Praktisches Vermögen


Weil im bewußtlosen Produzieren die Spekulation ihr Prinzip Ich = Ich nicht vollständig aufweisen kann, sondern das Objekt des theoretischen Vermögens notwendig ein von Ich nicht Bestimmtes in sich enthält, so wird an das praktische Vermögen verwiesen. Dem Ich kann es nicht durch bewußtloses Produzieren gelingen, sich als Ich = Ich zu setzen oder sich als Subjekt = Objekt anzuschauen; die Forderung ist also noch vorhanden, daß Ich sich als Identität, als Subjekt = Objekt, d. i. praktisch produziere, daß Ich sich selbst in das Objekt metamorphosiere. Diese höchste Forderung bleibt im Fichteschen System eine Forderung; sie wird nicht nur nicht in eine echte Synthese aufgelöst, sondern als Forderung fixiert, damit das Ideale dem Reellen absolut entgegengesetzt und die höchste Selbstanschauung des Ichs als eines Subjekt = Objekts unmöglich gemacht.

Ich = Ich wird praktisch postuliert und dies so vorgestellt, daß Ich sich auf diese Art als Ich zum Objekt werde, indem es mit dem Nicht-Ich ins Kausalitätsverhältnis trete, wodurch Nicht-Ich verschwände und das Objekt ein absolut vom Ich Bestimmtes, also = Ich wäre. Hier wird das Kausalitätsverhältnis herrschend und dadurch die Vernunft oder das Subjekt = Objekt als eins der Entgegengesetzten fixiert und die wahre Synthese unmöglich gemacht.

Diese Unmöglichkeit, daß das Ich sich aus der Entgegensetzung der Subjektivität und des X, das ihm im bewußtlosen Produzieren entsteht, rekonstruiert und eins wird mit seiner Erscheinung, — drückt sich so aus, daß die höchste Synthese, die das System aufzeigt, ein Sollen ist. Ich gleich Ich verwandelt sich in: Ich soll gleich Ich sein; das Resultat des Systems kehrt nicht in seinen Anfang zurück.

Ich soll die objektive Welt vernichten, Ich soll absolute Kausalität auf Nicht-Ich haben18); dies wird widersprechend gefunden, denn damit würde Nicht-Ich aufgehoben, und das Entgegensetzen oder das Setzen eines Nicht-Ich ist absolut. Die Beziehung der reinen Tätigkeit auf ein Objekt kann also nur als Streben19) gesetzt werden. Das objektive, dem subjektiven gleiche Ich hat, weil es Ich = Ich darstellt, ein Entgegensetzen, also ein Nicht-Ich zugleich gegen sich; jenes, das ideale, und dieses, das reelle, sollen gleich sein. Dies praktische Postulat des absoluten Sollens drückt nichts als eine gedachte Vereinigung der Entgegensetzung, die sich nicht in eine Anschauung vereinigt, nur die Antithese des ersten und zweiten Grundsatzes aus.

 

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18) Fichte, Wissenschaftslehre, SW, Bd. 1, S. 250 f.

19) Fichte, Wissenschaftslehre, SW, Bd. 1, S. 261 f.


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