Verhältnis des Philosophierens zu einem
philosophischen System


Das Bedürfnis der Philosophie kann sich darin befriedigen, zum Prinzip der Vernichtung aller fixierten Entgegensetzung und zu der Beziehung des Beschränkten auf das Absolute durchgedrungen zu sein. Diese Befriedigung im Prinzip der absoluten Identität findet sich im Philosophieren überhaupt. Das Gewußte wäre seinem Inhalte nach ein Zufälliges, die Entzweiungen, auf deren Vernichtung es ging, gegeben und verschwunden und nicht selbst wieder konstruierte Synthesen; der Inhalt eines solchen Philosophierens hätte überhaupt keinen Zusammenhang unter sich und machte nicht eine objektive Totalität des Wissens aus. Wegen des Unzusammenhängenden seines Inhalts allein ist dies Philosophieren gerade nicht notwendig ein Räsonieren. Letzteres zerstreut die Gesetzten nur in größere Mannigfaltigkeit, und wenn es, in diesen Strom gestürzt, haltungslos schwimmt, so soll die ganze selbst haltungslose Ausdehnung der verständigen Mannigfaltigkeit bestehenbleiben; dem wahren, obschon unzusammenhängenden Philosophieren dagegen verschwindet das Gesetzte und seine Entgegengesetzten, indem es dasselbe nicht bloß in Zusammenhang mit anderen Beschränkten, sondern in Beziehung aufs Absolute bringt und dadurch aufhebt.

Weil aber diese Beziehung des Beschränkten auf das Absolute ein Mannigfaltiges ist, da die Beschränkten es sind, so muß das Philosophieren darauf ausgehen, diese Mannigfaltigkeit als solche in Beziehung zu setzen. Es muß das Bedürfnis entstehen, eine Totalität des Wissens, ein System der Wissenschaft zu produzieren. Hierdurch erst befreit sich die Mannigfaltigkeit jener Beziehungen von der Zufälligkeit, indem sie ihre Stellen im Zusammenhang der objektiven Totalität des Wissens erhalten und ihre objektive Vollständigkeit zustande gebracht wird. Das Philosophieren, das sich nicht zum System konstruiert, ist eine beständige Flucht vor den Beschränkungen, — mehr ein Ringen der Vernunft nach Freiheit als reines Selbsterkennen derselben, das seiner sicher und über sich klar geworden ist. Die freie Vernunft und ihre Tat ist eins, und ihre Tätigkeit ein reines Darstellen ihrer selbst.

In dieser Selbstproduktion der Vernunft gestaltet sich das Absolute in eine objektive Totalität, die ein Ganzes in sich selbst getragen und vollendet ist, keinen Grund außer sich hat, sondern durch sich selbst in ihrem Anfang, Mittel und Ende begründet ist. Ein solches Ganzes erscheint als eine Organisation von Sätzen und Anschauungen. Jede Synthese der Vernunft und die ihr korrespondierende Anschauung, die beide in der Spekulation vereinigt sind, ist als Identität des Bewußten und Bewußtlosen für sich im Absoluten und unendlich; zugleich aber ist sie endlich und beschränkt, insofern sie in der objektiven Totalität gesetzt ist und andere außer sich hat. Die unentzweiteste Identität — objektiv die Materie, subjektiv das Fühlen (Selbstbewußtsein) — ist zugleich eine unendlich entgegengesetzte, eine durchaus relative Identität; die Vernunft, das Vermögen (insofern der objektiven) Totalität vervollständigt sie durch ihr Entgegengesetztes und produziert durch die Synthese beider eine neue Identität, die selbst wieder vor der Vernunft eine mangelhafte ist, die ebenso sich wieder ergänzt. Am reinsten gibt sich die weder synthetisch noch analytisch zu nennende Methode des Systems, wenn sie als eine Entwicklung der Vernunft selbst erscheint, welche die Emanation ihrer Erscheinung als eine Duplizität nicht in sich immer wieder zurückruft - hiermit vernichtete sie dieselbe nur -, sondern sich in ihr zu einer durch jene Duplizität bedingten Identität konstruiert, diese relative Identität wieder sich entgegensetzt, so daß das System bis zur vollendeten objektiven Totalität fortgeht, sie mit der entgegenstehenden subjektiven zur unendlichen Weltanschauung vereinigt, deren Expansion sich damit zugleich in die reichste und einfachste Identität kontrahiert hat. Es ist möglich, daß eine echte Spekulation sich in ihrem System nicht vollkommen ausspricht oder daß die Philosophie des Systems und das System selbst nicht zusammenfallen, daß ein System aufs bestimmteste die Tendenz, alle Entgegensetzungen zu vernichten, ausdrückt und für sich nicht zur vollständigsten Identität durchdringt. Die Unterscheidung dieser beiden Rücksichten wird besonders in Beurteilung philosophischer Systeme wichtig. Wenn in einem System sich das zum Grunde liegende Bedürfnis nicht vollkommen gestaltet hat und ein Bedingtes, nur in der Entgegensetzung Bestehendes zum Absoluten erhoben hat, so wird es als System Dogmatismus; aber die wahre Spekulation kann sich in den verschiedensten sich gegenseitig als Dogmatismen und Geistesverirrungen verschreienden Philosophien finden. Die Geschichte der Philosophie hat allein Wert und Interesse, wenn sie diesen Gesichtspunkt festhält. Sonst gibt sie nicht die Geschichte der in unendlich mannigfaltigen Formen sich darstellenden ewigen und einen Vernunft, sondern nichts als eine Erzählung zufälliger Begebenheiten des menschlichen Geistes und sinnloser Meinungen, die der Vernunft aufgebürdet werden, da sie doch allein demjenigen zur Last fallen, der das Vernünftige in ihnen nicht erkannt und sie deswegen verkehrt hat.

Eine echte Spekulation, die aber nicht zu ihrer vollständigen Selbstkonstruktion im System durchdringt, geht notwendig von der absoluten Identität aus; die Entzweiung derselben in Subjektives und Objektives ist eine Produktion des Absoluten. Das Grundprinzip ist also völlig transzendental, und von seinem Standpunkt aus gibt es keine absolute Entgegensetzung des Subjektiven und Objektiven. Aber somit ist die Erscheinung des Absoluten eine Entgegensetzung; das Absolute ist nicht in seiner Erscheinung; beide sind selbst entgegengesetzt. Die Erscheinung ist nicht Identität. Diese Entgegensetzung kann nicht transzendental aufgehoben werden, d h. nicht so, daß es an sich keine Entgegensetzung gebe; hiermit ist die Erscheinung nur vernichtet, und die Erscheinung soll doch gleichfalls sein; es würde behauptet, daß das Absolute in seiner Erscheinung aus sich herausgegangen wäre. Das Absolute muß sich also in der Erscheinung selbst setzen, d. h. diese nicht vernichten, sondern zur Identität konstruieren. Eine falsche Identität ist das Kausalverhältnis zwischen dem Absoluten und seiner Erscheinung; denn diesem Verhältnis liegt die absolute Entgegensetzung zum Grunde. In ihm bestehen beide Entgegengesetzte, aber in verschiedenem Rang; die Vereinigung ist gewaltsam, das eine bekommt das andere unter sich; das eine herrscht, das andere wird botmäßig. Die Einheit ist in einer nur relativen Identität erzwungen, die Identität, die eine absolute sein soll, ist eine unvollständige. Das System ist zu einem Dogmatismus — zu einem Realismus, der die Objektivität, oder zu einem Idealismus, der die Subjektivität absolut setzt — wider seine Philosophie geworden, wenn beide (was bei jenem zweideutiger ist als bei diesem) aus wahrer Spekulation hervorgegangen sind.

Der reine Dogmatismus, der ein Dogmatismus der Philosophie ist, bleibt auch seiner Tendenz nach in der Entgegensetzung immanent; das Verhältnis der Kausalität, in seiner vollständigeren Form als Wechselwirkung, die Einwirkung des Intellektuellen auf das Sinnliche oder des Sinnlichen auf das Intellektuelle ist in ihm als Grundprinzip herrschend. Im konsequenten Realismus und Idealismus spielt es nur eine untergeordnete Rolle, wenn es auch zu herrschen scheint und in jenem das Subjekt als Produkt des Objekts, in diesem das Objekt als Produkt des Subjekts gesetzt wird; das Kausalitätsverhältnis ist aber dem Wesen nach aufgehoben, indem das Produzieren ein absolutes Produzieren, das Produkt ein absolutes Produkt ist, d. h. indem das Produkt keinen Bestand hat als nur im Produzieren, nicht gesetzt ist als ein Selbständiges, vor und unabhängig von dem Produzieren Bestehendes, wie im reinen Kausalitätsverhältnis, dem formellen Prinzip des Dogmatismus der Fall ist. In diesem ist es ein durch A Gesetztes, und zugleich auch nicht durch A Gesetztes, A also absolut nur Subjekt, und A = A drückt nur die Verstandesidentität aus. Wenn auch die Philosophie in ihrem transzendentalen Geschäfte sich des Kausalverhältnisses bedient, so ist B, das dem Subjekt entgegengesetzt erscheint, seinem Entgegengesetztsein nach eine bloße Möglichkeit und bleibt absolut eine Möglichkeit, d. h. es ist nur Akzidenz; und das wahre Verhältnis der Spekulation, das Substantialitätsverhältnis ist unter dem Schein des Kausalverhältnisses das transzendentale Prinzip. Formell läßt sich dies auch so ausdrücken: Der wahre Dogmatismus anerkennt beide Grundsätze A = A und A = B, aber sie bleiben in ihrer Antinomie, unsynthesiert nebeneinander; er erkennt nicht, daß hierin eine Antinomie liegt, und darum auch nicht die Notwendigkeit, das Bestehen der Entgegengesetzten aufzuheben; der Übergang von einem zum andern durch Kausalitätsverhältnis ist die einzige ihm mögliche unvollständige Synthesis. Ungeachtet nun die Transzendentalphilosophie diesen scharfen Unterschied von dem Dogmatismus hat, so ist sie insofern, als sie sich zum System konstruiert, fähig, in ihn überzugehen, wenn sie nämlich - insofern nichts ist als die absolute Identität und in ihr alle Differenz und das Bestehen Entgegengesetzter sich aufhebt — kein reelles Kausalverhältnis gelten läßt, aber — insofern die Erscheinung zugleich bestehen und hiermit ein anderes Verhältnis des Absoluten zur Erscheinung als das der Vernichtung der letzteren vorhanden sein soll -das Kausalitätsverhältnis einführt, die Erscheinung zu einem Botmäßigen macht und also die transzendentale Anschauung nur subjektiv, nicht objektiv, oder die Identität nicht in die Erscheinung setzt. A = A und A = B bleiben beide unbedingt; es soll nur A = A gelten; d. h. aber, ihre Identität ist nicht in ihrer wahren Synthese, die kein bloßes Sollen ist, dargestellt. So ist im Fichteschen System Ich = Ich das Absolute. Die Totalität der Vernunft führt den zweiten Satz herbei, der ein Nicht-Ich setzt; es ist nicht nur in dieser Antinomie des Setzens beider Vollständigkeit vorhanden, sondern auch ihre Synthese wird postuliert. Aber in dieser bleibt die Entgegensetzung; es sollen nicht beide, Ich wie Nicht-Ich, vernichtet werden, sondern der eine Satz soll bestehen, der eine höher an Rang sein als der andere. Die Spekulation des Systems fordert die Aufhebung der Entgegengesetzten, aber das System selbst hebt sie nicht auf; die absolute Synthesis, zu welcher dieses gelangt, ist nicht Ich = Ich, sondern Ich soll gleich Ich sein. Das Absolute ist für den transzendentalen Gesichtspunkt, aber nicht für den der Erscheinung konstruiert; beide widersprechen sich noch. Weil die Identität nicht zugleich in die Erscheinung gesetzt worden oder die Identität nicht auch vollkommen in die Objektivität übergegangen ist, so ist die Transzendentalität selbst ein Entgegengesetztes, das Subjektive, und man kann auch sagen, die Erscheinung ist nicht vollständig vernichtet worden.

Es soll in der folgenden Darstellung des Fichteschen Systems versucht werden, zu zeigen, daß das reine Bewußtsein, die im System als absolut aufgestellte Identität des Subjekts und Objekts, eine subjektive Identität des Subjekts und Objekts ist. Die Darstellung wird den Gang nehmen, Ich, das Prinzip des Systems, als subjektives Subjekt-Objekt zu erweisen, sowohl unmittelbar als an der Art der Deduktion der Natur und besonders an den Verhältnissen der Identität in den besonderen Wissenschaften der Moral und des Naturrechts und dem Verhältnis des ganzen Systems zum Ästhetischen.

Es erhellt schon aus dem Obigen, daß in dieser Darstellung zunächst von dieser Philosophie als System die Rede ist und nicht, insofern es die gründlichste und tiefste Spekulation, ein echtes Philosophieren und durch die Zeit, in welcher sie erscheint und in der auch die Kantische Philosophie die Vernunft nicht zu dem abhanden gekommenen Begriff echter Spekulation hatte erregen können, um so merkwürdiger ist.


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