IX.5. Religion ist die älteste und heiligste Tradition der Erde

 

 Müde und matt von allen Veränderungen des Erdenrundes nach Gegenden, Zeiten und Völkern, finden wir denn nichts auf demselben, das der gemeinschaftliche Besitz und Vorzug unseres Brudergeschlechts sei? Nichts als die Anlage zur Vernunft, Humanität und Religion, der drei Grazien des menschlichen Lebens. Alle Staaten entstanden spät, und noch später entstanden in ihnen Wissenschaften und Künste; aber Familien sind das ewige Werk der Natur, die fortgehende Haushaltung, in der sie den Samen der Humanität dem Menschengeschlecht einpflanzt und selbst erzieht. Sprachen wechseln mit jedem Volk, in jedem Klima; in allen Sprachen aber ist ein und dieselbe merkmalsuchende Menschenvernunft kennbar. Religion endlich, so verschieden ihre Hülle sei, auch unter dem ärmsten, rohesten Volk am Rande der Erde finden sich ihre Spuren. Der Grönländer und Kamtschadale, der Feuerländer und Papu hat Äußerungen von ihr, wie seine Sagen oder Gebräuche zeigen, ja, gäbe es unter den Anziken oder den verdrängten Waldmenschen der indischen Inseln irgendein Volk, das ganz ohne Religion wäre, so wäre selbst dieser Mangel von ihrem äußerst verwilderten Zustande Zeuge.

 Woher kam nun Religion diesen Völkern? Hat jeder Elende sich seinen Gottesdienst etwa wie eine natürliche Theologie erfunden? Diese Mühseligen erfinden nichts; sie folgen in allem der Tradition ihrer Väter. Auch gab ihnen von außen zu dieser Erfindung nichts Anlaß; denn wenn sie Pfeil und Bogen, Angel und Kleid den Tieren oder der Natur ablernten, welchem Tier, welchem Naturgegenstande sahen sie Religion ab? Von welchem derselben hätten sie Gottesdienst gelernt? Tradition ist also auch hier die fortpflanzende Mutter, wie ihrer Sprache und wenigen Kultur, so auch ihrer Religion und heiligen Gebräuche.

 Sogleich folgt hieraus, daß sich die religiöse Tradition keines andern Mittels bedienen konnte, als dessen sich die Vernunft und Sprache selbst bediente, der Symbole. Muß der Gedanke ein Wort werden, wenn er fortgepflanzt sein will, muß jede Einrichtung ein sichtbares Zeichen haben, wenn sie für andere und für die Nachwelt sein soll: wie konnte das Unsichtbare sichtbar oder eine verlebte Geschichte den Nachkommen aufbehalten werden als durch Worte oder Zeichen?

Daher ist auch bei den rohesten Völkern die Sprache der Religion immer die älteste, dunkelste Sprache, oft ihren Geweihten selbst, viel mehr den Fremdlingen unverständlich. Die bedeutenden heiligen Symbole jedes Volks, so klimatisch und national sie sein mochten, wurden nämlich oft in wenigen Geschlechtern ohne Bedeutung. Kein Wunder; denn jeder Sprache, jedem Institut mit willkürlichen Zeichen müßte es so ergehen, wenn sie nicht durch den lebendigen Gebrauch mit ihren Gegenständen oft zusammengehalten würden und also im bedeutenden Andenken blieben. Bei der Religion war solche lebendige Zusammenhaltung schwer oder unmöglich; denn das Zeichen betraf entweder eine unsichtbare Idee oder eine vergangene Geschichte.

 Es konnte also auch nicht fehlen, daß die Priester, die ursprünglich Weise der Nation waren, nicht immer ihre Weisen blieben. Sobald sie nämlich den Sinn des Symbols verloren, waren sie stumme Diener der Abgötterei oder mußten redende Lügner des Aberglaubens werden. Und sie sind's fast allenthalben reichlich geworden; nicht aus vorzüglicher Betrugsucht, sondern weil es die Sache so mit sich führte. Sowohl in der Sprache als in jeder Wissenschaft, Kunst und Einrichtung waltet dasselbe Schicksal der Unwissende, der reden oder die Kunst fortsetzen soll, muß verbergen, muß erdichten, muß heucheln; ein falscher Schein tritt an die Stelle der verlorenen Wahrheit. Dies ist die Geschichte aller Geheimnisse auf der Erde, die anfangs allerdings viel Wissenswürdiges verbargen, zuletzt aber, insonderheit seitdem menschliche Weisheit sich von ihnen getrennt hatte, in elenden Tand ausarteten; und so wurden die Priester derselben, bei ihrem leergewordnen Heiligtum, zuletzt arme Betrüger.

 Wer sie am meisten als solche darstellte, waren die Regenten und Weisen. Jene nämlich, die ihr hoher Stand, mit aller Macht bekleidet, gar bald auf zwanglose Ungebundenheit führte, hielten es für Pflicht ihres Standes, auch die unsichtbaren höheren Mächte einzuschränken und also die Symbole derselben als Puppenwerk des Pöbels entweder zu dulden oder zu vernichten. Daher der unglückliche Streit zwischen dem Thron und Altar bei allen halbkultivierten Nationen, bis man endlich beide gar zu verbinden suchte und damit das unförmliche Ding eines Altars auf dem Thron oder eines Throns auf dem Altar zur Welt brachte. Notwendig mußten die entarteten Priester bei diesem ungleichen Streit allemal verlieren; denn sichtbare Macht stritt mit dem unsichtbaren Glauben; der Schatte einer alten Tradition sollte mit dem Glanz des goldenen Zepters kämpfen, den ehedem der Priester selbst geheiligt und dem Monarchen in die Hand gegeben hatte. Die Zeiten der Priesterherrschaft gingen also mit der wachsenden Kultur vorüber; der Despot, der ursprünglich seine Krone im Namen Gottes geführt hatte, fand es leichter, sie in seinem eignen Namen zu tragen, und das Volk war jetzt durch Regenten und Weise zu diesem andern Zepter gewöhnt.

 


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