Natur vom niederen Standpunkt aus


Von diesem Sich-selbst-Bestimmenden durch sich selbst müssen nun die Reflexionsprodukte, Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil usw. in ihrer Antinomie prädiziert, die Natur also als Ursache und Wirkung ihrer selbst, als Ganzes und Teil zugleich usw. gesetzt werden, wodurch sie den Schein erhält, ein Lebendiges und Organisches zu sein.31)

Allein dieser Standpunkt, auf welchem das Objektive von der reflektierenden Urteilskraft als ein Lebendiges charakterisiert wird, wird zu einem niedrigeren Standpunkt. Ich findet sich nämlich nur als Natur, insofern es seine ursprüngliche Begrenztheit allein anschaut und die absolute Schranke des Urtriebs, also sich selbst objektiv setzt. Auf dem transzendentalen Standpunkte wird aber Subjekt = Objekt nur im reinen Bewußtsein, im unbeschränkten Sich-selbst-Setzen anerkannt; dieses Sich-selbst-Setzen hat aber ein absolutes Entgegensetzen gegen sich, welches hierdurch als absolute Schranke des Urtriebs bestimmt ist. Insofern Ich, als Trieb, sich nicht nach der Idee der Unendlichkeit bestimmt, also sich endlich setzt, ist dieses Endliche die Natur; es ist, als Ich, zugleich unendlich und Subjekt-Objekt. Der transzendentale Gesichtspunkt, weil er nur das Unendliche als Ich setzt, macht hiermit eine Trennung des Endlichen und Unendlichen. Er zieht die Subjekt-Objektivität aus dem, was als Natur erscheint, heraus, und dieser bleibt nichts als die tote Schale der Objektivität. Ihr, dem vorher Endlich-Unendlichen, wird die Unendlichkeit genommen, und sie bleibt reine Endlichkeit, dem Ich = Ich entgegengesetzt; was Ich an ihr war, wird zum Subjekt gezogen. Wenn nun der transzendentale Gesichtspunkt von der Identität, Ich = Ich, worin weder Subjektives noch Objektives ist, zur Differenz beider, welche als Entgegensetzen gegen das Sich-selbst-Setzen, gegen Ich = Ich geblieben ist, fortgeht und die Entgegengesetzten immer weiter bestimmt, so kommt er auch zu einem Standpunkt, auf welchem Natur für sich, als Subjekt = Objekt gesetzt ist; aber es soll nicht vergessen werden, daß diese Ansicht der Natur nur ein Produkt der Reflexion auf dem niedrigeren Standpunkt sei. In der transzendentalen Deduktion bleibt die Schranke des Urtriebs (objektiv gesetzt — Natur) eine dem Urtrieb, dem wahren Wesen, das Ich = Ich, Subjekt = Objekt ist, absolut entgegengesetzte reine Objektivität. Diese Entgegensetzung ist die Bedingung, durch welche Ich praktisch wird, d. h. die Entgegensetzung aufheben muß; diese Aufhebung wird so gedacht, daß eins vom andern abhängig gesetzt wird. Die Natur wird in praktischer Rücksicht gesetzt als ein absolut durch den Begriff Bestimmtes; insofern sie nicht vom Ich bestimmt ist, hat Ich nicht Kausalität oder ist nicht praktisch; und der Standpunkt, welcher die Natur lebendig setzte, fällt wieder weg, denn ihr Wesen, ihr Ansich, sollte nichts sein als eine Schranke, eine Negation. Die Vernunft bleibt auf diesem praktischen Standpunkte nichts als die tote und tötende Regel formaler Einheit, in die Hand der Reflexion gegeben, welche Subjekt und Objekt ins Verhältnis der Abhängigkeit des einen vom andern oder der Kausalität setzt und auf diese Weise das Prinzip der Spekulation, die Identität gänzlich beseitigt.

 

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31) Fichte, Sittenlehre, SW, Bd. IV, S. 114 f.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 11.11.2006 
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