XI.2. Wo war die Bildungsstätte und der älteste Wohnsitz der Menschen?


Daß er an keinem spät entstandenen Erdrande gewesen sein kann, bedarf keines Erweises, und so treten wir sogleich auf die Höhen der ewigen Urgebirge und der an sie allmählich gelagerten Länder.

Entstanden überall Menschen, wie überall Schalentiere entstanden? Gebar das Mondsgebirge den Neger, wie etwa die Andes den Amerikaner, der Ural den Asiaten, die europäischen Alpen den Europäer gebaren? Und hat jedes HauptGebirge der Welt etwa seinen eignen Strich der Menschheit? Warum, da jeder Weltteil seine eigne Tierarten hat, die anderswo nicht leben können und also auf und zu ihm geboren sein müssen, sollte er nicht auch seine eigne Menschengattung haben? Und wären die verschiednen Nationalbildungen, Sitten und Charaktere, insonderheit die so unterschiedne Sprachen der Völker, nicht davon Erweise? Jedermann meiner Leser weiß, wie blendend diese Gründe von mehrern gelehrten und scharfsinnigen Geschichtforschern ausgeführt sind, so daß man's zuletzt als die gezwungenste Hypothese ansah, daß die Natur zwar überall Affen und Bären, aber nicht Menschen habe erschaffen können und also, dem Lauf ihrer andern Wirkungen ganz zuwider, eben ihr zartestes Geschlecht, wenn sie es nur in einem Paar hervorbrachte, durch diese ihr fremde Sparsamkeit tausendfacher Gefahr bloßstellte. »Schaut noch jetzt«, sagt man, »die vielsamige Natur an, wie sie verschwendet, wie sie nicht nur Pflanzen und Gewächse, sondern auch Tiere und Menschen in ungezählten Keimen dem Untergange in den Schoß wirft! Und eben auf dem Punkt, da das menschliche Geschlecht zu gründen war, da sollte die gebärende, die in ihrer jungfräulichen Jugend an Samen aller Wesen und Gestalten so reiche Mutter, die, wie der Bau der Erde zeigt, Millionen lebendiger Geschöpfe in einer Revolution aufopfern konnte, um neue Geschlechter zu gebären: sie sollte damals an niedern Wesen sich erschöpft und ihr wildes Labyrinth voll Leben mit zwei schwachen Menschen vollendet haben?« Lasst uns sehen, wiefern auch diese glänzend-scheinbare Hypothese dem Gange der Kultur und Geschichte unseres Geschlechts entsprechen oder nach seiner Bildung, seinem Charakter und Verhältnis zu den andern Lebendigen der Erde bestehen möge.

 Zuerst ist's offenbar der Natur entgegen, daß sie alles Lebendige in gleicher Anzahl oder auf einmal belebt habe: der Bau der Erde und die innere Beschaffenheit der Geschöpfe selbst macht dies unmöglich.

Elefanten und Würmer, Löwen und Infusionstiere sind nicht in gleicher Zahl da; sie konnten auch uranfangs ihrem Wesen nach weder in gleichem Verhältnis noch auf einmal erschaffen werden. Millionen Muschelgeschöpfe mußten untergehen, ehe auf unserm Erdenfels Gartenbeete zu feinerm Leben wurden; eine Welt von Pflanzen geht jährlich unter, damit sie höheren Wesen das Leben nähre. Wenn man also auch von den Endursachen der Schöpfung ganz abstrahiert, so lag es schon im Stoff der Natur selbst, daß sie aus vielem ein Eins machen und durch das kreisende Rad der Schöpfung Zahlloses zerstören mußte, damit sie ein Minderes, aber Edleres belebte. So fuhr sie von unten hinauf, und indem sie allenthalben genug des Samens nachließ, Geschlechter, die sie dauren lassen wollte, zu erhalten, bahnte sie sich den Weg zu auserlesneren, feinern, höheren Geschlechtern. Sollte der Mensch die Krone der Schöpfung sein, so konnte er mit dem Fisch oder dem Meerschleim nicht eine Masse, einen Tag der Geburt, einen Ort und Aufenthalt haben. Sein Blut sollte kein Wasser werden; die Lebenswärme der Natur mußte also so weit hinaufgeläutert, so fein essentiiert sein, daß sie Menschenblut rötete. Alle seine Gefäße und Fibern, sein Knochengebäude selbst sollte von dem feinsten Ton gebildet werden, und da die Allmächtige nie ohne zweite Ursachen handelt, so mußte sie sich dazu den Stoff in die Hand gearbeitet haben. Selbst die gröbere Tierschöpfung war sie durchgangen; wie und wenn jedes entstehen konnte, entstand es; durch alle Pforten drangen die Kräfte und arbeiteten sich zum Leben. Das Ammonshorn war eher da als der Fisch; die Pflanze ging dem Tier voran, das ohne sie auch nicht leben konnte; der Krokodil und Kaiman schlich eher daher, als der weise Elefant Kräuter las und seinen Rüssel schwenkte. Die fleischfressenden Tiere setzten eine zahlreiche, schon sehr vermehrte Familie derer voraus, von denen sie sich nähren sollten; sie konnten also auch mit diesen nicht auf einmal und in gleicher Anzahl da sein. Der Mensch also, wenn er der Bewohner der Erde und ein Gebieter der Schöpfung sein sollte, mußte sein Reich und Wohnhaus fertig finden; notwendig mußte er also auch spät und in geringerer Anzahl erscheinen als die, so er beherrschen sollte. Hätte die Natur aus dem Stoff ihrer Werkstätte auf Erden etwas Höheres, Reineres und Schöneres, als der Mensch ist, hervorbringen können, warum sollte sie es nicht getan haben? Und daß sie es nicht getan hat, zeigt, daß sie mit dem Menschen die Werkstätte schloß und ihre Gebilde, die sie im Boden des Meers mit dem reichsten Überfluß angefangen hatte, jetzt in der erlesensten Sparsamkeit vollführte. »Gott schuf den Menschen«, sagt die älteste schriftliche Tradition der Völker, »in seinem Gebilde; ein Gleichnis Gottes schuf er in ihm, einen Mann und ein Weib, nach dem Unzähligen, das er geschaffen hatte, die kleinste Zahl; da ruhte er und schuf nicht fürder.« Die lebendige Pyramide war hier bei ihrem Gipfel vollendet.

Wo konnte dieser Gipfel nun stattfinden? Wo erzeugte sich die Perle der vollendeten Erde?

Notwendig im Mittelpunkt der regsten organischen Kräfte, wo, wenn ich so sagen darf, die Schöpfung am weitsten gediehen, am längsten und feinsten ausgearbeitet war; und wo war dieses, als etwa in Asien, wie schon der Bau der Erde mutmaßlich sagt. In Asien nämlich hatte unsere Kugel jene große und weite Höhe, die, nie vom Wasser bedeckt, ihren Felsenrücken in die Länge und Breite vielarmig hinzog. Hier also war die meiste Anziehung wirkender Kräfte, hier rieb und kreiste sich der elektrische Strom, hier setzten sich die Materien des fruchtreichen Chaos in größester Fülle nieder. Um diese Gebirge entstand der größeste Weltteil, wie seine Gestalt zeigt; auf und an diesen Gebirgen lebt die größeste Menge aller Arten lebendiger Tierschöpfung, die wahrscheinlich hier schon streiften und ihres Daseins sich freuten, als andere Erdstrecken noch unter dem Wasser lagen und kaum mit Wäldern oder mit nackten Bergspitzen emporblickten. Der Berg, den Linneus157 sich als das Gebirge der Schöpfung gedacht hat, ist in der Natur; nur nicht als Berg, sondern als ein weites Amphitheater, ein Stern von Gebirgen, die ihre Arme in mancherlei Klimate verteilen. »Ich muß anmerken«, sagt Pallas158, »daß alle Tiere, die in den Nord- und Südländern zahm geworden sind, sich in dem gemäßigten Klima der Mitte Asiens wild finden (den Dromedar ausgenommen, dessen beide Arten nicht wohl außerhalb Afrika fortkommen und sich schwer an das Klima von Asien gewöhnen). Der Stammort des wilden Ochsen, des Büffels, des Mufflon, von welchem unsere Schafe kommen, des Bezoartiers und des Steinbocks, aus deren Vermischung die so fruchtbare Rasse unserer zahmen Ziegen entstanden ist, finden sich in den gebürgigen Ketten, die das mittlere Asien und einen Teil von Europa einnehmen. Das Renntier ist auf den hohen Bergen, die Siberien begrenzen und sein östliches Ende bedecken, häufig und dient daselbst als Last- und Zugvieh. Auch findet es sich auf der uralischen Kette und hat von da aus die nordischen Länder besetzt. Das Kamel mit zwei Buckeln findet sich wild in den großen Wüsten zwischen Tibet und China. Das wilde Schwein hält sich in den Wäldern und Morästen des ganzen gemäßigten Asiens auf. Die wilde Katze, von der unsere Hauskatze abstammt, ist bekannt genug. Endlich stammt die Hauptrasse unserer Haushunde zuverlässig vom Schakal her, ob ich dieselbe gleich nicht für ganz unverfälscht halte, sondern glaube, daß sie sich vor undenklicher Zeit mit dem gemeinen Wolf, dem Fuchs und selbst mit der Hyäne vermischt habe, welches die ungemeine Verschiedenheit der Gestalt und Größe der Hunde verursacht hat« u. f. So Pallas. Und wem ist der Reichtum Asiens, insonderheit seiner mittägigen Länder, an Naturprodukten unbekannt? Es ist, als ob um diese erhabenste Höhe der Welt sich nicht nur das breitste, sondern auch das reichste Land gesetzt habe, das von Anfange her die meiste organische Wärme in sich gezogen. Die weisesten Elefanten, die klügsten Affen, die lebhaftesten Tiere nährt Asien; ja vielleicht hat es, seines Verfalls ungeachtet, der genetischen Anlage nach die geistreichsten und erhabensten Menschen.

 Wie aber die andern Weltteile? Daß Europa sowohl an Menschen als Tieren meistens aus Asien besetzt sei und wahrscheinlich einem großen Teil nach noch mit Wasser oder mit Wald und Morästen bedeckt gewesen, als das höhere Asien schon kultiviert war, ist sogar aus der Geschichte erweislich. Das innere Afrika kennen wir zwar noch wenig; die Höhe und Gestalt seines mittleren Bergrückens insonderheit ist uns ganz fremde; indessen wird aus mehreren Gründen wahrscheinlich, daß dieser wasserarme und große Strecken hinein niedrige Weltteil mit seinem Erdrücken schwerlich an die Höhe und Breite Asiens reiche. Auch er ist also vielleicht länger bedeckt gewesen; und obwohl der warme Erdgürtel sowohl der Pflanzen- als Tierschöpfung daselbst ein eignes kräftiges Gepräge nicht versagte, so scheint es doch, daß Afrika und Europa nur wie Kinder sind, an den Schoß der Mutter, Asien, gelehnt. Die meisten Tiere haben diese drei Weltteile gemein und sind im ganzen nur ein Weltteil.

 Amerika endlich: sowohl der Strich seiner steilen, unbewohnbar-hohen Gebirge als deren noch tobende Vulkane und ihnen zu Füßen das niedrige, in großen Strecken meerflache Land samt der lebendigen Schöpfung desselben, die sich vorzüglich in der Vegetation, den Amphibien, Insekten, Vögeln und dagegen in weniger Gattungen vollkommner und so lebhafter Landtiere freut, als in denen sich die Alte Welt fühlt: alle diese Gründe, zu denen die junge und rohe Verfassung seiner gesamten Völkerschaften mitgehört, machen diesen Weltteil schwerlich als den ältestbewohnten kennbar. Vielmehr ist er, gegen die andere Erdhälfte betrachtet, dem Naturforscher ein reiches Problem der Verschiedenheit zweier entgegengesetzten Hemisphäre. Schwerlich also dörfte auch das schöne Tal Quito der Geburtsort eines ursprünglichen Menschenpaars gewesen sein, so gern ich ihm und den MondGebirgen Afrikas die Ehre gönne und niemanden widersprechen mag, der hiezu Beweistümer fände.

Aber genug der bloßen Mutmaßungen, die ich nicht dazu gemißbraucht wünsche, daß man dem Allmächtigen die Kraft und den Stoff, Menschen, wo er will, zu schaffen, abspräche. Die Stimme, die allenthalben Meer und Land mit eignen Bewohnern bepflanzte, konnte auch jedem Weltteil seine eingebornen Beherrscher geben, wenn sie es für gut fand. Ließe sich nicht aber in dem bisher entwickelten Charakter der Menschheit die Ursache finden, warum sie es nicht beliebte? Wir sahen, daß die Vernunft und Humanität der Menschen von Erziehung, Sprache und Tradition abhange und daß unser Geschlecht hierin völlig vom Tier unterschieden sei, das seinen unfehlbaren Instinkt auf die Welt mitbringt. Ist dies, so konnte, schon seinem spezifischen Charakter nach, der Mensch nicht Tieren gleich überall in die wilde Wüste geworfen werden. Der Baum, der allenthalben nur künstlich fortkommen konnte, sollte vielmehr aus einer Wurzel an einem Ort wachsen, wo er am besten gedeihen, wo der, der ihn gepflanzt hatte, ihn selbst warten konnte. Das Menschengeschlecht, das zur Humanität bestimmt war, sollte von seinem Ursprunge an ein Brudergeschlecht aus einem Blut, am Leitbande einer bildenden Tradition werden, und so entstand das Ganze, wie noch jetzt jede Familie entspringt, Zweige von einem Stamm, Sprossen aus einem ursprünglichen Garten. Mich dünkt, jedem, der das Charakteristische unserer Natur, die Beschaffenheit und Art unserer Vernunft, die Weise, wie wir zu Begriffen kommen und die Humanität in uns bilden, erwägt, ihm müsse dieser auszeichnende Plan Gottes über unser Geschlecht, der uns auch dem Ursprunge nach vom Tier unterscheidet, als der angemessenste, schönste und würdigste erscheinen. Mit diesem Entwurf wurden wir Lieblinge der Natur, die sie als Früchte ihres reifsten Fleißes oder, wenn man will, als Söhne ihres hohen Alters auf der Stelle hervorbrachte, die sich am besten für diese zarten Spätlinge geziemte. Hier erzog sie solche mit mütterlicher Hand und hatte um sie gelegt, was vom ersten Anfange an die Bildung ihren künstlichen Menschencharakters erleichtern konnte. So wie nur eine Menschenvernunft auf der Erde möglich war und die Natur daher auch nur eine Gattung vernunftfähiger Geschöpfe hervorbrachte, so ließ sie diese Vernunftfähigen auch in einer Schule der Sprache und Tradition erzogen werden und übernahm selbst diese Erziehung durch eine Folge von Generationen aus einem Ursprung.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 02:18:47 •
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