Antinomie, Raum, Zeit


Sowenig das theoretische Vermögen des Ich zur absoluten Selbstanschauung gelangen konnte, sowenig kann es das praktische; dieses wie jenes ist durch einen Anstoß bedingt, der sich als Faktum nicht aus dem Ich ableiten läßt, dessen Deduktion die Bedeutung hat, daß er als Bedingung des theoretischen und praktischen Vermögens aufgezeigt wird. Die Antinomie bleibt als Antinomie und wird im Streben, welches das Sollen als Tätigkeit ist, ausgedrückt. Diese Antinomie ist nicht die Form, in welcher das Absolute der Reflexion erscheint, wie für die Reflexion kein anderes Auffassen des Absoluten als durch Antinomie möglich ist; sondern dieser Gegensatz der Antinomie ist das Fixierte, das Absolute: er soll als Tätigkeit, nämlich als ein Streben, die höchste Synthese sein und die Idee der Unendlichkeit eine Idee in dem Kantischen Sinne bleiben, in welchem sie der Anschauung absolut entgegengesetzt ist. Diese absolute Entgegensetzung der Idee und der Anschauung und die Synthese derselben, die nichts als eine sich selbst zerstörende Forderung ist, nämlich eine Forderung der Vereinigung, die aber nicht geschehen soll, drückt sich im unendlichen Progreß aus. Die absolute Entgegensetzung wird hiermit in die Form eines niedrigeren Standpunktes geschoben, welche lange für eine wahre Aufhebung der Entgegensetzung und die höchste Auflösung der Antinomie durch Vernunft gegolten hat. Das in die Ewigkeit verlängerte Dasein schließt beides, Unendlichkeit der Idee und Anschauung in sich, aber beides in solchen Formen, die ihre Synthese unmöglich macht. Die Unendlichkeit der Idee schließt alle Mannigfaltigkeit aus; die Zeit hingegen schließt unmittelbar Entgegensetzung, ein Außereinander in sich, und das Dasein in der Zeit ist ein sich Entgegengesetztes, Mannigfaltiges, und die Unendlichkeit ist außer ihr. — Der Raum ist gleichfalls ein Außersichgesetztsein; aber in seinem Charakter der Entgegensetzung kann er eine unendlich reichere Synthese genannt werden als die Zeit. Der Vorzug, den die Zeit erhält, daß der Progreß in ihr geschehen soll, kann nur darin liegen, daß das Streben absolut einer äußeren Sinnenwelt entgegen- und als ein Inneres gesetzt wird, wobei Ich als absolutes Subjekt, als Einheit des Punkts, und populärer als Seele hypostasiert wird. — Soll die Zeit Totalität sein, als unendliche Zeit, so ist die Zeit selbst aufgehoben, und es war nicht nötig, zu ihrem Namen und zu einem Progreß des verlängerten Daseins zu fliehen. Das wahre Aufheben der Zeit ist zeitlose Gegenwart, d. i. Ewigkeit; und in dieser fällt das Streben und das Bestehen absoluter Entgegensetzung weg. Jenes verlängerte Dasein beschönigt die Entgegensetzung nur in der Synthese der Zeit, deren Dürftigkeit durch diese beschönigende Verbindung mit einer ihr absolut entgegengesetzten Unendlichkeit nicht vervollständigt, sondern auffallender wird.


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