VII.2. Das eine Menschengeschlecht hat sich allenthalben auf der Erde klimatisiert

 

Seht jene Heuschrecken der Erde, die Kalmucken und Mogolen; sie gehören in keinen andern Weltstrich als in ihre Steppen, auf ihre Berge.107) Auf seinem kleinen Pferde durchfliegt der leichte Mann ungeheure Strecken und Wüsten; er weiß dem Roß Kräfte zu geben, wenn es erliegt, und wenn er verschmachtet, muß eine geöffnete Ader am Halse des Pferdes ihm Kräfte geben. Kein Regen fällt auf manche dieser Gegenden, die nur der Tau erquickt und eine noch unerschöpfte Fruchtbarkeit der Erde mit neuem Grün bekleidet; manche weite Strecke kennt keinen Baum, keine süße Quelle. Da ziehn nun diese wilden und unter sich selbst die geordnetsten Stämme im hohen Grase umher und weiden ihre Herden; die Mitgenossen ihrer Lebensart, die Pferde, kennen ihre Stimme und leben wie sie in Friede. Mit gedankenloser Gleichgültigkeit sitzt der Kalmucke da und überblickt seinen ewig heitern Himmel und durchhorcht seine unabsehbare Einöde. In jedem andern Strich der Erde sind die Mogolen verartet oder veredelt; in ihrem Lande sind sie, was sie seit Jahrtausenden waren, und werden es bleiben, solange sich ihr Erdstrich nicht durch Natur oder durch Kunst ändert.

Der Araber in der Wüste108): er gehört in dieselbe mit seinem edlen Roß, mit seinem geduldigen, aushaltenden Kamel. Wie der Mogole auf seiner Erdhöhe, in seiner Steppe umherzog, zieht der wohlgebildetere Beduin auf seiner asiatisch-afrikanischen Wüste umher, auch ein Nomade, nur seiner Gegend. Mit ihr ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte und Charakter harmonisch, und nach Jahrtausenden noch erhält sein Gezelt die Weise der Väter. Liebhaber der Freiheit, verachten sie Reichtümer und Wohllüste, sind leicht im Lauf, fertig auf ihren Rossen, die sie wie ihresgleichen pflegen, und ebenso fertig, zu schwingen die Lanze. Ihre Gestalt ist hager und nervicht, ihre Farbe braun, ihre Knochen stark; unermüdlich, Beschwerden zu ertragen, und durch die Wüste zusammengeknüpft, stehen sie alle für einen, kühn und unternehmend, treu ihrem Wort, gastfreundlich und edel. Die gefahrvolle Lebensart hat sie zur Behutsamkeit und zum scheuen Argwohn, die einsame Wüste zum Gefühl der Rache, der Freundschaft, des Enthusiasmus und des Stolzes gebildet. Wo sich ein Araber zeige, am Euphrat oder am Nil, am Libanon oder am Senega, selbst bis in Zanguebar und auf den indischen Meeren, zeigt er sich, wenn nicht ein fremdes Klima ihn in Kolonien langsam veränderte, noch in seinem ursprünglichen arabischen Charakter.

Der Kalifornier am Rande der Welt, in seinem unfruchtbaren Lande, bei seiner dürftigen Lebensart, bei seinem wechselnden Klima: er klagt nie Über Hitze und Kälte, er entgeht dem Hunger, wenn auch auf die schwerste Weise, er lebt in seinem Lande glücklich. »Gott allein weiß«, sagt ein Missionar109), »wieviel tausend Meilen ein Kalifornier, der achtzig Jahr alt worden, in seinem Leben herumgeirrt hat, bis er sein Grab findet. Viele von ihnen ändern ihr Nachtquartier vielleicht hundertmal in einem Jahre, daß sie kaum dreimal nacheinander auf dem nämlichen Platz und in der nämlichen Gegend schlafen. Sie werfen sich nieder, wo sie die Nacht überfällt, ohn alle Sorge wegen schädlichen Ungeziefers oder Unsauberkeit des Erdbodens. Ihre schwarzbraune Haut ist ihnen statt des Rockes und Mantels. Ihre Hausgeräte sind Bogen und Pfeil, ein Stein statt des Messers, ein Bein oder spitziges Holz, Wurzeln auszugraben, eine Schildkrötschale statt der Kinderwiege, ein Darm oder eine Blase, Wasser zu holen, und endlich, wenn das Glück gut ist, ein aus Aloegarn wie ein Fischernetz gestrickter Sack, ihren Proviant und ihre Lumpen umherzuschleppen. Sie essen Wurzeln und allerlei kleine Samen, sogar von dürrem Heu, die sie mit Mühe sammlen und bei Hungersnot selbst sogar wieder aus ihrem Kot auflesen. Alles, was Fleisch ist und nur Gleichheit mit demselben hat, bis auf Fledermäuse, Raupen und Würme, ist ihre festliche Speise, und sogar die Blätter einiger Stauden, einiges junge Holz und Geschoß, Leder, Riemen und weiche Beine sind von ihren Lebensmitteln nicht ausgeschlossen, wenn sie die Not dazu treibt. Und dennoch sind diese Armseligen gesund; sie werden alt und stark, so daß es ein Wunder ist, wenn einer unter ihnen, und dieses gar spät, grau wird. Sie sind allezeit wohlgemutet; ein ewiges Lachen und Scherzen regiert unter ihnen; wohlgestalt, flink und gelenkig; sie können mit den zwei vordern Zehen Steine und andere Dinge vom Boden aufheben, gehen bis ins höchste Alter kerzengerade; ihre Kinder stehen und gehen, ehe sie ein Jahr alt sind. Des Schwätzens müde, legen sie sich nieder und schlafen, bis sie der Hunger oder die Lust zum Essen aufweckt; sobald sie erwacht sind, geht das Lachen, Schwätzen und Scherzen wiederum an; sie setzen es fort auf ihren Wegen, bis endlich der abgelebte Kalifornier seinen Tod mit gleichgültiger Ruhe erwartet. Die in Europa wohnen«, fährt der erwähnte Missionar fort, »können zwar die Kalifornier ihrer Glückseligkeit halber beneiden, aber keine solche in Kalifornien genießen, als etwa durch eine vollkommene Gleichgültigkeit, viel oder wenig auf dieser Welt zu besitzen und sich dem Willen Gottes in allen Zufällen des Lebens zu unterwerfen.«

So könnte ich fortfahren und von mehrern Nationen der verschiedensten Erdstriche, von den Kamtschadalen bis zu den Feuerländern, klimatische Gemälde liefern; wozu aber diese abgekürzten Versuche, da bei allen Reisenden, die treu sahen oder menschlich teilnahmen, jeder kleine Zug ihrer Beschreibung klimatisch malt. In Indien, auf diesem großen Marktplatz handelnder Völker, ist der Araber und Sinese, der Türk und Perser, der Christ und Jude, der Malaye und Neger, der Japaner und Gentu kennbar110); auch auf der fernsten Küste trägt jeder den Charakter seines Erdstrichs und seiner Lebensweise mit sich. Aus dem Staube aller vier Weltteile, sagt die alte biblische Tradition wurde Adam gebildet, und es durchhauchten ihn Kräfte und Geister der weiten Erde. Wohin seit Jahrtausenden seine Söhne zogen und sich einwohnten, da wurzelten sie als Bäume und gaben dem Klima gemäß Blätter und Früchte. - Lasst uns einige Folgen hieraus ziehen, die manche sonst auffallende Sonderbarkeit der Menschengeschichte zu erklären scheinen.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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