Wissenschaft der Natur und Wissenschaft der Intelligenz


Wegen der inneren Identität beider Wissenschaften — da beide das Absolute darstellen, wie es sich aus den niedrigen Potenzen einer Form der Erscheinung zur Totalität in dieser Form gebiert —, ist jede Wissenschaft ihrem Zusammenhange und ihrer Stufenfolge nach der anderen gleich. Eine ist ein Beleg der anderen; wie ein älterer Philosoph davon ungefähr so gesprochen hat: die Ordnung und der Zusammenhang der Ideen (des Subjektiven) ist derselbe als der Zusammenhang und die Ordnung der Dinge51) (des Objektiven). Alles ist nur in einer Totalität; die objektive Totalität und die subjektive Totalität, das System der Natur und das System der Intelligenz ist eines und ebendasselbe; einer subjektiven Bestimmtheit korrespondiert ebendieselbe objektive Bestimmtheit.

Als Wissenschaften sind sie objektive Totalitäten und gehen von Beschränktem zu Beschränktem fort. Jedes Beschränkte ist aber selbst im Absoluten, also innerlich ein Unbeschränktes; seine äußere Beschränkung verliert es dadurch, daß es im systematischen Zusammenhange in der objektiven Totalität gesetzt ist; in dieser hat es auch als ein Beschränktes Wahrheit, und Bestimmung seiner Stelle ist das Wissen von ihm. Zu Jacobis Ausdruck, daß die Systeme ein organisiertes Nichtwissen52) seien, muß nur hinzugefügt werden, daß das Nichtwissen — das Erkennen Einzelner — dadurch, daß es organisiert wird, ein Wissen wird.

Außer der äußeren Gleichheit, insofern diese Wissenschaften abgesondert stehen, durchdringen ihre Prinzipien sich zugleich notwendig unmittelbar. Wenn das Prinzip der einen das subjektive Subjekt-Objekt, das andere das objektive Subjekt-Objekt ist, so ist ja im System der Subjektivität zugleich das Objektive, im System der Objektivität zugleich das Subjektive, — die Natur so gut eine immanente Idealität als die Intelligenz eine immanente Realität. Beide Pole des Erkennens und des Seins sind in jedem, beide haben also auch den Indifferenzpunkt in sich; nur ist in dem einen System der Pol des Ideellen, in dem andern der Pol des Reellen überwiegend. Jener kommt in der Natur nicht bis zum Punkt der absoluten Abstraktion, die sich gegen die unendliche Expansion als Punkt in sich selbst setzt, wie das Ideelle sich in der Vernunft konstruiert; dieser kommt in der Intelligenz nicht bis zur Einwicklung53) des Unendlichen, das in dieser Kontraktion sich unendlich außer sich setzt, wie das Reelle sich in der Materie konstruiert. Jedes System ist ein System der Freiheit und der Notwendigkeit zugleich. Freiheit und Notwendigkeit sind ideelle Faktoren, also nicht in reeller Entgegensetzung; das Absolute kann sich daher in keiner von beiden Formen als Absolutes setzen, und die Wissenschaften der Philosophie können nicht die eine ein System der Freiheit, die andere ein System der Notwendigkeit sein. Eine solche getrennte Freiheit wäre eine formale Freiheit, so wie eine getrennte Notwendigkeit eine formale Notwendigkeit. Freiheit ist Charakter des Absoluten, wenn es gesetzt wird als ein Inneres, das, insofern es sich in eine beschränkte Form, in bestimmte Punkte der objektiven Totalität setzt, bleibt, was es ist, ein nicht Beschränktes, wenn es also in Entgegensetzung mit seinem Sein, d. h. als Inneres betrachtet wird, demnach mit der Möglichkeit, es zu verlassen und in eine andere Erscheinung überzugehen. Notwendigkeit ist Charakter des Absoluten, insofern es betrachtet wird als ein Äußeres, als eine objektive Totalität, also als ein Außereinander, dessen Teilen aber kein Sein zukommt, außer in dem Ganzen der Objektivität. Weil Intelligenz sowohl als die Natur dadurch, daß sie im Absoluten gesetzt sind, eine reelle Entgegensetzung haben, kommen die ideellen Faktoren der Freiheit und Notwendigkeit einer jeden zu. Aber der Schein der Freiheit, die Willkür, d. h. eine Freiheit, in welcher ganz von der Notwendigkeit oder von der Freiheit als einer Totalität abstrahiert würde — was nur geschehen kann, insofern die Freiheit schon innerhalb einer einzelnen Sphäre gesetzt ist —, sowie der der Willkür für die Notwendigkeit entsprechende Zufall, mit welchem einzelne Teile gesetzt sind, als ob sie nicht in der objektiven Totalität und durch sie allein, sondern für sich wären, — Willkür und Zufall, die nur auf untergeordneteren Standpunkten Raum haben, sind aus dem Begriff der Wissenschaften des Absoluten verbannt. Hingegen Notwendigkeit gehört der Intelligenz an wie der Natur. Denn da die Intelligenz im Absoluten gesetzt ist, so kommt ihr gleichfalls die Form des Seins zu; sie muß sich entzweien und erscheinen; sie ist eine vollendete Organisation von Erkennen und Anschauen. Jede ihrer Gestalten ist durch entgegengesetzte bedingt, und wenn die abstrakte Identität der Gestalten als Freiheit von den Gestalten selbst isoliert wird, so ist sie nur ein ideeller Pol des Indifferenzpunktes der Intelligenz, der eine objektive Totalität als den anderen immanenten Pol hat. Die Natur dagegen hat Freiheit, denn sie ist nicht ein ruhendes Sein, sondern zugleich ein Werden, — ein Sein, das nicht von außen entzweit und synthesiert wird, sondern sich in sich selbst trennt und vereint und in keiner ihrer Gestalten sich als ein bloß Beschränktes, sondern als das Ganze frei setzt. Ihre bewußtlose Entwicklung ist eine Reflexion der lebendigen Kraft, die sich endlos entzweit, aber in jeder beschränkten Gestalt sich selbst setzt und identisch ist; und insofern ist keine Gestalt der Natur beschränkt, sondern frei.

Wenn daher die Wissenschaft der Natur überhaupt der theoretische Teil, die Wissenschaft der Intelligenz der praktische Teil der Philosophie ist, so hat zugleich jede wieder für sich einen eigenen theoretischen und praktischen Teil. Wie in dem System der Natur die Identität in der Potenz des Lichts, der schweren Materie nicht an sich, sondern als Potenz ein Fremdes ist, das sie zur Kohäsion entzweit und eint und ein System der anorganischen Natur produziert, so ist für die in objektiven Anschauungen sich produzierende Intelligenz die Identität in der Potenz des Sich-selbst-Setzens ein nicht Vorhandenes, — die Identität erkennt nicht sich selbst in der Anschauung; beides ist ein nicht auf ihr Handeln reflektierendes Produzieren der Identität, also Gegenstand eines theoretischen Teils. Ebenso hingegen wie im Willen die Intelligenz sich erkennt und sich als sich selbst in die Objektivität hineinsetzt, ihre bewußtlos produzierten Anschauungen vernichtet, so wird die Natur in der organischen Natur praktisch, indem das Licht zu seinem Produkte tritt und ein Inneres wird. Wenn es in der anorganischen Natur den Kontraktionspunkt nach außen in die Kristallisation als eine äußere Idealität setzt, so bildet das Licht in der organischen Natur sich als Inneres zur Kontraktion des Gehirns, schon in der Pflanze als Blume, in welcher das innere Lichtprinzip in Farben sich zerstreut und in ihnen schnell hinwelkt; aber in ihr, so wie fester im Tier, setzt es sich durch die Polarität der Geschlechter subjektiv und objektiv zugleich; das Individuum sucht und findet sich selbst in einem anderen. Intensiver im Inneren bleibt das Licht im Tier, in welchem es als mehr oder weniger veränderliche Stimme seine Individualität als ein Subjektives in allgemeiner Mitteilung, [als] sich erkennend und anzuerkennend setzt. Indem die Naturwissenschaft die Identität, wie sie die Momente der anorganischen Natur von innen heraus rekonstruiert, darstellt, hat sie in sich einen praktischen Teil. Der rekonstruierte, praktische Magnetismus ist die Aufhebung der nach außen sich in Pole expandierenden Schwerkraft, ihre Rekontraktion in den Punkt der Indifferenz des Gehirns und ihr Versetzen der zwei Pole nach innen, als zweier Indifferenzpunkte, wie sie die Natur auch in den elliptischen Bahnen der Planeten aufstellt; die von innen rekonstruierte Elektrizität setzt die Geschlechterdifferenz der Organisationen, deren jede durch sich selbst die Differenz produziert, um ihres Mangels willen sich ideell setzt, in einer anderen sich objektiv findet und die Identität durch Zusammenfließen mit ihr sich geben muß. Die Natur, insofern sie durch chemischen Prozeß praktisch wird, hat das Dritte, die Differenten Vermittelnde, in sie selbst als ein Inneres zurückgelegt, welches als Ton, ein inneres sich selbst produzierendes Klingen, wie der dritte Körper des anorganischen Prozesses ein Potenzloses ist und vergeht, die absolute Substantialität der differenten Wesen auslöscht und sie zur Indifferenz des gegenseitigen Sich-Anerkennens bringt, eines idealen Setzens, das nicht wieder wie das Geschlechtsverhältnis in einer reellen Identität erstirbt.

 

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51) Spinoza, Ethik II, Propos. VII

52) vgl. Jacobi, Werke, Bd. III, S. 29

53) vielleicht "Entwicklung"?


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Seite zuletzt aktualisiert: 10.11.2006 
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