VII.3. Was ist Klima, und welche Wirkung hat's auf die Bildung des Menschen an Körper und Seele?

 

Die beiden festesten Punkte unserer Kugel sind die Pole; ohne sie war kein Umschwung, ja wahrscheinlich keine Kugel selbst möglich. Wüßten wir nun die Genesis der Pole und kennten die Gesetze und Wirkungen des Magnetismus unserer Erde auf ihre verschiedne Körper: sollten wir damit nicht den Grundfaden gefunden haben, den die Natur in Bildung der Wesen nachher mit anderen höheren Kräften mannigfaltig durchwebte? Da uns aber, ohngeachtet so zahlreicher und schöner Versuche, hievon im großen ganzen noch wenig bekannt ist117), so sind wir auch in Betracht der Basis aller Klimate nach der Weltgegend des Pols hin noch im dunkeln Vielleicht, daß einst der Magnet im Reich der physischen Kräfte wird, was er uns ebenso unerwartet auf Meer und Erde schon wurde. -

Der Umschwung unserer Kugel um sich und um die Sonne bietet uns eine nähere Bezeichnung der Klimate dar; aber auch hier ist die Anwendung selbst allgemein anerkannter Gesetze schwer und trüglich. Die Zonen der Alten haben sich durch die neuere Kenntnis fremder Weltteile nicht bestätigt, wie sie denn auch, physisch betrachtet, auf Unkunde derselben gebaut waren. Ein gleiches ist's mit der Hitze und Kälte, nach der Menge der Sonnenstrahlen und dem Winkel ihres Auffalls berechnet. Als mathematische Aufgabe ist ihre Wirkung mit genauem Fleiß bestimmt worden; der Mathematiker selbst aber würde es für einen Mißbrauch seiner Regel ansehen, wenn der philosophische Geschichtschreiber des Klima darauf Schlüsse ohne Ausnahmen baute.118) Hier gibt die Nähe des Meers, dort ein Wind, hier die Höhe oder Tiefe des Landes, an einem vierten Ort nachbarliche Berge, am fünften Regen und Dünste dem allgemeinen Gesetz eine so neue Lokalbestimmung, daß oft die nachbarlichsten Orte das gegenseitigste Klima empfinden. Überdem ist aus neueren Erfahrungen klar, daß jedes lebendige Wesen eine eigne Art hat, Wärme zu empfangen und von sich zu treiben, ja daß, je organischer der Bau eines Geschöpfs wird und je mehr es eigne tätige Lebenskraft äußert, um so mehr auch ein Vermögen äußert, relative Wärme und Kälte zu erzeugen.119) Die alten Sätze, daß der Mensch nur in einem Klima leben könne, das die Hitze des Bluts nicht übersteigt, sind durch Erfahrungen widerlegt; die neuern Systeme hingegen vom Ursprung und der Wirkung animalischer Wärme sind lange noch nicht zu der Vollkommenheit gediehen, daß man auf irgendeine Weise an eine Klimatologie nur des menschlichen Baues, geschweige aller menschlichen Seelenvermögen und ihres so willkürlichen Gebrauchs denken könnte. Freilich weiß jedermann, daß Wärme die Fibern ausdehne und erschlaffe, daß sie die Säfte verdünne und die Ausdünstung fördere, daß sie also auch die festen Teile mit der Zeit schwammig und locker zu machen vermöge u. f.; das Gesetz im ganzen bleibt sicher120), auch hat man aus ihm und seinem Gegensatz, der Kälte, mancherlei physiologische Phänomene schön erklärt121); allgemeine Folgerungen aber, die man aus einem solchen Principium oder gar nur aus einem Teil desselben, der Erschlaffung, der Ausdünstung z. E., auf ganze Völker und Weltgegenden, ja auf die feinsten Verrichtungen des menschlichen Geistes und die zufälligsten Einrichtungen der Gesellschaft machen wollte; je scharfsinniger und systematischer der Kopf ist, der diese Folgerungen durchdenkt und reiht, desto gewagter sind sie. Sie werden beinah Schritt vor Schritt durch Beispiele aus der Geschichte oder selbst durch physiologische Gründe widerlegt, weil immer zuviel und zum Teil gegenseitige Kräfte nebeneinander wirken. Selbst dem großen Montesquieu hat man den Vorwurf gemacht, daß er seinen klimatischen Geist der Gesetze auf das trügliche Experiment einer Schöpszunge gebaut habe. - Freilich sind wir ein bildsamer Ton in der Hand des Klima; aber die Finger desselben bilden so mannigfalt, auch sind die Gesetze, die ihm entgegenwirken, so vielfach, daß vielleicht nur der Genius des Menschengeschlechts das Verhältnis aller dieser Kräfte in eine Gleichung zu bringen vermöchte.

Nicht Hitze und Kälte ist's allein, was aus der Luft auf uns wirkt; vielmehr ist sie nach den neuern Bemerkungen ein großes Vorratshaus anderer Kräfte, die schädlich und günstig sich mit uns verbinden. In ihr wirkt der elektrische Feuerstrom, dies mächtige und in seinen animalischen Einflüssen uns noch fast unbekannte Wesen; denn sowenig wir die innern Gesetze seiner Natur kennen, sowenig wissen wir, wie der menschliche Körper es aufnimmt und verarbeitet. Wir leben vom Hauch der Luft; allein der Balsam in ihr, unsere Lebensspeise, ist uns ein Geheimnis. Fügen wir nun die mancherlei, beinah unnennbaren Lokalbeschaffenheiten ihrer Bestandteile nach den Ausdünstungen aller Körper ihres Gebietes hinzu; erinnern wir uns der Beispiele, wie oft durch einen unsichtbaren, bösen Samen, dem der Arzt nur den Namen eines Miasma zu geben wußte, die sonderbarsten, oft fürchterliche und in Jahrtausenden unaustilgbare Dinge entstanden sind; denken wir an das geheime Gift, das uns die Blattern, die Pest, die Lustseuche, die mit manchem Zeitalter verschwindenden Krankheiten gebracht hat, und erinnern uns, wie wenig wir nicht etwa den Hermattan und Sammiel, den Sirocco und den Nordostwind der Tatarei, sondern nur die Beschaffenheit und Wirkung unserer Winde kennen: wieviel mangelnde Vorarbeiten werden wir inne, ehe wir an eine physiologisch-pathologische, geschweige an eine Klimatologie aller menschlichen Denk- und Empfindungskräfte kommen können! Auch hier indessen bleibt jedem scharfsinnigen Versuche sein Kranz, und die Nachwelt wird unserer Zeit edle Kränze zu reichen haben.122)

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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