Transzendentale Deduktion


Es ergibt sich hieraus der Charakter der transzendentalen Deduktion einer objektiven Welt. Ich = Ich als Prinzip der Spekulation oder der subjektiven philosophischen Reflexion, welche dem empirischen Bewußtsein entgegengesetzt ist, hat sich objektiv als Prinzip der Philosophie dadurch zu erweisen, daß es die Entgegensetzung gegen das empirische Bewußtsein aufhebt. Dies muß geschehen, wenn das reine Bewußtsein aus sich selbst eine Mannigfaltigkeit von Tätigkeiten produziert, welche der Mannigfaltigkeit des empirischen Bewußtseins gleich ist; hierdurch würde sich Ich = Ich als der immanente Realgrund der Totalität des Außereinander der Objektivität erweisen. Aber im empirischen Bewußtsein ist ein Entgegengesetztes, ein X, welches das reine Bewußtsein, weil es ein Sich-selbst-Setzen ist, nicht aus sich produzieren noch überwinden kann, sondern es voraussetzen muß. Es ist die Frage, ob die absolute Identität nicht auch, insofern sie als theoretisches Vermögen erscheint, gänzlich von der Subjektivität und von der Entgegensetzung gegen empirisches Bewußtsein abstrahieren und innerhalb dieser Sphäre sich selbst objektiv, A = A, werden kann. Aber dieses theoretische Vermögen, als Ich, das sich setzt als Ich, bestimmt durch Nicht-Ich, ist überhaupt keine reine immanente Sphäre; auch innerhalb derselben ist jedes Produkt des Ich zugleich ein durch Ich nicht Bestimmtes; das reine Bewußtsein, insofern es die Mannigfaltigkeit des empirischen Bewußtseins aus sich produziert, erscheint deswegen mit dem Charakter der Mangelhaftigkeit. Diese ursprüngliche Mangelhaftigkeit desselben konstituiert sonach die Möglichkeit einer Deduktion der objektiven Welt überhaupt, und das Subjektive desselben erscheint in dieser Deduktion aufs klarste. Ich setzt eine objektive Welt, weil es sich, insofern es sich selbst setzt, als mangelhaft erkennt; und damit fällt die Absolutheit des reinen Bewußtseins hinweg. Die objektive Welt erhält zum Selbstbewußtsein das Verhältnis, daß sie eine Bedingung desselben wird. Reines Bewußtsein und empirisches bedingen sich gegenseitig, eins ist so notwendig als das andere; es wird, nach Fichtes Ausdruck17), zum empirischen Bewußtsein fortgegangen, weil das reine Bewußtsein kein vollständiges Bewußtsein ist. — In diesem Wechselverhältnis bleibt ihre absolute Entgegensetzung; die Identität, welche stattfinden kann, ist eine höchst unvollständige und oberflächliche; es ist eine andere notwendig, welche reines und empirisches Bewußtsein in sich faßt, aber beide als das, was sie sind, aufhebt.

Von der Form, welche das Objektive (oder die Natur) durch diese Art der Deduktion erhält, wird unten die Rede sein. Aber die Subjektivität des reinen Bewußtseins, die sich aus der erörterten Form der Deduktion ergibt, gibt uns über eine andere Form derselben Aufschluß, in welcher die Produktion des Objektiven ein reiner Akt der freien Tätigkeit ist. Ist das Selbstbewußtsein bedingt durch das empirische Bewußtsein, so kann das empirische Bewußtsein nicht Produkt absoluter Freiheit sein, und die freie Tätigkeit des Ich würde nur ein Faktor in der Konstruktion der Anschauung einer objektiven Welt werden. Daß die Welt ein Produkt der Freiheit der Intelligenz ist, ist das bestimmt ausgesprochene Prinzip des Idealismus, und wenn der Fichtesche Idealismus dies Prinzip nicht zu einem System konstruiert hat, so wird sich der Grund davon in dem Charakter finden, in welchem die Freiheit in diesem System auftritt.

 

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17) Fichte, Wissenschaftslehre, SW, Bd. 1, S. 167 f.


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