Geschäft der auf Logik reduzierten Philosophie


Wir gehen zur Betrachtung desjenigen über, was das wahre Geschäft der auf Logik reduzierten Philosophie

a. Das Denken wird nicht erst in der Anwendung und durch die Anwendung und als ein Angewendetes zu einem Denken, sondern es muß sein innerer Charakter hier verstanden werden, und dieser ist die unendliche Wiederholbarkeit von einem und ebendemselben, in einem und ebendemselben und durch ein und ebendasselbe, — die reine Identität, die absolute, alles Außereinander, Nacheinander und Nebeneinander aus sich ausschließende Unendlichkeit.75)

b. Ein ganz Anderes als das Denken selbst ist die Anwendung des Denkens; so gewiß das Denken selbst keineswegs die Anwendung des Denkens ist, so gewiß muß in der Anwendung und durch dieselbe zum Denken

c. noch ein Drittes hinzukommen = C, die Materie der Anwendung des Denkens76); diese im Denken teils vernichtete, teils mit ihm sich fügende Materiatur wird postuliert, und die Befugnis und die Notwendigkeit, die Materie anzunehmen und vorauszusetzen, liegt darin, daß das Denken unmöglich angewendet werden könnte, wenn nicht eine Materie wäre. Weil nun die Materie nicht sein kann, was das Denken ist — denn, wenn sie dasselbe wäre, wäre sie nicht ein Anderes und es fände keine Anwendung statt, weil der innere Charakter des Denkens die Einheit ist -, so ist der innere Charakter der Materie der jenem entgegengesetzte, Mannigfaltigkeit.77) — Was ehemals geradezu als empirisch gegeben angenommen wurde, wird seit den Kantischen Zeiten postuliert, und so was heißt dann immanent bleiben; nur im Subjektiven — das Objektive muß postuliert sein — werden empirisch gegebene Gesetze, Formen, oder wie man sonst will, unter dem Namen von Tatsachen des Bewußtseins noch verstattet.

Was zuerst das Denken betrifft, so setzt, wie schon oben erinnert, Reinhold den Grundfehler aller neueren Philosophie in das Grundvorurteil und böse Angewöhnung, daß man das Denken für eine bloß subjektive Tätigkeit nehme, und ersucht, nur zum Versuch, vorderhand einmal von aller Subjektivität und Objektivität desselben zu abstrahieren. Es ist aber nicht schwer zu sehen, daß — sowie das Denken in die reine, d. h. von der Materiatur abstrahierende, also entgegengesetzte Einheit gesetzt wird und dann, wie notwendig ist, auf diese Abstraktion das Postulat einer vom Denken wesentlich verschiedenen und unabhängigen Materie folgt — jener Grundfehler und Grundvorurteil selbst in seiner ganzen Stärke hervortritt. Das Denken ist hier wesentlich nicht die Identität des Subjekts und Objekts, wodurch es als die Tätigkeit der Vernunft charakterisiert und damit zugleich von aller Subjektivität und Objektivität nur dadurch abstrahiert wird, daß es beides zugleich ist, sondern das Objekt ist eine fürs Denken postulierte Materie und dadurch das Denken nichts anderes als ein subjektives. Wenn man dem Ersuchen also auch den Gefallen tun wollte, von der Subjektivität des Denkens zu abstrahieren und es als subjektiv und objektiv zugleich und also zugleich mit keinem dieser Prädikate zu setzen, so wird dies nicht verstattet, sondern durch die Entgegensetzung eines Objektiven wird es als ein Subjektives bestimmt und die absolute Entgegensetzung zum Thema und Prinzip der durch die Logik in Reduktion gefallenen Philosophie gemacht.

Nach diesem Prinzip fällt denn auch die Synthese aus. Sie ist mit einem populären Worte als eine Anwendung ausgedrückt, und auch in dieser dürftigen Gestalt, für welche von zwei absolut Entgegengesetzten zum Synthesieren nicht viel abfallen kann, stimmt sie damit nicht überein, daß das erste Thema der Philosophie ein Begreifliches sein soll; denn auch die geringe Synthese des Anwendens enthält einen Übergang der Einheit in das Mannigfaltige, eine Vereinigung des Denkens und der Materie, schließt also ein sogenanntes Unbegreifliches in sich. Um sie synthesieren zu können, müßte Denken und Materie nicht absolut entgegengesetzt, sondern ursprünglich eins gesetzt werden, und damit wären wir bei der leidigen Identität des Subjekts und Objekts, der transzendentalen Anschauung, dem intellektuellen Denken.

 

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75) Reinhold, Beiträge, 1. Heft, S. 100, 106 f.

76) Reinhold, Beiträge, 1. Heft, S. 107, 110

77) vgl. C. G. Bardili, Grundriß der ersten Logik, Stuttgart 1800, S. 35, 114; Reinhold, Beiträge, 1. Heft, S. 111 f.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 10.11.2006 
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