VIII.5. Die Glückseligkeit der Menschen ist allenthalben ein individuelles Gut, folglich allenthalben klimatisch und organisch, ein Kind der Übung, der Tradition und Gewohnheit

 

Schon der Name Glückseligkeit deutet an, daß der Mensch keiner reinen Seligkeit fähig sei, noch sich dieselbe erschaffen möge; er selbst ist ein Sohn des Glücks, das ihn hie- oder dahin setzte und nach dem Lande, der Zeit, der Organisation, den Umständen, in welchen er lebt, auch die Fähigkeit seines Genusses, die Art und das Maß seiner Freuden und Leiden bestimmt hat. Unsinnig-stolz wäre die Anmaßung, daß die Bewohner aller Weltteile Europäer sein müßten, um glücklich zu leben; denn wären wir selbst, was wir sind, außer Europa worden? Der nun uns hieher setzte, setzte jene dorthin und gab ihnen dasselbe Recht zum Genuß des irdischen Lebens. Da Glückseligkeit ein innerer Zustand ist, so liegt das Maß und die Bestimmung derselben nicht außer, sondern in der Brust eines jeden einzelnen Wesens; ein anderes hat sowenig Recht, mich zu seinem Gefühl zu zwingen, als es ja keine Macht hat, mir seine Empfindungsart zu geben und das meine in sein Dasein zu verwandeln. Lasst uns also aus stolzer Trägheit oder aus gewohnter Vermessenheit die Gestalt und das Maß der Glückseligkeit unseres Geschlechts nicht kürzer oder höher setzen, als es der Schöpfer setzte; denn er wußte allein, wozu der Sterbliche auf unserer Erde sein sollte.

1. Unsern vielorganischen Körper mit allen seinen Sinnen und Gliedern empfingen wir zum Gebrauch, zur Übung. Ohne diese stocken unsere Lebenssäfte, unsere Organe werden matt; der Körper, ein lebendiger Leichnam, stirbt lange vorher, eh er stirbt, er verwest eines langsamen, elenden, unnatürlichen Todes.

Wollte die Natur uns also die erste unentbehrliche Grundlage der Glückseligkeit, Gesundheit, gewähren, so mußte sie uns Übung, Mühe und Arbeit verleihn und dadurch dem Menschen sein Wohlsein lieber aufdringen, als daß er dasselbe entbehren sollte. Daher verkaufen wie die Griechen sagen, die Götter den Sterblichen alles um Arbeit; nicht aus Neid, sondern aus Güte, weil eben in diesem Kampf, in diesem Streben nach der erquickenden Ruhe der größeste Genuß des Wohlseins, das Gefühl wirksamer, strebender Kräfte lieget. Nur in denen Klimaten oder Ständen siecht die Menschheit, wo ein entkräftender Müßiggang, eine üppige Trägheit die Körper lebendig begräbt und sie zu blassen Leichen oder zu Lasten, die sich selbst beschweren, umbildet; in andern und gerade in den härtesten Lebensarten und Ländern blüht der kräftigste Wuchs, die gesundeste, schönste Symmetrie menschlicher Glieder. Geht die Geschichte der Nationen durch und leset, was Pagès z. E. von der Bildung der Chaktas, der Tegas, vom Charakter der Bissayen, der Indier, der Araber sagt152, selbst das drückendste Klima macht wenig Unterschied in der Dauer des Menschenlebens, und eben der Mangel ist's, der die fröhlichen Armen zur gesundheitbringenden Arbeit stärkt. Auch die Mißbildungen des Leibes, die sich hie oder da auf der Erde als genetischer Charakter oder als ererbte Sitte finden, schaden der Gesundheit weniger als unser künstliche Putz, unsere hundert angestrengte, unnatürliche Lebensweisen; denn was will ein größerer Ohrlappe der Arakaner, ein ausgerupfter Bart der Ost- und Westindier oder etwa eine durchbohrte Nase zu der eingedruckten, gequälten Brust, zum vorsinkenden Knie und mißgebildeten Fuß, zu den verwachsnen oder rachitischen Gestalten und den zusammengepreßten Eingeweiden so vieler feinen Europäer und Europäerinnen sagen? Lasst uns also die Vorsehung preisen, daß, da Gesundheit der Grund aller unserer physischen Glückseligkeit ist, sie dies Fundament so weit und breit auf der Erde legte. Die Völker, von denen wir glauben, daß sie sie als Stiefmutter behandelt habe, waren ihr vielleicht die liebsten Kinder; denn wenn sie ihnen kein träges Gastmahl süßer Gifte bereitete, so reichte sie ihnen dafür durch die harten Hände der Arbeit den Kelch der Gesundheit und einer von innen sie erquickenden Lebenswärme. Kinder der Morgenröte, blühen sie auf und ab; eine oft gedankenlose Heiterkeit, ein inniges Gefühl ihres Wohlseins ist ihnen Glückseligkeit, Bestimmung und Genuß des Lebens; könnte es auch einen andern, einen sanftern und daurendern geben?

2. Wir rühmen uns unserer feinen Seelenkräfte; lasst uns aber aus der traurigen Erfahrung lernen, daß nicht jede entwickelte Feinheit Glückseligkeit gewähre, ja daß manches zu feine Werkzeug eben dadurch untüchtig zum Gebrauch werde. Die Spekulation z. E. kann das Vergnügen nur weniger, müßiger Menschen sein, und auch ihnen ist sie oft, wie der Genuß des Opium in den Morgenländern, ein entkräftend- verzerrendes, einschläferndes Traumvergnügen. Der wachende, gesunde Gebrauch der Sinne, tätiger Verstand in wirklichen Fällen des Lebens, muntere Aufmerksamkeit, mit reger Erinnerung, mit schnellem Entschluß, mit glücklicher Wirkung begleitet: sie allein sind das, was wir Gegenwart des Geistes, innere Lebenskraft nennen, die sich also auch mit dem Gefühl einer gegenwärtigen wirksamen Kraft, mit Glückseligkeit und Freude selbst belohnet. Glaubt es nicht, ihr Menschen, daß eine unzeitige, maßlose Verfeinerung oder Ausbildung Glückseligkeit sei oder daß die tote Nomenklatur aller Wissenschaften, der seiltänzerische Gebrauch aller Künste einem lebendigen Wesen die Wissenschaft des Lebens gewähren könne; denn Gefühl der Glückseligkeit erwirbt sich nicht durch das Rezept auswendig gelernter Namen oder gelernter Künste. Ein mit Kenntnissen überfüllter Kopf, und wenn es auch goldene Kenntnisse wären, er erdrückt den Leib, verengt die Brust, verdunkelt den Blick und wird dem, der ihn trägt, eine kranke Last des Lebens. Je mehr wir verfeinernd unsere Seelenkräfte teilen, desto mehr ersterben die müßigen Kräfte; auf das Gerüst der Kunst gespannet, verwelken unsere Fähigkeiten und Glieder an diesem prangenden Kreuze. Nur auf dem Gebrauch der ganzen Seele, insonderheit ihrer tätigen Kräfte, ruht der Segen der Gesundheit; und da lasst uns abermals der Vorsehung danken, daß sie es mit dem Ganzen des Menschengeschlechts nicht zu fein nahm und unsere Erde zu nichts weniger als einem Hörsaal gelehrter Wissenschaften bestimmte. Schonend ließ sie bei den meisten Völkern und Ständen der Menschheit die Seelenkräfte in einem festen Knäuel beisammen und entwickelte diesen nur, wo es die Not begehrte. Die meisten Nationen der Erde wirken und phantasieren, lieben und hassen, hoffen und fürchten, lachen und weinen wie Kinder; sie genießen also auch wenigstens die Glückseligkeit kindlicher Jugendträume. Wehe dem Armen, der seinen Genuß des Lebens sich erst ergrübelt!

3. Da endlich unser Wohlsein mehr ein stilles Gefühl als ein glänzender Gedanke ist, so sind es allerdings auch weit mehr die Empfindungen des Herzens als die Wirkungen einer tiefsinnigen Vernunft, die uns mit Liebe und Freude am Leben lohnen. Wie gut hat es also die große Mutter gemacht, daß sie die Quelle des Wohlwollens gegen sich und andere, die wahre Humanität unseres Geschlechts, zu der es erschaffen ist, fast unabhängig von Beweggründen und künstlichen Triebfedern in die Brust der Menschen pflanzte. Jedes Lebendige freut sich seines Lebens; es fragt und grübelt nicht, wozu es da sei; sein Dasein ist ihm Zweck, und sein Zweck das Dasein. Kein Wilder mordete sich selbst, sowenig ein Tier sich selbst mordet; er pflanzt sein Geschlecht fort, ohne zu wissen, wozu er's fortpflanze, und unterzieht sich auch unter dem Druck des härtesten Klima aller Mühe und Arbeit, nur damit er lebe. Dies einfache, tiefe, unersetzliche Gefühl des Daseins also ist Glückseligkeit, ein kleiner Tropfe aus jenem unendlichen Meer des Allseligen, der in allem ist und sich in allem freut und fühlt. Daher jene unzerstörbare Heiterkeit und Freude, die mancher Europäer auf den Gesichtern und im Leben fremder Völker bewunderte, weil er sie bei seiner unruhigen Rastlosigkeit in sich nicht fühlte; daher auch jenes offene Wohlwollen, jene zuvorkommende, zwanglose Gefälligkeit aller glücklichen Völker der Erde, die nicht zur Rache oder Verteidigung gezwungen wurden. Nach den Berichten der Unparteiischen ist diese so allgemein ausgebreitet auf der Erde, daß ich sie den Charakter der Menschheit nennen möchte, wenn es nicht leider ebensowohl Charakter dieser zweideutigen Natur wäre, das offne Wohlwollen, die dienstfertige Heiterkeit und Freude in sich und andern einzuschränken, um sich aus Wahn oder aus Vernunft gegen die künftige Not zu waffnen. Ein in sich glückliches Geschöpf, warum sollte es nicht auch andere glücklich neben sich sehen und, wo es kann, zu ihrer Glückseligkeit beitragen? Nur weil wir selbst, mit Mangel umringt, so vielbedürftig sind und es durch unsere Kunst und List noch mehr werden, so verengt sich unser Dasein, und die Wolke des Argwohns, des Kummers, der Mühe und Sorgen umnebelt ein Gesicht das für die offne, teilnehmende Freude gemacht war. Indes auch hier hatte die Natur das menschliche Herz in ihrer Hand und formte den fühlbaren Teig auf so mancherlei Arten, daß, wo sie nicht gebend befriedigen konnte, sie wenigstens versagend zu befriedigen suchte. Der Europäer hat keinen Begriff von den heißen Leidenschaften und Phantomen, die in der Brust des Negers glühen, und der Inder keinen Begriff von den unruhigen Begierden, die den Europäer von einem Weltende zum andern jagen. Der Wilde, der nicht auf üppige Weise zärtlich sein kann, ist es desto mehr auf eine gesetzte ruhige Weise; dagegen wo die Flamme des Wohlwollens lichte Funken umherwirft, da verglüht sie auch bald und erstirbt in diesen Funken. Kurz, das menschliche Gefühl hat alle Formen erhalten, die auf unserer Kugel in den verschiednen Klimaten, Zuständen und Organisationen der Menschen nur stattfanden; allenthalben aber liegt Glückseligkeit des Lebens nicht in der wühlenden Menge von Empfindungen und Gedanken, sondern in ihrem Verhältnis zum wirklichen innern Genuß unseres Daseins und dessen, was wir zu unserm Dasein rechnen. Nirgend auf Erden blüht die Rose der Glückseligkeit ohne Dornen; was aber aus diesen Dornen hervorgeht, ist allenthalben und unter allerlei Gestalten die zwar flüchtige, aber schöne Rose einer menschlichen Lebensfreude.

 


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