Transzendentale Anschauung


Insofern die Spekulation von der Seite der bloßen Reflexion angesehen wird, erscheint die absolute Identität in Synthesen Entgegengesetzter, also in Antinomien. Die relativen Identitäten, in die sich die absolute differenziert, sind zwar beschränkt und insofern für den Verstand und nicht antinomisch; zugleich aber, weil sie Identitäten sind, sind sie nicht reine Verstandesbegriffe; und sie müssen Identitäten sein, weil in einer Philosophie kein Gesetztes ohne Beziehung aufs Absolute stehen kann. Von der Seite dieser Beziehung aber ist selbst jedes Beschränkte eine (relative) Identität und insofern für die Reflexion ein Antinomisches, — und dies ist die negative Seite des Wissens, das Formale, das, von der Vernunft regiert, sich selbst zerstört. Außer dieser negativen Seite hat das Wissen eine positive Seite, nämlich die Anschauung. Reines Wissen (das hieße Wissen ohne Anschauung) ist die Vernichtung der Entgegengesetzten im Widerspruch; Anschauung ohne diese Synthese Entgegengesetzter ist empirisch, gegeben, bewußtlos. Das transzendentale Wissen vereinigt beides, Reflexion und Anschauung; es ist Begriff und Sein zugleich. Dadurch, daß die Anschauung transzendental wird, tritt die Identität des Subjektiven und Objektiven, welche in der empirischen Anschauung getrennt sind, ins Bewußtsein; das Wissen, insofern es transzendental wird, setzt nicht bloß den Begriff und seine Bedingung oder die Antinomie beider, das Subjektive —, sondern zugleich das Objektive, das Sein. Im philosophischen Wissen ist das Angeschaute eine Tätigkeit der Intelligenz und der Natur, des Bewußtseins und des Bewußtlosen zugleich. Es gehört beiden Welten, der ideellen und reellen zugleich an, — der ideellen, indem es in der Intelligenz und dadurch in Freiheit gesetzt ist, — der reellen, indem es seine Stelle in der objektiven Totalität [hat], als ein Ring in der Kette der Notwendigkeit deduziert wird. Stellt man sich auf den Standpunkt der Reflexion oder der Freiheit, so ist das Ideelle das Erste, und das Wesen und das Sein nur die schematisierte Intelligenz; stellt man sich auf den Standpunkt der Notwendigkeit oder des Seins, so ist das Denken nur ein Schema des absoluten Seins. Im transzendentalen Wissen ist beides vereinigt, Sein und Intelligenz; ebenso ist transzendentales Wissen und transzendentales Anschauen eins und dasselbe: der verschiedene Ausdruck deutet nur auf das Überwiegende des ideellen oder reellen Faktors.

Es ist von der tiefsten Bedeutung, daß mit so vielem Ernst behauptet worden ist, ohne transzendentale Anschauung könne nicht philosophiert werden. Was hieße denn, ohne Anschauung philosophieren? In absoluten Endlichkeiten sich endlos zerstreuen; diese Endlichkeiten seien subjektive oder objektive, Begriffe oder Dinge, oder es werde auch von einer Art zu der anderen übergegangen, so geht das Philosophieren ohne Anschauung an einer endlosen Reihe von Endlichkeiten fort, und der Übergang vom Sein zum Begriffe oder vom Begriff zum Sein ist ein ungerechtfertigter Sprung. Ein solches Philosophieren heißt ein formales, denn Ding wie Begriff ist jedes für sich nur Form des Absoluten; es setzt die Zerstörung der transzendentalen Anschauung, eine absolute Entgegensetzung des Seins und Begriffs voraus, und wenn es vom Unbedingten spricht, so macht es selbst dies wieder, etwa in der Form einer Idee, die dem Sein entgegengesetzt sei, zu einem Formalen. Je besser die Methode ist, desto greller werden die Resultate. Für die Spekulation sind die Endlichkeiten Radien des unendlichen Fokus, der sie ausstrahlt und zugleich von ihnen gebildet ist; in ihnen ist der Fokus und im Fokus sie gesetzt. In der transzendentalen Anschauung ist alle Entgegensetzung aufgehoben, aller Unterschied der Konstruktion des Universums durch und für die Intelligenz und seiner als ein Objektives angeschauten, unabhängig erscheinenden Organisation vernichtet. Das Produzieren des Bewußtseins dieser Identität ist die Spekulation, und weil Idealität und Realität in ihr eins ist, ist sie Anschauung.


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