ton der Unterredung haben müssen, nicht nur überflüssig, sondern könnte da dem natürlichen Ton, der darin vorzüglich herrschen muss, hinderlich sein. So bald aber die Absicht hinzukommt, dass der Zuhörer die Rede leicht im Gedächtnis behalten oder dass schon der bloße Klang derselben seine Aufmerksamkeit reizen oder dem Gehör angenehm sein soll; da entsteht die Notwendigkeit des Numerus. Wir wollen ihn erst in einzelnen Sätzen, danach in Perioden, zuletzt in der Folge derselben betrachten.

  Die nähere Betrachtung der verschiedenen Arten des Numerus, wird durch eine Anmerkung des Cicero erleichtert, nach welcher die Wörter als die Materie der Rede, der Numerus aber als die Form derselben anzusehen ist. In verbis inest quasi materia quædam, in numero autem expolitio. Der einfachste und kunstloseste Numerus wird demnach dieser sein, da die Worte, die nichts als das Notwendige ausdrücken, in die einfachste, jedoch leichtfließende Form, geordnet sind. Dieser Satz: Ich hab es gesagt, dass es so gehen würde, ist ein Beispiel des einfachsten Numerus. Jedes Wort darin ist notwendig und die Stellung der Worte ist so, dass der Satz leicht und mit einer gefälligen, der Sache angemessenen Hebung und Sinkung der Stimme kann ausgesprochen werden; wollte man ihn so abändern: dass es so gehen würde, das hab ich schon vorher gesagt; so würde man ihm den Numerus benehmen.

 Diese Gattung des Numerus, die einfachste von allen, macht noch nicht die Art des Vortrages aus, die Cicero numerosam orationen nennt. Ein solcher Satz ist in der Rede, was ein zum täglichen Gebrauch dienendes Instrument, z.B. ein Messer, das ohne irgend einen unwesentlichen Teil, zum Gebrauch vollkommen eingerichtet, zur größten Bequemlichkeit geformt, sehr sauber und fleißig ausgearbeitet ist. Es tut nicht nur die Dienste, die es tun soll; sondern tut sie leicht, lässt sich aufs bequemste fassen und gefällt bei seiner Einfalt durch den genauen Fleis der Ausarbeitung; es ist vollkommen, aber noch nicht schön.

  Zunächst an diesen grenzt der Numerus, der neben den erwähnten Eigenschaften noch das Gefällige hat, dass aus Gleichheit oder aus dem Gegensatz einzelner Teile, einige Annehmlichkeit bekommt. Diesen Numerus zählt Cicero auch noch unter die kunstlosen. Nam paria paribus adjuncta, et similiter definita, itemque contrariis relata contraria, sua sponte cadunt plerumque numerosa. Er führt davon folgendes Beispiel aus einer seiner eigenen Reden an. Est enim non scripta lex, sed nata, quam non didicimus, sed accepi mus u.s.w. Allgemein trifft man ihn bei alten Sprüchwörtern an – Wie gewonnen, so zerronnen und dergleichen. Dieser unterscheidet sich von dem vorhergehenden dadurch, dass er bei der höchst einfachen Form schon symmetrische Teile hat.

 Hierauf folgt der Numerus, der aus einer wolfließenden und wohlklingenden Vereinigung mehrer Sätze in eine Periode entsteht. Er ist in Absicht auf die Periode die das Ganze, wozu die einzeln Sätze als Teile gehören, ausmacht, was die Eurythmie oder das Ebenmaß in Absicht auf sichtbare Formen ist.

Cicero sagt ausdrücklich, dieser Numerus sei das, was die Griechen Rhythmus nennen. Hieraus lässt sich überhaupt begreifen, dass die numerose Periode aus mehreren kleinen Sätzen oder Einschnitten bestehe, die sowohl in der Länge als an Silbenfüßen verschieden, aber so gut mit einander verbunden sind, dass das Gehör alle zusammen als ein einziges, wohlklingendes und auch an Ton dem Charakter des Inhalts wohl angemessenes Ganzes vernehme. Kein Glied muss so abgelößt sein, dass das Gehör, wenn man auch den Sinn der Worte nicht verstünde, am Ende desselben befriediget sei; es muss einen kleinen Ruhepunkt fühlen, aber so, dass es notwendig die Folge noch anderer Glieder erwartet und nur am Ende der Periode wirklich anhaltende Ruh empfindet. Besteht die Periode aus viel kleineren Gliedern, so müssen diese wieder in größere Abschnitte verbunden sein, damit die ganze Periode nicht nach den einzelnen Gliedern, sondern nach den wenigen größeren Abschnitten ins Gehör falle. Anfang und Ende der Periode, müssen durch schicklichen Klang bezeichnet und die Teile nach guten Verhältnissen gegen einander gestellt werden.

 Durch diese Mittel bekommt die Periode das Ebenmaß der Form, gradeauf die Art, wie sichtbare Gegenstände durch das Verhältnis der kleineren und größeren Teile und durch die Gruppirung derselben.2 Wie aber zur Schönheit der sichtbaren Formen nicht bloß Eurythmie, sondern auch ein mit dem Innern oder dem Geist der Sache übereinstimmender Charakter erfordert wird; so muss auch die Periode dem Klange nach mit dem Sinn der Worte und der Sätze genau übereinstimmen. Zu diesem Charakter tragen der mehr oder weniger volle Laut der Wörter, die Bewegung oder das Schnelle und Langsame und das Steigen oder Fallen der Stimme, jedes das Seinige bei. Bei derselben Anzahl, Größe und demselben Verhältnis der Glieder und Einschnitte, kann die Periode sanft fließen oder schnell fortrauschen; allmählich im Ton steigen oder fallen; und überhaupt jeden sittlichen und leidenschaftlichen Ton und Charakter annehmen, der durch Klang und Bewegung kann ausgedrückt werden. Ist der Inhalt ruhig, so muss es auch der Fluß der Periode sein; ist jener zärtlich oder heftig, so ist es auch dieser.

  Dieses sind also die verschiedenen Mittel, wodurch der künstliche und volle Numerus einer Periode kann erhalten werden. Regeln, nach denen der Redner in besonderen Fällen von diesen Mittel den besten Gebrauch machen könnte, lassen sich nicht geben; sein Gefühl muss ihm das, was sich schickt, an die Hand geben. Deshalb aber war es keinesweges unnötig oder überflüssig diese Mittel, von deren gutem Gebrauch der Numerus abhängt, dem Redner deutlich vor Augen zu legen; denn wenn er sie nicht im Gesichte hat, so fällt ihm auch oft ihr Gebrauch nicht ein. Es verhält sich damit, wie mit den Werkzeugen, die zu vollkommener Verfertigung und Ausarbeitung eines Werks der mechanischen Kunst dienen. Der Arbeiter muss sie kennen und vor sich sehen, weil ihn dieses auf ihren Gebrauch führt. Wer ein Werk der mechanischen Kunst, nach allen seinen Teilen beschreibt, danach aber die zu vollkommener Verfertigung und Ausarbeitung jedes Teiles nötigen Werkzeuge kennbar macht, der hat alles getan, was er tun konnte, um den Arbeiter, der das Genie seiner Kunst besitzt, zu leiten.

 Es kann gar wohl geschehen, dass dem Redner in dem Feuer der Begeisterung, ohne dass er daran denkt, eine Periode von dem vollkommensten Numerus aus der Feder fließt; aber noch öfter wird es geschehen, dass sie unvollkommen ist und erst durch Bearbeitung ihre wahre Schönheit bekommt. Zu dieser Bearbeitung aber wird Überlegung alles dessen, was zur Vollkommenheit des Numerus dient, notwendig. Es ist nicht genug, dass man empfinde, der Periode fehle noch etwas zum Numerus; man muss bestimmt wissen, was ihr fehlt und wie es ihr zu geben ist. Man würde dem Redner einen schlechten Rat geben, wenn man ihm sagte, dass er im Feuer der Arbeit auf jede Kleinigkeit des Numerus acht haben soll; aber eben so schlecht würde es sein, ihm die Aufmerksamkeit auf diese Sachen überall abzuraten. Bei der Ausarbeitung muss er allerdings Sorgfalt und Fleis auf den Numerus wenden; weil in der ersten Zusammensetzung, da der Geist und das Herz allein mit der Materie beschäftigt sind, gewiss viel dagegen gefehlt, wenigstens viel versäumt worden, das mit einiger Aufmerksamkeit kann verbessert oder ersetzt werden.

 Was wir von dem Numerus einzelner Perioden hier anmerken, lässt sich auf die Folge derselben anwenden. Denn es gibt auch einen Numerus, ein gefälliges Ebenmaß, das aus dem Zusammenhang vieler Perioden entsteht; erst alsdenn, wenn auch dieses Ebenmaß in allen Hauptteilen der Rede, folglich zuletzt in dem Ganzen derselben beobachtet worden, ist sie das, was Cicero numerosam et aptam orationem nennt. Denn auch Herodotus, von dem alle Alten sagen, dass er den Numerus nicht gekannt habe, hat ihn doch hier und da in einzelnen Stellen getroffen. Dem Redner könnte die Einrichtung eines vollkommenen Tonstücks zum besten Beispiele einer Rede dienen, um ihr sowohl in einzeln Teilen als im Ganzen einen guten Numerus zu geben. Das ganze Tonstück besteht aus wenig Hauptteilen oder Hauptabschnitten, die in Ansehung der Länge ein gutes Verhältnis unter sich haben. Jeder Hauptteil besteht aus etlichen Abschnitten, deren einige mehr, andere weniger Takte begreifen, ebenfalls in guten Verhältnissen der Länge oder Größe; die Abschnitte bestehen aus kleinen Einschnitten, bald von zwei, bald von drei oder vier Takten. Dieses dient zum Muster des Ebenmaßes. Denn herrscht im Ganzen nur ein Hauptton, der gleich von Anfange dem Gehör wohl eingeprägt wird. Jeder Hauptteil hat wieder seinen besonderen Ton, der aber gegen den Hauptton nicht zu stark abstechen muss: in kleineren Abschnitten geht auch dieser, aber nur auf kurze Zeit, in andere Töne, davon die, welche sich vom Hauptton am meisten entfernen, nur kurz und vorübergehend vorkommen, so dass bei dieser Mannigfaltigkeit der Töne, der Hauptton doch immer herrschend bleibt. Die Hauptteile endigen sich durch vollkommene Kadenzen. Die Abschnitte mit Kadenzen, die das Gehör nicht so völlig beruhigen; die Einschnitte mit noch unvollkommneren oder weniger merklichen Kadenzen. Man hat nirgend mehr über den Numerus raffinirt als in der Musik. Darum würde dem Redner die genaue Kenntnis der besten Einrichtung eines Tonstücks, die Beobachtung desselben sehr erleichtern.

  Isokrates wird für den ersten gehalten, der seine Reden in Absicht auf den Numerus gut bearbeitet hat.3 Aber Gorgias, der älter als jener war, beobachtet auch schon einen Numerus, nämlich den einfachen und kunstlosen, von dem wir oben gesprochen haben. Cicero scheint diesen Punkt der Kunst aufs Höchste getrieben zu haben und in seinen Reden findet man die vollkommensten Beispiele davon. Viel besondere und feine Bemerkungen über diese Materie findet man auch in Ramlers Übersetzung des Batteux, die hier nicht dürfen wiederholt werden, da sich das Werk in den Händen aller Kenner und Liebhaber der Poesie und Beredsamkeit befindet.

 

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1 Sunt - quidam oratori numeri observandi, ratione aliqua; sed in alio genere orationis; in hoc (subtili genere) omnino relinquendi. In Orat.

2 Man sehe zu mehren Erläuterung die Artikel Einschnitt, Ebenmaß, Glied, Gruppe.

3 Qui Isocratem maxime mirantur hoc in ejus summis laudibus ferunt, qued verbis solutis numeros primus adjunxerit.

 


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