VI.3. Organisation des Erdstrichs schöngebildeter Völker

 

 Mitten im Schoß der höchsten Gebirge liegt das Königreich Kaschmire, verborgen wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höhern und höhern Bergen umschlossen, deren letzte sich, mit ewigem Schnee bedeckt, zu den Wolken erheben. Hier rinnen schöne Bäche und Ströme; das Erdreich schmückt sich mit gesunden Kräutern und Früchten; Inseln und Gärten stehen im erquickenden Grün; mit Viehweiden ist alles überdeckt; giftige und wilde Tiere sind aus diesem Paradiese verbannet. Man könnte, wie Bernier sagt, diese die unschuldigen Berge nennen, auf denen Milch und Honig fließt, und die Menschengattung daselbst ist der Natur nicht unwert. Die Kaschmiren werden für die geistreichsten und witzigsten Indier gehalten, zur Poesie und Wissenschaft, zu Hantierungen und Künsten gleich geschickt, die wohlgebildetsten Menschen und ihre Weiber oft Muster der Schönheit.55)

 Wie glücklich könnte Indostan sein, wenn nicht Menschenhände sich vereinigt hätten, den Garten der Natur zu verwüsten und die unschuldigste der Menschengestalten mit Aberglauben und Unterdrückung zu quälen. Die Hindus sind der sanftmütigste Stamm der Menschen. Kein Lebendiges beleidigen sie gern; sie ehren, was Leben bringt, und nähren sich mit der unschuldigsten Speise, der Milch, dem Reis, den Baumfrüchten, den gesunden Kräutern, die ihnen ihr Mutterland darbeut. »Ihre Gestalt«, sagt ein neuer Reisender56), »ist gerade, schlank und schön, ihre Glieder fein proportioniert, ihre Finger lang und zarttastend, ihr Gesicht offen und gefällig, die Züge desselben sind bei dem weiblichen Geschlecht die zartesten Linien der Schönheit, bei dem männlichen einer männlich-sanften Seele. Ihr Gang und ihr ganzes Tragen des Körpers ist im höchsten Grad anmutig und reizend.« Die Beine und Schenkel, die in allen nordöstlichen Ländern litten oder affenartig verkürzt waren, verlängern sich hier und tragen eine sprießende Menschenschönheit. Selbst die mogolische Bildung, die sich mit diesem Geschlecht vermählte, hat sich in Würde und Freundlichkeit verwandelt. Und wie die Leibesgestalt ist auch die ursprüngliche Gestalt ihres Geistes, ja, sofern man sie ohne den Druck des Aberglaubens oder der Sklaverei betrachtet, ihre Lebensweise. Mäßigkeit und Ruhe, ein sanftes Gefühl und eine stille Tiefe der Seele bezeichnen ihre Arbeit und ihren Genuß, ihre Sittenlehre und Mythologie, ihre Künste und selbst ihre Duldsamkeit unter dem äußersten Joch der Menschheit. Glückliche Lämmer, warum konntet ihr nicht auf eurer Aue der Natur ungestört und sorglos weiden?

 Die alten Perser waren ein häßliches Volk von den Gebirgen, wie noch ihre Reste, die Gauren, zeigen.57) Da aber schwerlich ein Land in Asien so vielen Einbrüchen ausgesetzt ist als Persien und es gerade unter dem Abhange wohlgebildeter Völker lag, so hat sich hier eine Bildung zusammengesetzt, die bei den edleren Persern Würde und Schönheit verbindet Hier liegt Tschirkassien, die Mutter der Schönheit; zur andern Seite des Kaspischen Meers wohnen tatarische Stämme, die sich in ihrem schönen Klima auch schon zur Wohlgestalt gebildet und häufig hinabgebreitet haben Zur Rechten liegt Indien, und sowohl aus ihm als aus Tschirkassien haben erkaufte Mädchen das Geblüt der Perser verschönet. Ihre Gemütsart ist diesem Veredlungsplatz des menschlichen Geschlechts gemäß worden: denn jener leichte und durchdringende Verstand, jene fruchtbare und lebhafte Einbildungskraft der Perser samt ihrem biegsamen höflichen Wesen, ihrem Hange zur Eitelkeit, zur Pracht und zur Freude, ja zur romantischen Liebe sind vielleicht die erlesensten Eigenschaften zum Gleichgewicht der Neigungen und Züge. Statt jener barbarischen Zieraten, mit denen ungestalte Nationen die Ungestalt ihres Körpers bedecken wollten und vermehrten, kamen hier schönere Gewohnheiten auf, die Wohlgestalt des Körpers zu erheben. Der wasserlose Mogole mußte unrein leben; der weiche Indier badet; der wohllüstige Perser salbt. Der Mogole klebte auf seinen Fersen oder hing auf seinem Pferde; der sanfte Indier ruht; der romantische Perser teilt seine Zeit in Ergötzungen und Spiele. Er färbt sein Augenbran; er kleidet sich in eine den Wuchs erhebende Kleidung. Schöne Wohlgestalt! sanftes Gleichgewicht der Neigungen und Seelenkräfte, warum konntest du dich nicht dem ganzen Erdball mitteilen?

 Daß einige tatarische Stämme ursprünglich zu den schöngebildeten Völkern der Erde gehören und nur in den Nordländern oder auf den Steppen verwildert sind, haben wir bereits bemerkt; beide Seiten des Kaspischen Meers zeigen diese schönere Bildung. Die Usbekerinnen werden groß, wohlgebildet und angenehm beschrieben58): sie ziehen mit ihren Männern ins Gefecht; ihr Auge, sagt die Beschreibung, ist groß, schwarz und lebhaft, das Haar schwarz und fein; die Bildung des Mannes hat Ansehen und eine Art feiner Würde. Ein gleiches Lob wird den Buckharen gegeben, und die Schönheit der Tsirkasserinnen, der schwarzseidne Faden ihres Augenbrans, ihr feuriges schwarzes Auge, die glatte Stirn, der kleine Mund, das geründete Kinn sind weit umher bekannt und gepriesen.59) Man sollte glauben, daß in diesen Gegenden die Zunge der Waage menschlicher Bildung in der Mitte geschwebt und ihre Schalen nach Griechenland und Indien öst- und westlich fortgebreitet habe. Glücklich für uns, daß Europa diesem Mittelpunkt schöner Formen nicht so gar fern lag und daß manche Völker, die diesen Weltteil bewohnen, die Gegenden zwischen dem Sehwarzen und Kaspischen Meer auch entweder innegehabt oder langsam durchzogen haben. Wenigstens sind wir also keine Antipoden des Landes der Schönheit.

 


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 02:23:18 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright