Neu

Neu. (Schöne Künste) Ganz bekannte Sachen, von welcher Art sie auch seien, haben wenig Kraft die Aufmerksamkeit zu reizen; man begnügt sich einen Blick darauf zu werfen, den man für hinlänglich hält, den vollständigen Begriff von der Sache zu bekommen. Es kommt beinahe auf eines heraus, einen ganz bekannten Gegenstand wirklich zu sehen oder sich seiner bloß zu erinnern. Selbst Empfindungen, deren man gewohnt ist, verlieren ungemein viel von ihrer Stärke. Was uns aber neu ist, reizt die Aufmerksamkeit; ein Blick ist nicht hinlänglich es zu erkennen; man muss notwendig bei der Sache verweilen, einen Teil nach dem anderen betrachten und der dem menschlichen Geist angeborene Trieb, Sachen, davon wir einmal etwas gesehen haben, ganz zu sehen und das Wohlgefallen Eindrücke zu fühlen, die wir noch nie oder selten gefühlt haben, erweckt bei solchen Gelegenheiten ein Bestreben der Vorstellungskraft und der Empfindung, wodurch der neue Gegenstand interessant wird.

 Noch hat das Neue ein anderes Verhältnis gegen unsere Vorstellungskraft. Bei gewöhnlichen Gegenständen mischen sich unter das Bild der Sache auf den ersten Anblick viel Nebenvorstellungen, deren wir ebenfalls gewohnt sind. Daher entsteht im Ganzen eine ungemein stark vermischte und deswegen ver worrene Vorstellung, in welcher nichts genau bestimmt ist. Das Neue kann keine oder nur wenig Nebenbegriffe erwecken; deswegen wird die Aufmerksamkeit dabei nicht zerstreuet und man ist im Stande das Bild oder den Begriff des neuen Gegenstandes sehr bestimmt zu fassen.

 Darum ist das Neue schon an sich ästhetisch, weil es die Aufmerksamkeit reizt, stärkeren und bestimmteren Eindruck macht als das Gewöhnliche derselben Art. Nur ganz fremd muss es nicht sein; weil dieses nicht leicht oder geschwinde genug kann gefasst werden. Völlig fremde Gegenstände, die wir mit keinen Bekannten derselben Art vergleichen können, reizen oft gar nicht, denn man glaubt nicht, dass man sie gehörig fassen oder erkennen werde: sie sind wie unbekannte Wörter, mit denen man keine Begriffe verbindet; sie liegen außer dem Bezirk unserer Vorstellungskraft.

  Aus dieser allgemeinen Betrachtung des Neuen kann der Künstler die Regel ziehen, dass es notwendig sei in jedem Werk des Geschmacks das Bekannte, Gewöhnliche, mit dem Neuen zu verbinden. Nicht eben darum, wie so oft gelehrt wird, damit man überrascht und in Verwunderung gesetzt werde. Wir wollen eben nicht immer überrascht sein; sondern weil dieses ein notwendiges Mittel ist, die Aufmerksamkeit zu reizen, ohne welche es nicht möglich ist, die ganze Kraft eines Werks zu fühlen.

 Das Neue liegt entweder in der Natur des Gegenstandes selbst, indem der Künstler uns einen wirklich neuen Gedanken, ein neues Bild, einen neuen Charakter u.s.w. vorstellt; oder es liegt bloß in der Art, wie eine bekannte Sache uns vorgestellt wird: der Gesichtspunkt, die Wendung, die man der Sache gibt, die Art des Ausdrucks, können neu sein. Der Künstler muss immer seinen Zweck vor Augen haben und bei jedem Schritt den er tut überlegen, ob das, was er vorstellt die Aufmerksamkeit hinlänglich reizen wird und danach muss er den Fleiß, neu zu sein, abmessen. Wenn ein bekannter Gegenstand, ein bekannter Gedanken gerade der Beste zum Zweck ist, so wäre es nicht nur umsonst, sondern schädlich ihm einen neuen vorzuziehen. Es ist oft genug, dass bekannte Sachen in einem neuen Lichte vorgestellt werden oder wo auch dieses nicht nötig ist, durch etwas Neues im Ausdruck die Kraft bekommen, die Aufmerksamkeit zu reizen. Die Begierde neu zu sein, kann leicht auf Ausschweifungen führen. Man muss bedenken, dass nicht die Überraschung durch das Neue, sondern die lebhafte Vorstellung des Nützlichen der Zweck der schönen Künste sei. Das Neue ist deswegen nur da nötig, wo das Alte nicht lebhaft oder kräftig genug ist. Selbst da, wo es auf die bloße Belustigung ankommt, ist es nicht selten angenehmer einen bekannten Ge genstand in einem ganz neuen Lichte zu sehen als einen völlig Neuen vor sich zu finden. Die unmäßige Lust zum Neuen entsteht oft bloß aus Leichtsinn. So müssen Kinder immer neue Gegenstände des Zeitvertreibes haben; weil sie nicht im Stande sind, die vorhandenen zu nützen. Wer täglich ein neues Buch zum Lesen nötig hat, der weiß nicht zu lesen und das Neue nützt ihm so wenig als das Alte. Es kommt also bei Werken des Geschmacks nicht darauf an, wie neu, sondern wie kräftig, wie eindringend ein Gegenstand sei; weil das Neue nicht der Zweck, sondern nur eines der Mittel ist.

 Man kann sehr bekannte Sachen vortragen und dennoch viel damit ausrichten, wenn sie nur mit neuer Kraft gesagt werden. Aber bekannte Dinge, auf eine gemeine und alltägliche Weise vortragen, tödet alle Wirkung und ist gerade das, was dem unmittelbaren Zweck der schönen Künste am meisten entgegen ist und dafür der Künstler sich am meisten in Acht zu nehmen hat. In diesen Fehler fallen alle blinde Nachahmer und Anhänger der Mode. Täglich sieht man, dass die wichtigsten Wahrheiten der Religion und der Moral, ohne den geringsten Eindruck wiederholt werden; weil man sie in so sehr gewöhnlichen Worten und in so sehr abgenutzten Wendungen vorträgt, dass der Zuhörer dabei gar nichts mehr denkt. Man hat es von der Metapher angemerkt, dass sie, so vortreflich sie an sich selbst ist, ihre Kraft völlig verliert, wenn sie zu geläufig worden ist; weil man sie dann nur als einen eigentlichen Ausdruck betrachtet. So geht es aber jedem Worte und jedem Gedanken: so bald man ihrer zu sehr gewohnt ist, gibt man sich die Mühe nicht mehr, die nötig ist, um etwas dabei zu denken. Man bleibt bei dem Tone stehen und gibt nicht auf das Achtung, was man dabei empfinden sollte; weil man voraussetzt, dass man es empfinde. Darum ist es schlechterdings nötig, dass in einem Werk der Kunst jeder Teil wenigstens von irgend einer Seite her, etwas Neues, die Aufmerksamkeit reizendes an sich habe.

 Ohne Zweifel entsteht aus dieser Notwendigkeit das Übel, dass die schönen Künste, wenn sie eine Zeitlang im höchsten Flor gestanden, bald danach ausarten. Es scheint, dass das Genie sich erschöpfe und dass das mit gutem Geschmack verbundene Neue, seine Schranken habe. Daher fallen denn die Nachfolger der größten Meister um neu zu sein, auf Wendungen, die zu sehr gekünstelt sind und dadurch wird der Geschmack allmählich verdorben. Man hat sich deswegen wohl in Acht zu nehmen, dass man nicht auf Abwege gerate, indem man sucht neu zu sein.

 Das Verdienst oft etwas Neues vorzustellen oder das Gewöhnliche von einer neuen Seite zu zeigen, können nur die Köpfe sich erwerben, die sich ange wöhnt haben, in allen Dingen mit eigenen Augen zu sehen, nach eigenen Grundsätzen und Empfindungen zu urteilen. Jeder Mensch hat seine Art zu sehen, aber nicht jeder getraut sich selbst zu urteilen.

Mancher sieht auf das, was bereits Beifall gefunden hat und sucht ihm so nahe zu kommen als möglich ist. Dieses ist aber nicht der Weg neu und Original zu sein. Es scheint, dass diese Furcht sich so zu zeigen, wie man ist, in Deutschland sehr viel gute Köpfe schwäche. Mancher ist weit sorgfältiger sein Werk dem vorgesetzten Muster ähnlich als nach seiner Empfindung gut zu machen.

 Ein rechter Künstler muss sich so lang im Denken, Empfinden und Beurteilen geübet haben, dass er in diesen Dingen seiner eigenen Manier folgen kann. Aber er muss auch seine Grundsätze und seine Art zu empfinden mit anderen so genau vergliechen und denn auf alle Weise auf die Probe gestellt haben, dass er sich selbst überzeugen kann, er gehe nicht auf Abwegen. Hat er dieses erhalten, so habe er den Mut seine Art zu denken ungescheut an den Tag zu legen, ohne sich ängstlich umzusehen, ob sie mit der gewöhnlichen Art anderer Menschen übereinkomme. Fühlet er selbst, dass das, was er gemacht hat, richtig und zweckmäßig ist; so bekümmere er sich weiter um nichts.

Um auch bei bekannten Gegenständen neue Gedanken zu haben, ist notwendig, dass man selbst bei täglich vorkommenden Sachen seinen Beobachtungsgeist, seinen Geschmack und seine Beurteilung eben so anstrenge als wenn sie neu wären. Allgemein fallen uns, beim Anblick gewöhnlicher Gegenstände auch Urteile bei, deren wir gewohnt sind und wir empfinden auf eine uns gewöhnliche Weise Gefallen oder Missfallen daran. Der Denker und ein solcher ist jeder wahre Künstler, bleibt dabei nicht stehen. Er prüft sein Urteil und erforscht den wahren Grund seiner Empfindung; er sucht einen neuen Gesichtspunkt, die Sache anzusehen, setzt sie in andere Verbindung und so entdeckt er gar oft eine ganz neue Art sich dieselbe vorzustellen.

 Außer diesem allgemeinen Mittel das Neue zu finden, gibt es viel besondere, die man durch aufmerksame Betrachtung der Werke guter Künstler leicht kennen lernt: für den Redner und Dichter hat Breitinger im I. Teile seiner kritischen Dichtkunst verschiedene angezeigt und mit Beispielen erläutert. Auf eine ähnliche Weise könnte man auch für andere Künste die besonderen Mittel oder Kunstgriffe neu zu sein, angeben. So findet man, dass ein Tonsetzer einem sehr gewöhnlichen melodischen Satz, durch eine etwas fremde Harmonie, einem anderen durch mehr Ausdehnung oder durch eine veränderte Kadenz das Ansehen des Neuen gibt. Der Maler kann leicht auf eine neue Art eine Geschichte behandeln, die schon tausendmal vorgestellt worden. Er wählt einen anderen Augenblick, andre Nebenumstände, stellt die Sachen einfacher oder in einem anderen Gesichtspunkt vor u.s.w. Es würde uns aber hier zu weit führen, wenn wir uns in eine umständliche Betrachtung der besonderen Mittel einlassen wollten. Nur noch eine Anmerkung wollen wir dem Künstler zu näherer Überlegung empfehlen. Er versuche von Zeit zu Zeit auch der äußerlichen Form seiner Werke, neue Wendungen zu geben. Die Schaubühne hat dadurch viel gewonnen, dass man die ehemalige französische Form desselben, von Zeit zu Zeit verlassen und einige nach englischer Art eingerichtet hat. Aber es sind noch andere Formen möglich, wodurch der komischen Schaubühne mehr Mannigfaltigkeit könnte gegeben werden. Dem Tonsetzer empfehlen wir vornehmlich das Nachdenken über neue Formen; da die gewöhnlichen in der Tat anfangen, etwas abgenutzt sein. Alle Opernarien, alle Konzerte gleichen sich so sehr, dass man immer zum voraus weiß, wo die Hauptstimme sich allein wird hören lassen, wo die anderen Stimmen eintreten, wo Läufe und Künsteleien erscheinen und wo Schlüße erfolgen werden. Man bedenkt nicht genug, dass die Formen größtenteils bloß zufällig sind. Unsere Dichtkunst hat ungemein viel gewonnen, seitdem zuerst Pyra und Lange, danach Rammler und vornehmlich Klopstock neue Formen und neue Versarten eingeführt haben.

Darum übertreffen wir auch gegenwärtig in diesem besonderen Fache der Dichtkunst alle neueren Nationen und es ist zu wünschen, dass bald fähige Köpfe ähnliche Neuerungen mit eben dem glücklichen Ausgang in anderen Dichtungsarten versuchen.

 


 © textlog.de 2004 • 23.04.2019 10:45:04 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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