VIII.1. Die Sinnlichkeit unseres Geschlechts verändert sich mit Bildungen und Klimaten; überall aber ist ein menschlicher Gebrauch der Sinne das, was zur Humanität führt

 

Alle Nationen, die kranken Albinos etwa ausgenommen, haben ihre fünf oder sechs menschliche Sinne; die Unfühlbaren des Diodorus oder die taubund stummen Völker sind in der neuern Menschengeschichte eine Fabel. Indes, wer auf die Verschiedenheit der äußern Empfindungen auch nur unter uns acht hat und sodenn an die zahllose Menge denkt, die in allen Klimaten der Erde lebt, der wird sich hiebei wie vor einem Weltmeer finden, auf dem sich Wogen in Wogen verlieren. Jeder Mensch hat ein eignes Maß, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen Gefühle zueinander, so daß bei außerordentlichen Fällen oft die wunderbarsten Äußerungen zum Vorschein kommen, wie einem Menschen bei dieser oder bei jener Sache sei. Ärzte und Philosophen haben daher schon ganze Sammlungen von eigentümlich sonderbaren Empfindungen, d. i. Idiosynkrasien, gegeben, die oft so seltsam als unerklärlich sind. Meistens merken wir auf solche nur in Krankheiten und ungewöhnlichen Zufällen; im täglichen Leben bemerken wir sie nicht. Die Sprache hat auch keinen Ausdruck für sie, weil jeder Mensch doch nur nach seiner Empfindung spricht und versteht, verschiednen Organisationen also ein gemeinschaftliches Maß ihrer verschiednen Gefühle fehlt. Selbst bei dem klärsten Sinn, dem Gesicht, äußern sich diese Verschiedenheiten nicht nur in der Nähe und Ferne, sondern auch in der Gestalt und Farbe der Dinge; daher manche Maler mit ihren so eigentümlichen Umrissen und fast jeder derselben in seinem Ton der Farben malt. Zur Philosophie der Menschengeschichte gehört's nicht, diesen Ozean auszuschöpfen, sondern durch einige auffallende Verschiedenheiten auf die feinern aufmerksam zu machen, die um uns liegen.

Der allgemeinste und notwendigste Sinn ist das Gefühl: er ist die Grundlage der andern und bei dem Menschen einer seiner größesten organischen Vorzüge.135 Er hat uns Bequemlichkeit, Erfindungen und Künste geschenkt und trägt zur Beschaffenheit unserer Ideen vielleicht mehr bei, als wir vermuten. Aber wie sehr ist dies Organ auch unter den Menschen verschieden, nachdem es die Lebensart, das Klima, die Anwendung und Übung, endlich die genetische Reizbarkeit des Körpers selbst modifiziert. Einigen amerikanischen Völkern z. B. wird eine Unreizbarkeit der Haut zugeschrieben, die sich sogar bei Weibern und in den schmerzhaftesten Operationen merkbar machen soll136; wenn das Faktum wahr ist, dünkt mich's sehr erklärlich, sowohl aus Veranlassungen des Körpers als der Seele. Seit Jahrhunderten nämlich boten viele Nationen dieses Weltteils ihren nackten Leib der scharfen Luft und den scharfstechenden Insekten dar und salbten ihn gegen diese zum Teil mit scharfen Salben; auch das Haar nahmen sie sich, das die Weiche der Haut mit befördert. Ein schärferes Mehl, laugenhafte Wurzeln und Kräuter waren ihre Speise, und es ist bekannt, in welcher genauen Übereinstimmung die verdauenden Werkzeuge mit der fühlenden Haut stehen; daher in manchen Krankheiten dieser Sinn völlig schwindet. Selbst ihr unmäßiger Genuß der Speisen, nach dem sie ebensowohl den entsetzlichsten Hunger ertragen, scheint von dieser Unempfindlichkeit zu zeugen, die auch ein Symptom vieler ihrer Krankheiten ist137 und also zum Wohl und Weh ihres Klima gehört. Die Natur hat sie mit derselben allmählich gegen Übel gewappnet, die sie mit einer größern Empfindlichkeit nicht ertragen könnten, und ihre Kunst ging der Natur nach. Qualen und Schmerzen leidet der Nordamerikaner mit einer heroischen Unfühlbarkeit aus Grundsätzen der Ehre; er ist von Jugend auf dazu gebildet worden, und die Weiber geben den Männern hierin nichts nach. Stoische Apathie also auch in körperlichen Schmerzen wurde ihnen zur Naturgewohnheit, und ihr minderer Reiz zur Wohllust, bei übrigens muntern Naturkräften, selbst jene entschlafne Fühllosigkeit, die manche unterjochte Nationen wie in einen wachenden Traum versenkte, scheinen aus dieser Ursache zu folgen. Unmenschen also sind's, die einen Mangel, den die Natur ihren Kindern zum lindernden Trost gab, aus noch größerem Mangel menschlicher Empfindungen teils mißbrauchten, teils schmerzhaft erprobten.

Daß ein Übermaß an Hitze und Kälte das äußere Gefühl versenge oder stumpfe, ist aus Erfahrungen bewiesen. Völker, die auf dem Sande mit bloßen Füßen gehen, bekommen eine Sohle, die das Beschlagen des Eisens erträgt, und man hat Beispiele, daß einige zwanzig Minuten auf glühenden Kohlen aushielten. Ätzende Gifte konnten die Haut verwandeln, daß man die Hand in geschmolznes Blei eintauchen lernte, und die starrende Kälte sowie der Zorn und andere Gemütsbewegungen tragen auch zur Abstumpfung des Gefühls bei.138 Die zarteste Empfindlichkeit dagegen scheint in Erdstrichen und bei einer Lebensweise zu sein, die die sanfteste Spannung der Haut und eine gleichsam melodische Ausbreitung der Nerven des Gefühls fördert. Der Ostindier ist vielleicht das feinste Geschöpf im Genuß sinnlicher Organe. Seine Zunge, die nie mit dem Geschmack gegorner Getränke oder scharfer Speisen entnervt worden, schmeckt den geringsten Nebengeschmack des reinen Wassers, und sein Finger arbeitet nachahmend die niedlichsten Werke, bei denen man das Vorbild vom Nachbilde nicht zu unterscheiden weiß. Heiter und ruhig ist seine Seele, ein zarter Nachklang der Gefühle, die ihn ringsum nur sanft bewegen. So spielen die Wellen um den Schwan; so säuseln die Lüfte um das durchsichtige junge Laub des Frühlings. -

Außer dem warmen und sanften Himmelsstrich trägt nichts so sehr zu diesem erhöhten Gefühl bei als Reinheit, Mäßigkeit und Bewegung: drei Tugenden des Lebens, in denen viele Nationen, die wir ungesittet nennen, uns übertreffen und die insonderheit den Völkern schöner Erdstriche eigen zu sein scheinen. Die Reinigkeit des Mundes, das öftere Baden, Liebe zur Bewegung in freier Luft, selbst das gesunde und wohllüstige Reiben und Dehnen des Körpers, das den Römern so bekannt war, als es unter Indiern, Persern und manchen Tataren weit umher noch gewöhnlich ist, befördert den Umlauf der Säfte und erhält den elastischen Ton der Glieder. Die Völker der reichsten Erdstriche leben mäßig; sie haben keinen Begriff, daß ein widernatürliches Reizen der Nerven und eine tägliche Verschlemmung der Säfte das Vergnügen sein könne, dazu ein Mensch erschaffen worden; die Stämme der Brahminen haben in Ihren Vätern von Anfange der Welt her weder Fleisch noch Wein gekostet.

 


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