Glaube

Glaube (lat. fides) ist die auf subjektiv zureichende Gründe gestützte Überzeugung; der Glaube steht also zwischen Meinen und Wissen; während jenes eine zufällige, unmaßgebliche Ansicht, dieses eine subjektiv und objektiv begründete Erkenntnis ist, gewährt der Glaube nur eine rein persönliche Gewißheit, welche sich entweder auf Autoritäten (Eltern, Lehrer, Überlieferung, Schriften), oder auch auf die eigenen Erfahrungen des Subjekts stützt. Die Gewißheit der Meinung ist problematisch, die des Wissens apodiktisch, die des Glaubens assertorisch. Der Glaube behauptet einfach, ohne sich durch Gegengründe irre machen zu lassen; er wird sogar durch Widerspruch meist noch befestigt. Obgleich er einer objektiven Begründung nicht fähig ist, pflegt der Glaube dem Wissen an Überzeugungskraft keineswegs nachzustehen. Glaube heißt daher auch die Zuversicht, die der Herzenshingabe entspringt. So glaubt der Freund an den Freund, das Kind an die Eltern, der Mensch an Gott. Diesem rein ethischen Glauben ist der spezifisch religiöse verwandt, welcher die Realität übersinnlicher Dinge auf Grund von Autoritäten und persönlicher Erfahrung behauptet. Dieser erscheint wieder als positiver glaube (fides quae creditur) und als Eigenglaube (fides qua creditur). Da aber der menschliche Geist immer mehr über sich selbst und die Welt zur Klarheit kommt, ist ein Widerspruch zwischen Glauben und Wissen unvermeidlich. Jener liebt Wunder und Geheimnisse, dieses kann und will sie nicht dulden; jener stützt sich vor allem auf das Gemüt, dieses auf die Vernunft; jener erkennt eine übernatürlich geoffenbarte, unfehlbare Urkunde als Norm an, dieses betrachtet sie nur als eine von Menschen allmählich verfaßte Schriftensammlung. Dazu kommt, daß durch die historische, psychologische und naturwissenschaftliche Forschung die Weltanschauung vielfach umgestaltet wird. Daraus erwächst für den einzelnen die schwere Aufgabe, glauben und Wissen in Einklang zu setzen, d.h. zu untersuchen, was sich von seinem Kindesglauben gegenüber unserer Weltanschauung als haltbar erweise; er hat sich zu fragen, was Haupt-, was Nebensache, was Kern, was Schale sei.  Anderseits ist auch der Glaube von höchster Bedeutung auf dem Gebiete des Gemütes, der Liebe, der Moral und Religion; denn er ist die auf moralische Gründe gestützte Überzeugung von demjenigen, was zu wissen zwar unmöglich, aber anzunehmen subjektiv notwendigist. Ja auch für das Wissen hat der glaube Wichtigkeit; denn zunächst müssen wir unseren Sinnen glauben, dann den Eltern und Lehrern, ferner den Büchern. In historischen Fragen haben wir den besten Zeugen zu glauben, in naturwissenschaftlichen denjenigen, welche von uns nicht auszuführende Experimente angestellt haben. Endlich verläuft alles Wissen zuletzt in metaphysischen glauben, d.h. in unbeweisbare Annahmen (Hypothesen). Die Axiome unserer Vernunft wie die psychologischen und kosmologischen Probleme enden schließlich in Hypothesen. Vgl. Ulrici, Glauben und Wissen. Lpz. 1858.


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